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Musik im Mittelalter

Hildegard von Bingen, mittelalterliche Komponistin
Einführung

Die Musik des Mittelalters umfasst einen Zeitraum von rund tausend Jahren – etwa vom 6. bis zum 15. Jahrhundert. Sie ist die längste Epoche der Musikgeschichte und gleichzeitig die schwierigste, weil aus ihrer Frühzeit kaum Notenmaterial überliefert ist. Der grösste Teil der mittelalterlichen Musik wurde mündlich tradiert.

Im Zentrum steht die geistliche Musik, vor allem der einstimmige Gesang der katholischen Liturgie, der später unter dem Namen Gregorianik bekannt wurde. Daneben gab es weltliche Lieder der Troubadoure, Trouvères und Minnesänger sowie die ersten Versuche mehrstimmiger Musik, die schließlich in der Pariser Notre-Dame-Schule einen Höhepunkt fanden.

Die Gregorianik

Die Gregorianik oder der Gregorianische Choral ist die offizielle einstimmige Liturgiemusik der römisch-katholischen Kirche. Der Name geht zurück auf Papst Gregor I. (um 540–604), dem die Sammlung dieses Repertoires (legendenhaft) zugeschrieben wird. Tatsächlich wuchs der Choral über Jahrhunderte aus verschiedenen lokalen Traditionen.

Charakteristika des Gregorianischen Chorals:

Einstimmig (monodisch), ohne Instrumentalbegleitung
• In lateinischer Sprache
• In freier rhythmischer Form, dem Sprachduktus folgend
• In den Kirchentonarten (Modi): Dorisch, Phrygisch, Lydisch, Mixolydisch und ihre „hypo“-Formen
Drei Vortragsweisen: Syllabisch (eine Note pro Silbe), Neumatisch (mehrere Noten pro Silbe), Melismatisch (lange Tonfolgen auf einer Silbe)

Bekannte Gregorianische Gesänge sind das Kyrie, Gloria, Credo, Sanctus und Agnus Dei (das Ordinarium der Messe), das Veni Creator Spiritus und das Dies irae aus der Totenmesse.

Die Entstehung der Notenschrift

Im 9. Jahrhundert begannen Mönche damit, die mundlich tradierten Choralgesänge schriftlich festzuhalten. Sie verwendeten zunächst Neumen: kleine Zeichen über den Textzeilen, die die ungefähre Richtung der Melodie anzeigten. Sie waren ein Gedächtnishilfe, aber keine exakte Notation.

Den entscheidenden Schritt zur exakten Tonhöhen-Notation machte Guido von Arezzo (um 992–1050). Er entwickelte das Liniensystem: Erst zwei, dann vier Linien, auf die die Neumen platziert wurden. Damit war die Tonhöhe eindeutig festgelegt. Außerdem erfand Guido die Solmisationssilben Ut-Re-Mi-Fa-Sol-La (später ergänzt um Si und mit Do statt Ut), die heute noch in Italien und Frankreich verwendet werden.

Die Notre-Dame-Schule

Im 12. und 13. Jahrhundert entstand in Paris an der Kathedrale Notre-Dame eine bedeutende Komponistenschule, die als Notre-Dame-Schule bekannt ist. Sie ist die wichtigste Schule der mittelalterlichen Mehrstimmigkeit (Polyphonie).

Die zwei wichtigsten Komponisten waren:

Léonin (Leoninus, tätig um 1180): Schuf das Magnus liber organi, eine Sammlung zweistimmiger Organa für die wichtigsten Feste des Kirchenjahrs
Pérotin (Perotinus, tätig um 1200): Überarbeitete Leonins Werk und schuf erstmals dreistimmige („Viderunt omnes“) und sogar vierstimmige Organa

Im Organum wird ein Choralton der Gregorianik (der Tenor) lange ausgehalten, während darüber eine oder mehrere weitere Stimmen kunstvoll verzieren. So entsteht die erste echte mehrstimmige Musik der abendländischen Tradition.

Die Notre-Dame-Schule entwickelte auch die modale Notation: Eine rhythmische Schreibweise, die feste Pattern (Modi) für Lang/Kurz-Verhältnisse vorsah.

Hildegard von Bingen

Hildegard von Bingen (1098–1179) ist die wichtigste Komponistin des Mittelalters und eine der ersten namentlich bekannten Komponistinnen der Musikgeschichte überhaupt. Sie war Äbtissin eines Benediktinerinnenklosters auf dem Rupertsberg bei Bingen, Mystikerin, Heilkundige, Theologin, Naturwissenschaftlerin und Komponistin in einem.

Ihre erhaltenen Kompositionen sind in der Sammlung „Symphonia harmoniae caelestium revelationum“ überliefert – etwa 77 Lieder und das frühe Mysterienspiel „Ordo virtutum“. Stilistisch zählen ihre Gesänge zur Gregorianik, zeichnen sich aber durch besonders weite Ambituslagen, ekstatische Melismen und ungewöhnliche melodische Gestik aus.

Weltliche Musik des Mittelalters

Neben der geistlichen Musik blühte auch die weltliche Musik. Ihre Träger waren herumziehende Sänger und Adlige:

Troubadours (Südfrankreich, 12. Jh.): Bernart de Ventadorn, Jaufre Rudel
Trouvères (Nordfrankreich, 13. Jh.): Adam de la Halle
Minnesänger (Deutschland, 12.–14. Jh.): Walther von der Vogelweide, Wolfram von Eschenbach, Tannhäuser
Meistersinger (Deutschland, 14.–16. Jh.): Hans Sachs in Nürnberg

Sie sangen vom höfischen Liebesideal („hohe Minne“), von Krieg, Frommheit und Spott. Ihre Melodien sind ähnlich den Choralmelodien aufgebaut, allerdings in der Volkssprache.

Ars antiqua und Ars nova

Im 14. Jahrhundert wird die mittelalterliche Musik komplexer. Die Theorie unterscheidet:

Ars antiqua (13. Jh.): Notre-Dame-Stil, einfache rhythmische Modi
Ars nova (14. Jh.): Neue rhythmische Komplexität, eingeführt durch den französischen Theoretiker Philippe de Vitry. Hauptmeister ist Guillaume de Machaut (um 1300–1377), der mit seiner Messe de Nostre Dame die erste vollständig erhaltene polyphone Vertonung des Mess-Ordinariums geschaffen hat.

Bedeutung im musikgeschichtlichen Kontext

Das Mittelalter legt die Grundlagen für alles, was später kommt. Die Notenschrift, die Mehrstimmigkeit, die liturgischen Formen, die Kirchentonarten – all dies prägt die abendländische Musik bis heute. Auch die Wiener Klassik und die Romantik bauen letztlich auf den Errungenschaften des Mittelalters auf.

Im hessischen Abiturerlass wird das Mittelalter eher knapp behandelt, sollte aber für das Verständnis der Musikgeschichte sicher beherrscht werden.

Zusammenfassung:

• Mittelalter: 6.–15. Jahrhundert
• Gregorianik: einstimmig, lateinisch, in Kirchentonarten
• Guido von Arezzo: Liniensystem und Solmisationssilben
• Notre-Dame-Schule (Paris, 12./13. Jh.): Léonin und Pérotin, Organum
• Hildegard von Bingen (1098–1179): wichtigste Komponistin
• Weltliche Musik: Troubadours, Trouvères, Minnesänger
• Ars nova (14. Jh.): Machaut, Messe de Nostre Dame

Abitur-Tipp: Bei Aufgaben zum Mittelalter solltest du den Unterschied zwischen einstimmiger Gregorianik und mehrstimmiger Notre-Dame-Polyphonie klar machen. Nenne mit Hildegard von Bingen, Léonin und Machaut konkrete Komponistennamen. Der Hinweis auf Guido von Arezzo und die Erfindung der Notenschrift bringt fast immer Punkte.