Die Renaissance ist eine Epoche der europäischen Geistesgeschichte, die etwa von 1400 bis 1600 reicht. Der Begriff (franz. „Wiedergeburt“) bezeichnet die Wiederentdeckung der Kunst, Philosophie und Wissenschaft der Antike nach den Jahrhunderten des Mittelalters. In der Malerei beginnt die Epoche mit Giotto, in der Architektur mit Brunelleschi, in der Bildhauerei mit Donatello.
Die musikalische Renaissance beginnt etwa um 1430 mit der franko-flämischen Schule und endet um 1600 mit dem Aufkommen der Oper und des Generalbasses. Charakteristisch ist die Vokalpolyphonie: ein vierstimmiger oder mehrstimmiger Chorsatz, in dem alle Stimmen gleichberechtigt miteinander spielen.
Im Unterschied zur mittelalterlichen Polyphonie der Notre-Dame-Schule ist die Renaissance-Polyphonie weicher, ausgewogener und konsonanter. Die Akkorde nähern sich zunehmend dem Dur-Moll-Tonalitätssystem an. Die Renaissance-Musik wirkt klangschön und ausgewogen.
Die wichtigste Komponistenschule der Renaissance war die franko-flämische Schule, die ihren Ursprung in den heutigen Beneluxländern und Nordfrankreich hatte. Ihre Vertreter wirkten in ganz Europa, besonders an italienischen Höfen.
Wichtige Komponisten:
• Guillaume Dufay (um 1397–1474): Begründer, schrieb Messen, Motetten und weltliche Chansons
• Johannes Ockeghem (um 1420–1497): Meister komplexer Kontrapunktik
• Josquin Desprez (um 1450–1521): Der wichtigste Vertreter, oft als „Mozart der Renaissance“ bezeichnet
• Orlando di Lasso (1532–1594): Universalgenie der Renaissance, mit Werken in allen Gattungen
Josquin Desprez ist die Schlüsselfigur der Renaissance-Musik. Seine Werke sind durch besondere Klarheit, Ausdruck und Eleganz gekennzeichnet. Martin Luther sagte über ihn: „Josquin ist der Noten Meister, sie müssen, wie er will; andere Komponisten müssen tun, wie es die Noten wollen.“
Wichtige Werke:
• Missa Pange lingua: Eine Messe über den Hymnus „Pange lingua“
• Missa Hercules dux Ferrariae: Mit einem Cantus firmus aus den Vokalen des Namens (Re-Ut-Re-Ut-Re-Fa-Mi-Re)
• Ave Maria, Virgo serena: Sein bekanntestes Motett
• El grillo: Eine heitere Frottola über eine Grille
Josquin perfektionierte verschiedene kompositorische Techniken: Kanon, Imitation (alle Stimmen treten nacheinander mit derselben Melodie ein) und Cantus-firmus-Technik (eine Stimme wird mit einer vorgegebenen Melodie beibehalten).
Giovanni Pierluigi da Palestrina (um 1525–1594) ist der bedeutendste Komponist der italienischen Renaissance und der grösste Meister der katholischen Kirchenmusik. Sein Stil gilt bis heute als Vorbild reinen kontrapunktischen Schreibens; im 18. Jahrhundert wurde er zum Lehrkanon im strengen Satz.
Auf dem Konzil von Trient (1545–1563), der grössten Reform der katholischen Kirche, wurde darüber diskutiert, ob die mehrstimmige Kirchenmusik abgeschafft werden sollte: Die Texte seien in der Vokalpolyphonie nicht mehr verständlich. Der Legende nach komponierte Palestrina die „Missa Papae Marcelli“ als Beweis, dass auch sechsstimmige Polyphonie textverständlich sein kann – und rettete so die Kirchenmusik. Historisch ist die Geschichte umstritten, aber die Messe selbst gehört zu den meistgesungenen Werken der katholischen Kirche.
Palestrina schrieb über 100 Messen, mehr als 250 Motetten, Madrigale und andere Werke. Seine Tonsprache ist ausgewogen, klangschön und meidet jede Schärfe.
Das Madrigal ist die wichtigste weltliche Vokalgattung der Renaissance. Es entstand im 14. Jahrhundert in Italien und erlebte im 16. Jahrhundert seine Blüte. Im Gegensatz zur lateinischen Kirchenmusik wurde das Madrigal in der Volkssprache (Italienisch) gesungen, oft über Liebesgedichte zeitgenössischer Dichter.
Charakteristisch für das Madrigal ist die Tonmalerei (Madrigalismus): Einzelne Wörter werden musikalisch dargestellt. Bei dem Wort „steigen“ eine aufsteigende Linie, bei „sterben“ ein abrupter Halt, bei „Tränen“ chromatische Seufzer. Diese Technik wurde später für die Affektenlehre des Barock fundamental.
Wichtige Madrigalisten:
• Luca Marenzio (1553–1599)
• Carlo Gesualdo (1566–1613): Beruchtigt für seine extreme Chromatik
• Claudio Monteverdi (1567–1643): Acht Bücher Madrigale, Brücke zum Barock
Claudio Monteverdi markiert den Übergang von der Renaissance zum Barock. Seine ersten fünf Bücher Madrigale stehen noch in der Renaissance-Tradition; ab dem fünften Buch (1605) werden die Werke dramatischer, ausdruckstiefer und sprengen die alten Regeln. Monteverdi sprach von einer „seconda pratica“ (zweite Praxis), in der die Musik dem Text dienen darf und die alten Regeln des Kontrapunkts brechen kann.
1607 komponierte Monteverdi die Oper „L’Orfeo“ – eines der ersten Meisterwerke der neuen Gattung der Oper. Damit beginnt das Barock.
Mit der Reformation (1517) entstand auch eine neue protestantische Kirchenmusik. Martin Luther wollte den Gemeindegesang in der Volkssprache und schuf den protestantischen Kirchenchoral. Luther selbst dichtete und komponierte Choralmelodien („Ein feste Burg ist unser Gott“). Diese Lieder wurden zur Grundlage der protestantischen Kirchenmusik bis hin zu Bach.
Die Renaissance ist die erste „moderne“ Epoche der Musikgeschichte. Hier wird die Vokalpolyphonie zur höchsten Kunst entwickelt, der Akkordsatz beginnt sich heraus zu kristallisieren, und die Tonmalerei begründet die Tradition der wortbezogenen Komposition. Die Wiener Klassik baut auf der harmonischen Sprache, die in der Renaissance vorbereitet wurde.
Im hessischen Abiturerlass wird die Renaissance vor allem im Vergleich mit dem Mittelalter und dem Barock behandelt.
Zusammenfassung:
• Renaissance ca. 1400–1600
• Hauptmerkmal: Vokalpolyphonie, ausgewogener Klang
• Franko-flämische Schule: Dufay, Ockeghem, Josquin Desprez
• Palestrina „Missa Papae Marcelli“ und das Konzil von Trient
• Madrigal als wichtigste weltliche Form mit Tonmalerei
• Monteverdi (8 Bücher Madrigale, 1607 „L’Orfeo“) als Brücke zum Barock
• Reformation: Luther und der protestantische Choral
Abitur-Tipp: Bei Renaissance-Aufgaben solltest du immer den Begriff Vokalpolyphonie verwenden und die wichtigsten Komponisten (Josquin Desprez, Palestrina, Lasso) nennen. Das Madrigalismus-Prinzip eignet sich gut, um eine Brücke zur späteren Affektenlehre des Barock zu schlagen. Vergiss nicht: Monteverdi steht zwischen den Epochen.