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Jazzgeschichte

Louis Armstrong, Jazzlegende
Wurzeln und Entstehung

Der Jazz entstand um 1900 in den USA, vor allem in der Hafenstadt New Orleans. Er ist eine Musik mit afroamerikanischen Wurzeln und verbindet Elemente aus dem Blues, dem Spiritual, dem Worksong, dem Ragtime, dem europäischen Marsch und der Tanzmusik. Die Sklaverei und ihre Folgen, die afrikanischen Trommeltraditionen und die Begegnung verschiedener Kulturen in New Orleans bilden den Ursprungsboden des Jazz.

Charakteristisch für den Jazz sind Improvisation, Swing-Phrasierung (das ungleichmäßige „swingende“ Phrasieren von Achteln), Off-Beat-Akzente, Blue Notes (verminderte Terz und Septime) und das Call-and-Response-Prinzip.

New Orleans Jazz und Dixieland (ca. 1900–1928)

Der erste Stil ist der New Orleans Jazz. Typische Besetzung: Trompete (Kornett), Klarinette, Posaune („Frontline“) sowie Banjo, Tuba und Schlagzeug („Rhythm Section“). Die drei Bläser improvisieren kollektiv: jeder spielt zugleich seine eigene Stimme über dem harmonischen Gerüst.

Der wichtigste Musiker dieser frühen Phase ist der Trompeter und Sänger Louis Armstrong (1901–1971). Mit seinen Aufnahmen der Hot Five und Hot Seven (1925–1928) wird er zum ersten großen Solisten des Jazz und löst die kollektive Improvisation zugunsten des Solos ab. Sein Stück West End Blues (1928) gilt als Meilenstein.

Swing Era (ca. 1930–1945)

In den 1930er Jahren wird der Jazz zur Massenkultur. Große Big Bands mit 15 bis 20 Musikern beherrschen die Tanzsäle Amerikas und Europas. Die Stilepoche heißt Swing, weil das „Swing-Feeling“ allgegenwärtig wird.

Führende Big Bands sind die Bands von Duke Ellington (1899–1974) und Count Basie (1904–1984). Ellington schrieb hochkomplexe Arrangements wie Take the ‘A’ Train (1941, komponiert von Billy Strayhorn) oder Mood Indigo (1930). Count Basies Band aus Kansas City entwickelte einen entspannten, bluesgeprägten Swingstil mit dem berühmten Stück One O’Clock Jump (1937). Auch Benny Goodman, Glenn Miller und Artie Shaw gehören in diese Ära.

Bebop (ca. 1945–1955)

Nach 1945 reagieren junge Musiker auf die kommerzielle Glattheit des Swing mit einer neuen, anspruchsvollen Spielweise: dem Bebop. Statt riesiger Big Bands spielen kleine Combos (Trio, Quartett, Quintett). Tempo und Komplexität steigen erheblich, harmonisch wird mit Substitutionen und chromatischen Linien gearbeitet.

Die zentralen Bebop-Musiker sind der Altsaxophonist Charlie Parker („Bird“, 1920–1955) und der Trompeter Dizzy Gillespie (1917–1993). Parkers Aufnahmen wie Ko-Ko (1945) oder Ornithology (1946) revolutionieren die improvisatorische Sprache. Auch der Pianist Thelonious Monk und der Schlagzeuger Max Roach gehören zur Bebop-Generation.

Cool Jazz und Modal Jazz (ca. 1949–1965)

Als Reaktion auf die Hektik des Bebop entsteht der Cool Jazz: eine entspannte, lyrische, oft polyphone Spielweise. Der Trompeter Miles Davis (1926–1991) ist die Schlüsselfigur. Sein Album Birth of the Cool (Aufnahmen 1949/50) gibt dem Stil seinen Namen.

1959 veröffentlicht Miles Davis das Album Kind of Blue – das meistverkaufte Jazzalbum der Geschichte. Mit Stücken wie So What begründet er den Modal Jazz: Statt schnell wechselnder Akkorde improvisieren die Musiker über wenige, lange ausgehaltene Modi (z. B. dorisch). Daneben sind im Sextett von Miles Davis 1959 John Coltrane, Cannonball Adderley und Bill Evans zu hören – eine Traumbesetzung.

Free Jazz (ab ca. 1959)

Der Free Jazz bricht mit den traditionellen Regeln des Jazz: keine festen Akkordfolgen, kein festes Metrum, keine festen Tonarten mehr. Die Musiker improvisieren völlig frei, oft kollektiv und in dichten klänglichen Schichtungen.

Wegweisend ist das Album The Shape of Jazz to Come (1959) des Altsaxophonisten Ornette Coleman (1930–2015). Auch John Coltrane (1926–1967) entwickelt sich vom Hardbop in Richtung Free Jazz: Sein Album A Love Supreme (1964) ist spirituell aufgeladen, sein spätes Werk Ascension (1965) gänzlich frei. Der Free Jazz ist auch politisch zu lesen – als künstlerische Antwort auf die Bürgerrechtsbewegung.

Fusion und Gegenwart (ab ca. 1969)

Ende der 1960er Jahre verbindet sich der Jazz mit dem Rock zur Fusion oder Jazzrock. Wieder ist es Miles Davis, der die Tore öffnet: Sein Album Bitches Brew (1969) gilt als Initialzündung. Elektrische Instrumente, Rockrhythmen und dichte Klangflächen ersetzen die akustische Tradition. Bands wie Weather Report, Mahavishnu Orchestra und Return to Forever entwickeln den Stil weiter.

Seit den 1980er Jahren existieren viele Stile parallel: Neoklassizismus (Wynton Marsalis), Smooth Jazz, Nu Jazz, Crossover mit Hip-Hop und Elektronik. Der Jazz ist heute eine globale, stilistisch äußerst vielfältige Musik mit eigenen Hochschulen und Festivals weltweit.

Zusammenfassung:

• Wurzeln um 1900 in New Orleans, afroamerikanische Tradition
• New Orleans Jazz: Louis Armstrong, kollektive Improvisation
• Swing: Duke Ellington, Count Basie, Big Band Ära (1930–1945)
• Bebop: Charlie Parker, Dizzy Gillespie, kleine Combos (ab 1945)
• Cool/Modal Jazz: Miles Davis „Kind of Blue“ (1959)
• Free Jazz: Ornette Coleman, John Coltrane (ab 1959)
• Fusion: Miles Davis „Bitches Brew“ (1969)

Abitur-Tipp: Lerne pro Stilepoche mindestens einen Hauptvertreter mit einem Werk und Jahreszahl auswendig. Besonders wichtig sind Louis Armstrong (West End Blues 1928), Duke Ellington (Take the A Train 1941), Charlie Parker, Miles Davis (Kind of Blue 1959, Bitches Brew 1969) und Ornette Coleman (1959). Höre zu jeder Stilepoche mindestens ein Beispiel – in der Klausur kann eine Hörerkennung verlangt werden.