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Mozart: Die Zauberflöte

Entstehung und historischer Kontext

Wolfgang Amadeus Mozarts Die Zauberflöte (KV 620) wurde am 30. September 1791 im Freihaustheater auf der Wieden in Wien uraufführt – nur zwei Monate vor Mozarts Tod am 5. Dezember desselben Jahres. Das Libretto stammt von Emanuel Schikaneder, dem Theaterdirektor und befreundeten Freimaurer Mozarts, der auch die Rolle des Papageno selbst sang.

Die Zauberflöte ist Mozarts letzte vollendete Oper und zugleich sein erstes ausdrücklich deutschsprachiges Bühnenwerk größeren Umfangs. Sie entstand in einer Zeit politischer Umwälzungen: Die Französische Revolution (1789) lag erst zwei Jahre zurück, in Österreich regierte der konservative Kaiser Leopold II., und die Freimaurerei – deren Ideale die Oper feiert – geriet zunehmend unter Druck.

Schikaneder verarbeitete in seinem Libretto verschiedene Quellen: das Märchen Lulu oder die Zauberflöte aus August Jacob Liebeskinds Sammlung Dschinnistan, ägyptische Mysterienromane wie Jean Terrassons Sethos (1731) und Ideen aus Ignaz von Borns Aufsatz über die ägyptischen Mysterien. Der bunte Stoff wurde von Mozart und Schikaneder zu einem vielschichtigen Werk verbunden, das Märchen, Mysterienspiel, Komödie und philosophisches Gleichnis vereint.

Das Singspiel als Gattung

Die Zauberflöte ist ein Singspiel – die deutschsprachige Form der Oper mit gesprochenen Dialogen anstelle von Rezitativen. Anders als die italienische Opera seria oder Opera buffa, die durchkomponiert sind, wechseln im Singspiel gesprochene Szenen und Musiknummern (Arien, Ensembles, Chöre) ab.

Das Singspiel entstand im 18. Jahrhundert als bürgerliche Alternative zur höfischen italienischen Oper. Joseph II. förderte die Gattung mit der Gründung des deutschen Nationalsingspiels in Wien (1778). Mozart schrieb davor schon Die Entführung aus dem Serail (1782), seinen ersten großen Singspiel-Erfolg.

Die Zauberflöte steigert die Form ins Universale: Sie verbindet volkstümliche Lieder (Papagenos „Der Vogelfänger bin ich ja“) mit virtuosen Koloraturarien (Königin der Nacht), strengen Choralpassagen (die geharnischten Männer) und hymnischer Erhabenheit (Sarastros Arien). So wird das Singspiel zur ersten echten deutschen Nationaloper.

Aufklärung und Freimaurerei

Die Zauberflöte ist das musikalische Bekenntnis Mozarts zur Aufklärung und zur Freimaurerei. Mozart war seit dem 14. Dezember 1784 Mitglied der Wiener Loge „Zur Wohltätigkeit“, später „Zur neugekrönten Hoffnung“. Auch Schikaneder war Freimaurer.

Die Oper steckt voller freimaurerischer Symbolik. Die Zahl Drei ist allgegenwärtig: drei Damen, drei Knaben, drei Tempel (Weisheit, Vernunft, Natur), drei Akkorde der Ouvertüre (Es-Dur mit drei Vorzeichen, der freimaurerischen Tonart), drei Prüfungen für Tamino. Das gesamte Werk ist eine allegorische Darstellung des freimaurerischen Initiationsweges: der Mensch überwindet Aberglauben und Nächte (Königin der Nacht), um durch Prüfungen zur Weisheit (Sarastro) zu gelangen.

Die zentralen Werte der Aufklärung – Vernunft, Weisheit, Tugend, Brüderlichkeit, Wahrheit – werden in den Arien Sarastros und in den Chören der Priester direkt besungen. „In diesen heil'gen Hallen kennt man die Rache nicht“ – das ist das musikalische Manifest einer humanistischen Ethik.

Die Königin der Nacht: „Der Hölle Rache“

Die wohl berühmteste Arie der Opernliteratur überhaupt ist „Der Hölle Rache kocht in meinem Herzen“ – die zweite Arie der Königin der Nacht im zweiten Akt (Nr. 14). Sie steht in d-Moll, der Tonart des Dämonischen.

Musikalisch verlangt die Arie eine extreme Sängerin: Die Stimme muss bis zum dreigestrichenen f (f''') reichen – eine der höchsten Noten der gesamten Opernliteratur. Mozart komponierte die Partie für seine Schwägerin Josepha Hofer, die berühmte Koloratursopranistin am Wiednertheater.

Die Koloraturen sind nicht reine Virtuosität, sondern Affektdarstellung: Die rasenden Sechzehntelläufe und die schneidenden Spitzentöne malen den blinden Hass und die Mordlust der Königin. Sie zwingt ihre Tochter Pamina, Sarastro zu ermorden, sonst werde sie sie verstossen. Die Arie ist eine musikalische Verkörperung des unaufgeklärten, irrationalen, rachsüchtigen Denkens.

Schon die erste Arie der Königin im ersten Akt, „O zittre nicht, mein lieber Sohn“, zeigt diese Doppelnatur: Beginn als g-Moll-Klage, dann Wechsel ins triumphale B-Dur mit Koloraturen.

Sarastro: „In diesen heil'gen Hallen“

Den Gegenpol zur Königin der Nacht bildet Sarastro, der weise Hohepriester des Sonnentempels. Seine zwei großen Arien stehen für die Welt der Aufklärung, der Vernunft und der Vergebung.

„O Isis und Osiris“ (Nr. 10) ist eine hymnenartige Anrufung der ägyptischen Götter, getragen von feierlichen Bläsern (Posaunen, Bassetthörner) – klanglich die freimaurerische Tempelmusik schlechthin.

„In diesen heil'gen Hallen“ (Nr. 15) steht in E-Dur, der Tonart der Liebe und Wahrheit. Die Arie ist schlicht, gesanglich und tief humanistisch: Wer sich in diesen Hallen aufhält, kennt keine Rache. Damit ist sie die direkte musikalische Antwort auf die unmittelbar vorangegangene Rache-Arie der Königin. Mozart stellt die beiden Welten direkt nebeneinander.

Sarastros Stimmlage ist der tiefe Bass (Bassist) – in der barocken Affektenlehre die Stimme der Würde, des Alters, der Weisheit. Mozart komponierte die Partie für Franz Xaver Gerl, der bis zum tiefen F hinabsteigen konnte.

Papageno: Der volkstümliche Gegenpol

Die zweite Hauptfigur neben Tamino ist der Vogelfänger Papageno – ein einfacher, sinnlich-heiterer Mensch, der weder in die Welt der Königin noch in die der Eingeweihten passt. Er ist die Identifikationsfigur für das Vorstadtpublikum.

Seine Auftrittsarie „Der Vogelfänger bin ich ja“ ist eine schlichte Strophenliedform in G-Dur mit Panflötenspiel – bewusst volkstümlich, fast wie ein Volkslied. Auch sein Duett mit Papagena „Pa-pa-pa-pa“ ist eine ständige Vorfreude und Lächerlichkeit zugleich.

Papageno verkörpert das „Naturhafte“: Er will essen, trinken, lieben – nicht philosophieren. Seine Prüfungen besteht er nicht, doch er bekommt trotzdem sein Glück (Papagena). Damit zeigt Mozart eine humorvolle Toleranz: Nicht jeder muss ein Eingeweihter werden.

Die Ouvertüre und die drei Akkorde

Die Ouvertüre beginnt mit drei feierlichen Es-Dur-Akkorden – eine direkte Anspielung auf das freimaurerische Klopfzeichen der dritten Loge. Es-Dur (drei Vorzeichen) ist die symbolische Tonart der Freimaurer, weil sie die Zahl Drei trägt.

Nach der langsamen Einleitung folgt ein schnelles Fugato, dessen Thema von Muzio Clementis Sonate op. 24 Nr. 2 inspiriert ist. Die Fugentechnik symbolisiert die strenge geistige Arbeit, die im Tempel verlangt wird.

In der Mitte der Ouvertüre erklingen erneut drei Akkorde – jetzt wie ein hereinbrechender Aufruf zur Aufmerksamkeit. Die Ouvertüre ist also nicht nur Vorspiel, sondern bereits programmatische Setzung der zentralen Symbolwelt.

Wirkungsgeschichte und Bedeutung

Die Zauberflöte wurde sofort ein riesiger Erfolg. Schon nach einem Monat war sie 24-mal gespielt worden. Bis heute ist sie eine der meistgespielten Opern weltweit. Mozart selbst notierte in einem Brief seine Freude über den stillen Beifall, mit dem das Publikum die ernsten Stellen aufnahm.

Goethe plante sogar eine Fortsetzung („Der Zauberflöte zweiter Teil“, Fragment 1798). Hegel sah in Sarastro die Verkörperung der Vernunft, Schopenhauer und Wagner bewunderten die Verbindung von Volkstümlichkeit und Tiefe. Ingmar Bergman drehte 1975 eine berühmte Verfilmung.

Heute wird die Zauberflöte kontrovers diskutiert: Die Frauenbilder, die rassistischen Züge der Monostatos-Figur und die hierarchische Geschlechterordnung sind problematisch. Doch die Musik bleibt unbestritten zu den genialsten Schöpfungen der Operngeschichte zählend.

Zusammenfassung:

• Uraufführung 30. September 1791 in Wien, Libretto Emanuel Schikaneder
• Singspiel: Wechsel von gesprochenen Dialogen und Musiknummern
• Hauptthema: Aufklärung, Freimaurerei, Vernunft über Aberglaube
• Zentrale Symbolik: Zahl Drei, Tonart Es-Dur, drei Akkorde
• Königin der Nacht (Nacht/Rache) vs. Sarastro (Licht/Vernunft)
• Papageno als volkstümlicher Gegenpol zur Eingeweihtenwelt
• Erste echte deutsche Nationaloper

Abitur-Tipp: Im Abitur wird oft eine Arie analysiert – meist „Der Hölle Rache“ oder „In diesen heil'gen Hallen“. Achte auf Tonart (d-Moll = Dämonisches, E-Dur = Liebe), Stimmlage (Koloratursopran vs. Bass), Affektdarstellung (Koloraturen als Wut, ruhige Bewegung als Weisheit) und auf die freimaurerische Symbolik (Zahl Drei, Es-Dur). Wer die Gegenüberstellung von Vernunft und Aberglaube an konkreten musikalischen Mitteln zeigen kann, überzeugt jeden Prüfer.