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Bach: Die Fuge

Johann Sebastian Bach
Die Fuge als Gattung

Die Fuge (von lateinisch fuga „Flucht“) ist die anspruchsvollste polyphone Form der abendländischen Musik. Sie ist keine feste Form wie die Sonatenhauptsatzform, sondern ein kompositorisches Verfahren: Eine Anzahl gleichberechtigter Stimmen (meist drei oder vier, manchmal fünf) setzt nacheinander mit demselben Thema ein, das anschließend kunstvoll verarbeitet wird.

Die Fuge entwickelte sich aus dem Ricercar, der Canzona und dem Tiento der Renaissance. Höhepunkt ihrer Entwicklung ist Johann Sebastian Bach (1685–1750), der die Fugenkunst zur Vollendung brachte. Mit Bachs Tod gilt das Zeitalter der Fuge als historisch beendet, doch Komponisten wie Mozart (Requiem), Beethoven (Hammerklavier-Sonate, Große Fuge), Mendelssohn, Brahms, Schostakowitsch und Hindemith griffen sie immer wieder auf.

Das Fugenthema (Dux und Comes)

Das Herzstück jeder Fuge ist das Thema (auch Subjekt oder soggetto). Es ist meist kurz, prägnant, gut wiedererkennbar und hat einen klaren rhythmischen und melodischen Charakter. Bach komponiert seine Themen oft so, dass sie schon harmonisch und kontrapunktisch in sich vorbestimmen, wie sie verarbeitet werden können.

Die erste Stimme stellt das Thema in der Tonika vor – sie heißt Dux (lateinisch „Führer“). Die zweite Stimme antwortet mit demselben Thema in der Dominante – sie heißt Comes („Gefährte“). Diese Antwort ist meist eine Quintenversetzung (tonale Antwort), bei der einzelne Intervalle leicht angepasst werden, um die Tonart der Tonika zu sichern.

Wenn die zweite Stimme einsetzt, spielt die erste Stimme nicht zufälligerweise weiter, sondern einen kontrastierenden, aber genau passenden Kontrasubjekt (oder Gegenthema). Dieser Kontrapunkt ist so komponiert, dass er bei jedem späteren Themeneinsatz wieder verwendet werden kann.

Aufbau einer Fuge

Eine typische Fuge gliedert sich in drei große Phasen: Exposition – Durchführungen – Engführung/Schluss.

1. Exposition: Alle Stimmen treten nacheinander mit dem Thema ein, abwechselnd in Tonika (Dux) und Dominante (Comes). Bei einer vierstimmigen Fuge: Sopran – Alt – Tenor – Bass oder eine andere Reihenfolge. Die Exposition endet, sobald alle Stimmen einmal das Thema gespielt haben.

2. Durchführungen (Zwischenspiele): Zwischen weiteren Themeneinsatzen stehen Zwischenspiele, in denen das Thema nicht erklingt, sondern Motive des Themas oder des Kontrasubjekts in modulierender Sequenztechnik verarbeitet werden. Das Thema kehrt dann in entfernten Tonarten wieder. Eine Fuge kann mehrere Durchführungen haben.

3. Schluss: Häufig endet die Fuge mit einer Engführung (italienisch stretto), bei der die Stimmen das Thema überlappend einsetzen, bevor die vorherige es zu Ende gespielt hat. Oft folgt ein Orgelpunkt auf der Dominante oder Tonika, über dem die Spannung sich auflöst.

Verarbeitungstechniken

Bach verwendet eine Vielzahl von kontrapunktischen Techniken, um das Thema zu variieren:

Umkehrung (Inversion): Das Thema wird gespiegelt – aus aufwärts wird abwärts und umgekehrt.
Krebs (Krebsgang, retrograde): Das Thema wird rückwärts gespielt.
Krebsumkehrung: Rückwärts und gespiegelt zugleich.
Augmentation: Alle Notenwerte werden verdoppelt – das Thema wird langsamer und feierlicher.
Diminution: Alle Notenwerte werden halbiert – das Thema wird schneller, lebendiger.
Engführung (Stretto): Überlappende Themeneinsätze.
Doppelfuge / Tripelfuge: Fugen mit zwei oder drei Themen, die schließlich kombiniert werden.

Diese Techniken sind nicht nur Spielereien, sondern Mittel der musikalischen Argumentation. Bach nutzte sie, um das Thema in immer neuen Beleuchtungen zu zeigen.

Das Wohltemperierte Klavier

Bachs berühmtestes Sammelwerk für die Fuge ist das Wohltemperierte Klavier (Teil 1: 1722, Teil 2: 1742). Es enthält 24 Präludien und Fugen pro Teil – jeweils eines durch alle 12 Dur- und 12 Molltonarten. Insgesamt also 48 Präludien und 48 Fugen.

Der Titel verweist auf die wohltemperierte Stimmung, die es ermöglicht, in allen 24 Tonarten brauchbar zu spielen – ein Novum gegenüber der reinen oder mitteltönigen Stimmung. Bach wollte zeigen, dass alle Tonarten gleichberechtigt einsetzbar sind.

Die Fugen des WTK reichen von zwei- bis fünfstimmig. Beispiele:

Fuge c-Moll BWV 847 (Teil 1, Nr. 2): Eine viersätzige, klare und geradlinige Schulfuge.
Fuge cis-Moll BWV 849 (Teil 1, Nr. 4): Fünfstimmige Tripelfuge, eines der dichtesten Werke Bachs.
Fuge h-Moll BWV 869 (Teil 1, Nr. 24): Vierstimmige Fuge mit chromatischem Thema.

Die Kunst der Fuge BWV 1080

Bachs letztes großes Werk, Die Kunst der Fuge BWV 1080, ist eine systematische Enzyklopädie der Fugentechnik. Sie entstand in den 1740er Jahren und blieb beim Tod Bachs 1750 unvollendet. Sie besteht aus 14 Fugen (Bach nannte sie Contrapuncti) und 4 Kanons – alle über dasselbe schlichte Thema in d-Moll.

Bach demonstriert hier alle Verarbeitungstechniken: einfache Fugen, Gegenfugen (mit Themenumkehrung), Doppelfugen, Tripelfugen, Spiegelfugen (die ganze Fuge erklingt auch gespiegelt). Die letzte unvollendete Fuge (Contrapunctus XIV) sollte eine vierfache Fuge sein, in der schließlich auch das B-A-C-H-Motiv (B-A-C-H = b-a-c-h, also Bachs eigener Name als Notenfolge) erklingt.

Die Kunst der Fuge ist ohne Instrumentenangabe komponiert – ein theoretisches, abstraktes Werk. Heute wird sie meist auf dem Cembalo, Orgel oder von Streichquartetten interpretiert.

Beispiel: Fuge c-Moll BWV 847 (WTK Teil 1)

Diese kleine, klare dreistimmige Fuge ist das wohl bekannteste Schulbeispiel für die Fugentechnik.

Thema (Dux, T. 1–2): In c-Moll, kurz, prägnant, mit deutlichem rhythmischem Profil (Achtel und Sechzehntel).

Comes (T. 3–4): In g-Moll (Dominante), tonal beantwortet vom Alt.

Dritter Einsatz (T. 7–8): Wieder in c-Moll vom Bass.

Damit ist die Exposition komplett. Es folgen Zwischenspiele und neue Themeneinsatze in entfernten Tonarten (Es-Dur, B-Dur, f-Moll). Am Ende kehrt das Thema in die Tonika c-Moll zurück und endet mit einer prächtigen Schlusskadenz.

Bedeutung und Wirkung

Bachs Fugen sind nicht nur kompositorische Höchstleistungen, sondern Vorbilder für alle nachfolgenden Generationen. Mozart kopierte sich noch im Erwachsenenalter Bach-Fugen ab. Beethoven nahm die Bachsche Fugentechnik in seinen späten Werken (op. 110, op. 133 Große Fuge) wieder auf. Schumann, Brahms und Mendelssohn studierten das WTK intensiv. Schostakowitsch schrieb mit seinen 24 Präludien und Fugen op. 87 (1951) eine bewusste Hömage an Bach.

Die Fuge gilt als strengste musikalische Form überhaupt. Sie verlangt vom Komponisten gleichzeitig Phantasie und mathematische Präzision. Wer eine Fuge schreiben kann, beherrscht das musikalische Handwerk vollständig.

Zusammenfassung:

• Fuge = polyphones kompositorisches Verfahren mit gleichberechtigten Stimmen
• Aufbau: Exposition (alle Stimmen mit Thema) – Durchführungen – Engführung/Schluss
• Dux (Tonika) und Comes (Dominante), dazu Kontrasubjekt
• Techniken: Umkehrung, Krebs, Augmentation, Diminution, Engführung
• Bachs Hauptwerke: Wohltemperiertes Klavier (1722/1742), Kunst der Fuge BWV 1080
• Bach als Vollender der Fugentechnik

Abitur-Tipp: In der Klausur musst du in einer Partitur die Themeneinsätze markieren können. Übe das anhand von BWV 847 (c-Moll Fuge): Wo erscheint Dux, wo Comes, wo das Kontrasubjekt? Achte auf Tonarten der Themeneinsatze (Tonika – Dominante – entfernte Tonarten – Tonika). Wer die Verarbeitungstechniken (Umkehrung, Augmentation, Engführung) konkret im Notenbild zeigen kann, erhält volle Punktzahl.