Arnold Schönberg (1874–1951) ist der Vater der musikalischen Moderne. Mit ihm vollzieht sich der radikalste Bruch der abendländischen Musikgeschichte: die Auflösung der traditionellen Tonalität. Schönberg sah sich dabei nicht als Revolutionär, sondern als logischen Vollender einer langen Entwicklung – von Wagner über Mahler und Strauss zur „Emanzipation der Dissonanz“.
Seine Entwicklung verläuft in drei Phasen:
• Spätromantische Phase (bis ca. 1908): Werke wie das Streichsextett Verklärte Nacht op. 4 (1899) und die Gurre-Lieder (1900–1911) stehen noch in der Tradition Wagners und Brahms', sind aber harmonisch extrem zugespitzt.
• Freie Atonalität (1908–1921): Werke wie das Klavierstück op. 11 (1909), Erwartung op. 17 (1909) und der Pierrot lunaire op. 21 (1912) verzichten ganz auf eine Tonika, ohne aber eine neue systematische Ordnung zu haben.
• Zwölftontechnik (ab 1921): Schönberg entwickelt eine neue Ordnungsmethode, mit der er der freien Atonalität eine systematische Grundlage gibt.
Die Zwölftontechnik (auch Dodekaphonie, vom griechischen dodeka = zwölf) ist eine Kompositionsmethode, bei der alle zwölf Töne der chromatischen Tonleiter als gleichberechtigt behandelt werden. Es gibt keine Tonika mehr, kein hierarchisches System mit Haupt- und Nebentönen.
Schönberg formulierte das Prinzip selbst so: „Methode der Komposition mit zwölf nur aufeinander bezogenen Tönen.“
Die Grundregel:
• Der Komponist legt eine Reihe aller 12 chromatischen Töne fest – jede Tonhöhe kommt genau einmal vor.
• Diese Reihe wird in einer bestimmten Reihenfolge ausgesetzt – Wiederholungen einzelner Töne sind erst nach Vollendung der Reihe erlaubt.
• Die Reihe kann melodisch (nacheinander) oder harmonisch (gleichzeitig in Akkorden) verwendet werden.
• Aus der Grundreihe (Original) lassen sich drei weitere Formen ableiten: Krebs, Umkehrung, Krebs-Umkehrung.
Aus jeder Zwölftonreihe lassen sich vier Grundgestalten ableiten:
• Original (O) – auch Grundgestalt oder Primärform genannt. Die Reihe in der vom Komponisten festgelegten Originalreihenfolge.
• Krebs (R, retrograde) – Die Reihe wird rückwärts gespielt: Töne 12, 11, 10 ... 1.
• Umkehrung (I, inversio) – Alle Intervalle werden gespiegelt: aus aufwärts wird abwärts. Aus einer aufsteigenden Quinte wird eine absteigende Quinte.
• Krebs-Umkehrung (RI) – Erst gespiegelt, dann rückwärts (oder umgekehrt).
Jede dieser vier Grundgestalten kann auf alle 12 Tonhöhen transponiert werden – das ergibt insgesamt 4 × 12 = 48 Reihenformen. Aus diesen 48 Formen ist das gesamte Werk komponiert. Schönberg spricht hier auch von einer „Reihenmatrix“, die der Komponist sich vor Beginn der Komposition anfertigt.
Schönbergs Suite für Klavier op. 25 (komponiert 1921–1923, veröffentlicht 1925) ist das erste vollständig nach der Zwölftonmethode komponierte Werk. Sie besteht aus sechs Sätzen, die alle barocke Tanztitel tragen: Präludium – Gavotte – Musette – Intermezzo – Menuett – Gigue.
Diese Verbindung mit alten Formen ist programmatisch: Schönberg wollte zeigen, dass die neue Tonsprache auch klassische Formmodelle tragen kann. Sein Schüler Anton Webern sagte später: „Mit der Zwölftontechnik haben wir die Mittel, die uns hundert Jahre tragen werden.“
Die Reihe der Suite op. 25 lautet (in Tönen): e – f – g – des – ges – es – as – d – h – c – a – b. Diese 12 Töne bilden den gesamten kompositorischen Stoff aller sechs Sätze.
Bemerkenswert: Die Reihe enthält das B-A-C-H-Motiv (b–a–c–h) sowie das E-S-Motiv (e–es als Kurzform für Schönberg) – ein verschlüsselter Verweis auf Bach und auf den Komponisten selbst.
Schönberg war nicht nur Komponist, sondern auch ein einflussreicher Lehrer. Um ihn herum bildete sich die Zweite Wiener Schule (so genannt in Anspielung auf die Erste Wiener Schule um Haydn, Mozart, Beethoven). Die wichtigsten Schüler waren:
• Alban Berg (1885–1935) – Komponist der Opern Wozzeck (1925) und Lulu (Fragment, 1937), des Violinkonzerts „Dem Andenken eines Engels“ (1935).
• Anton Webern (1883–1945) – Schrieb extrem konzentrierte, kurze Werke, die später die seriellen Komponisten beeinflussten.
Beide Schüler interpretierten die Zwölftontechnik ganz unterschiedlich: Berg blieb expressiver, näher an der spätromantischen Tradition; Webern radikaler, abstrakter, fast mathematisch-strukturell.
1933 wurde Schönberg, der jüdisch geboren war (sich als Erwachsener taufen liess, später aber wieder zum Judentum übertrat), aus seiner Berliner Lehrstelle entlassen. Er emigrierte zunächst nach Paris, dann in die USA und lehrte schließlich an der UCLA in Los Angeles bis zu seinem Tod 1951.
Im Exil entstanden bedeutende Spätwerke:
• Klavierkonzert op. 42 (1942)
• Streichtrio op. 45 (1946)
• A Survivor from Warsaw op. 46 (1947) – ein erschuetterndes Werk über die Schoah, mit Sprecher, Männerchor und Orchester.
• Moses und Aron (Oper, Fragment, 1932–1937) – sein grösstes und unvollendetes Spätwerk.
Schönbergs Zwölftontechnik wurde im 20. Jahrhundert zur einflussreichsten Kompositionsmethode der Moderne. Sie prägte die serielle Musik (Boulez, Stockhausen, Nono) der 1950er Jahre, die das Reihenprinzip auf alle musikalischen Parameter (Tonhöhe, Dauer, Lautstärke, Klangfarbe) ausweitete.
Doch die Methode war auch immer umstritten. Kritiker (besonders der Neoklassizismus um Strawinsky in den 1920er und 1930er Jahren) sahen sie als künstlich, hörerfeindlich, intellektuell verkopft. Theodor W. Adorno verteidigte sie hingegen als die einzige authentische Antwort auf die Krise der Moderne (Philosophie der neuen Musik, 1949).
Heute gilt die Zwölftontechnik als historische Errungenschaft, die nicht mehr universal gilt, aber als Möglichkeit komponierischen Denkens weiterlebt.
Zusammenfassung:
• Schönberg (1874–1951) entwickelte um 1921 die Zwölftontechnik
• Methode: alle 12 chromatischen Töne sind gleichberechtigt, keine Tonika
• Grundlage: Reihe (12 Töne in fester Reihenfolge)
• Vier Grundgestalten: Original, Krebs, Umkehrung, Krebs-Umkehrung
• Insgesamt 48 Reihenformen (4 × 12 Transpositionen)
• Erstes Werk: Suite op. 25 (1923) für Klavier
• Wiener Schule: Schönberg, Berg, Webern
Abitur-Tipp: Übe das Erkennen einer Reihe in einem Notenbeispiel. Identifiziere die Originalreihe (O), dann suche nach Krebs (R), Umkehrung (I) und Krebs-Umkehrung (RI). Achte auf die Transposition. Wer eine Reihenmatrix lesen kann, bewerkstelligt fast jede Klausuraufgabe. Begriffe wie „Emanzipation der Dissonanz“ und „Reihenkomposition“ solltest du sicher beherrschen.