Igor Strawinsky (1882–1971) komponierte Le Sacre du Printemps (Das Frühlingsopfer) in den Jahren 1911–1913 als Auftragswerk für die Ballets Russes des Impresarios Sergej Diaghilew. Das Ballett gehört zur sogenannten russischen Trilogie Strawinskys, zu der auch Der Feuervogel (1910) und Petruschka (1911) zählen.
Der Stoff ist eine Vision: ein heidnisches Fruchtbarkeitsritual im prähistorischen Russland. Junge Männer und Frauen feiern den Frühling, ein junges Mädchen wird als Opfer auserwählt und tanzt sich im Schlussbild zu Tode, um die Götter des Frühlings zu besänftigen. Die Choreografie stammte von Vaslav Nijinsky, das Bühnenbild von Nicholas Roerich.
Die Uraufführung am 29. Mai 1913 im Théâtre des Champs-Élysées in Paris ist eine der berühmtesten Skandalpremieren der Musikgeschichte. Schon nach den ersten Takten begann das Publikum zu lachen, dann zu pfeifen, schließlich brach ein Tumult aus. Schüsse, Schreie, Schlägereien – die Polizei musste in den Pausen einschreiten.
Der Aufruhr hatte mehrere Gründe: Die brutale Rhythmik, die schroffe Dissonanz, die animalische Choreografie Nijinskys (mit eingedrehten Füssen, gestampften Bewegungen, weit weg vom Spitzentanz) – alles war so radikal neu, dass das Publikum überfordert war.
Strawinsky verließ während der Aufführung empört das Theater und saß in der hinteren Reihe; Nijinsky musste hinter der Bühne den Tänzern den Rhythmus zurufen, weil sie die Musik nicht mehr hören konnten. Innerhalb eines Jahres jedoch wurde Le Sacre als Konzertstück ein riesiger Erfolg.
Le Sacre du Printemps gliedert sich in zwei Teile mit insgesamt 14 Episoden:
Erster Teil – Die Anbetung der Erde:
• Einleitung
• Die Vorboten des Frühlings – Tänze der jungen Mädchen (mit dem berühmten „Akkord der Vorboten“)
• Spiel der Entführung
• Frühlingsreigen
• Spiel der rivalisierenden Stämme
• Auftritt des Weisen
• Tanz der Erde
Zweiter Teil – Das Opfer:
• Einleitung
• Geheime Spiele junger Mädchen
• Verherrlichung der Auserwählten
• Anrufung der Ahnen
• Rituelle Handlung der Ahnen
• Heiliger Tanz (Opfertanz der Auserwählten) – das überwältigende Schlussstück
Das Orchester ist riesig: große Bläserbesetzung (8 Hörner, 5 Trompeten, 3 Posaunen, 2 Tuben), umfangreiches Schlagwerk, Kontrafagott, Bassklarinette – insgesamt rund 100 Musiker.
Die wichtigste Innovation Strawinskys ist die radikale Behandlung des Rhythmus. Während in der traditionellen europäischen Musik der Rhythmus regelmässig fließt (4/4, 3/4, ...), schlägt Strawinsky den Takt:
• Stark wechselnde Taktarten: Im „Heiligen Tanz“ wechseln in jedem Takt die Zählzeiten (3/16, 5/16, 2/16, 7/16, ...). Das macht die Musik für Spieler und Hörer extrem schwierig zu zählen.
• Akzentverschiebungen: In den „Tänzen der jungen Mädchen“ wiederholen die Streicher 200 Mal denselben Akkord – aber Strawinsky setzt unregelmässige Sforzato-Akzente drauf. Damit entsteht eine neue, aggressive Rhythmik.
• Polyrhythmik: Mehrere rhythmische Schichten laufen gleichzeitig in unterschiedlichen Mustern. Die Musik wirkt wie eine archaische Maschine.
• Ostinato: Hartnäckig wiederholte Patterns als Strukturprinzip.
Mit dieser Behandlung des Rhythmus öffnete Strawinsky Türen bis zur heutigen Pop- und Rockmusik.
Der berühmte „Akkord der Vorboten“ („Augures printaniers“) ist eines der berühmtesten Beispiele der Bitonalität – der gleichzeitigen Überlagerung zweier verschiedener Tonarten.
Der Akkord besteht aus einem Es-Dur-Septakkord (es–g–b–des) und einem Fes-Dur-Akkord (oder enharmonisch E-Dur: e–gis–h), die übereinander gelegt werden. Das Ergebnis ist eine schroffe, aber faszinierende Dissonanz, die nicht aufgelost wird, sondern als rhythmischer Block stehen bleibt.
Diese Technik der Akkordschärfung durch Schichtung war neu und wurde später von vielen Komponisten aufgegriffen (Bartók, Milhaud, Hindemith). Strawinsky selbst hat den Akkord beibehalten, aber je nach Werk anders verwendet.
Strawinsky setzt das riesige Orchester mit einer fast gewalttätigen Phantasie ein. Bekannt ist der Einleitungssolo des Fagotts in extrem hoher Lage – eine Lage, die das Instrument vorher nie gespielt hatte. Strawinsky wählte sie absichtlich, um den Klang fremd, ungewohnt, archaisch klingen zu lassen.
Andere Beispiele:
• Pfeifende Holzbläser mit schreienden Akzenten
• Trompetencluster im fortissimo
• Pochende Pauken und Bassdrum
• Glissandi der Streicher
• Massive Bläser-Tutti im Wechsel mit kammermusikalischen Soli
Das Orchester wird nicht mehr als homogene Klangmasse behandelt, sondern als Ansammlung scharf konturierter Einzelfarben.
Le Sacre du Printemps veränderte die Musikgeschichte unwiderruflich. Komponisten wie Bartók, Varèse, Messiaen, Boulez, später auch Frank Zappa und der Progressive Rock haben sich auf das Werk berufen. Pierre Boulez dirigierte es als sein Lebenswerk.
1940 verwendete Walt Disney Teile des Sacre in seinem Trickfilm Fantasia – allerdings als Begleitmusik zur Entstehung der Erde und der Dinosaurier. Damit wurde das Werk zum Massenphänomen.
Heute gehört Le Sacre zum festen Konzertrepertoire jedes großen Orchesters und gilt als eines der einflussreichsten Werke des 20. Jahrhunderts.
Strawinsky war ein Komponist mit drei deutlichen Stilphasen:
• Russische Phase (bis 1920): Feuervogel, Petruschka, Sacre, Les Noces.
• Neoklassizistische Phase (1920–1951): Rückgriff auf barocke und klassische Modelle, klare Form, bewusst kühler Stil. Werke: Pulcinella (1920), Oedipus Rex (1927), Apollon musagète (1928), Symphonie de psaumes (1930), The Rake's Progress (1951).
• Serielle Phase (ab 1952): Strawinsky übernimmt die Reihentechnik Schönbergs und Weberns. Werke: Agon (1957), Threni (1958).
Strawinsky war damit ein Chameläon der Moderne, das alle wichtigen Stilrichtungen des 20. Jahrhunderts mitvollzog.
Zusammenfassung:
• Komponiert 1911–1913, urauffuhrt am 29. Mai 1913 in Paris
• Skandalpremiere mit Tumult im Théâtre des Champs-Élysées
• Stoff: heidnisches Fruchtbarkeitsritual im prähistorischen Russland
• Innovationen: Polyrhythmik, unregelmässige Metrik, Bitonalität
• Akkord der Vorboten: Überlagerung von Es-Dur und Fes-Dur
• Ostinato und Akzentverschiebung als Stilmittel
• Riesiges Orchester mit innovativer Instrumentation
Abitur-Tipp: Im Abitur wird häufig der Anfang (Fagottsolo) oder die „Tänze der jungen Mädchen“ analysiert. Achte auf den Akkord der Vorboten (Bitonalität) und die unregelmässigen Akzente. Bei Aufgaben zum Heiligen Tanz solltest du die wechselnden Taktarten erkennen können. Vergiss nicht den historischen Kontext: Skandal 1913, Brückenstellung zwischen Romantik und Moderne.