Der Tonsatz (auch Harmonielehre oder Satzlehre) ist die Lehre vom korrekten mehrstimmigen Schreiben. Sie wurde im Barock und in der Wiener Klassik systematisch entwickelt und ist bis heute Grundlage der musiktheoretischen Ausbildung. Wer Tonsatz beherrscht, kann eine gegebene Melodie harmonisieren, einen Bass bezziffern oder eine ganze Stimmführung selbständig konstruieren.
Im Mittelpunkt steht der vierstimmige Tonsatz – das klassische Modell mit den vier Stimmen Sopran, Alt, Tenor, Bass (S/A/T/B). Diese Aufstellung entspricht dem Gemischten Chor und ist die ideale Lehrform, weil sie alle Akkordtypen abbildet und die Stimmführungsregeln direkt sichtbar macht.
Die vier Stimmen werden üblicherweise in zwei Notensystemen notiert:
• Sopran: Violinschlüssel, oberes System, etwa c' bis a''.
• Alt: Violinschlüssel, oberes System, Hals nach unten, etwa f bis d''.
• Tenor: Bassschlüssel, unteres System, Hals nach oben, etwa c bis g'.
• Bass: Bassschlüssel, unteres System, Hals nach unten, etwa E bis e'.
Wichtig ist die Stimmkreuzung: Sie ist im Tonsatz verboten. Eine tiefere Stimme darf nie über eine höhere gehen (Alt darf nicht über Sopran liegen).
Im klassischen System gibt es drei Hauptfunktionen:
• Tonika (T) – der Akkord auf der ersten Stufe (z. B. C-Dur in C-Dur).
• Dominante (D) – der Akkord auf der fünften Stufe (z. B. G-Dur).
• Subdominante (S) – der Akkord auf der vierten Stufe (z. B. F-Dur).
Diese drei Funktionen bilden die Kadenz: T – S – D – T. Sie ist der Kern jeder tonalen Musik.
Erweitert wird das System durch:
• Parallelen: Tp (Tonikaparallele, in C-Dur a-Moll), Sp (d-Moll), Dp (e-Moll).
• Gegenklänge: tG, sG, dG.
• Septakkorde: Vor allem die Dominantsept (D7) mit ihrer typischen Auflösung in die Tonika.
Ein Dreiklang kann in drei Lagen stehen, je nachdem welcher Ton im Bass liegt:
• Grundstellung: Grundton im Bass (z. B. C–E–G in C-Dur). Symbol: 5/3.
• Erste Umkehrung (Sextakkord): Terz im Bass (E–G–C). Symbol: 6/3 oder 6.
• Zweite Umkehrung (Quartsextakkord): Quinte im Bass (G–C–E). Symbol: 6/4.
Die zweite Umkehrung (Quartsextakkord) ist heikel, weil die Quart über dem Bass dissonant wirkt. Sie wird vor allem als Vorhalt vor der Dominante verwendet (Kadenzquartsextakkord).
Bei Septakkorden gibt es vier Lagen: Grundstellung (7), Quintsextakkord (6/5), Terzquartakkord (4/3), Sekundakkord (2).
Der vierstimmige Satz folgt strengen Regeln, die auf Erfahrungen der Vokalpolyphonie des 16. Jahrhunderts (Palestrina) zurückgehen:
• Quint- und Oktavparallelen verboten: Zwei Stimmen dürfen nicht zugleich von einer Quinte zu einer anderen Quinte oder von einer Oktave zu einer anderen Oktave springen. Solche Parallelen klingen für das geschulte Ohr arm und entführen die Selbständigkeit der Stimmen.
• Antiparallelen vermeiden: Auch versteckte Quinten/Oktaven (in gleichgerichteter Bewegung zur Quinte oder Oktave) sollen vermieden werden.
• Leittöne auflösen: Der Leitton (7. Stufe) muss in den Grundton aufgelöst werden – im Sopran und in den Außenstimmen sehr streng.
• Septe abwärts auflösen: Die Septe eines Septakkords muss eine Sekunde abwärts gehen.
• Engste Lage bevorzugen: Die Stimmen sollen sich möglichst wenig bewegen (kleinste Schritte, gemeinsame Töne liegen lassen).
• Keine Stimmkreuzungen: Die Reihenfolge S/A/T/B muss erhalten bleiben.
Quintparallelen sind der häufigste Anfängerfehler im Tonsatz. Sie entstehen, wenn zwei Stimmen gleichzeitig von einer Quint-Konstellation in eine nächste Quint-Konstellation gehen.
Beispiel: Sopran spielt c→d, Bass spielt f→g. Zwischen den Stimmen liegt erst die Quinte (c–f, eigentlich c über f als Quinte) und dann d–g – das ist eine offene Quintparallele, die im klassischen Tonsatz verboten ist.
Warum werden Parallelen verboten? Sie geben den beiden Stimmen das Gefühl, eine einzige zu sein, weil sie sich identisch bewegen. Damit geht die Selbständigkeit der einzelnen Stimme verloren – und genau die ist das Ziel des polyphonen Satzes.
Auch Oktavparallelen sind verboten. Sie entstehen oft beim ungeschickten Verdoppeln einer Stimme.
Im Barock entstand das System des bezifferten Basses (auch Generalbass oder basso continuo). Der Komponist notiert nur den Bass und kleine Zahlen darunter, die anzeigen, welche Akkorde darüber gespielt werden sollen. Der Cembalist oder Organist realisiert dann diese Zahlen, das heißt er spielt die fehlenden Stimmen aus dem Stehgreif dazu.
Beispiele für Bezifferungen:
• (kein Zeichen oder 5/3): Grundakkord (5/3)
• 6: Sextakkord (Terzumkehrung)
• 6/4: Quartsextakkord (Quintumkehrung)
• 7: Septakkord
• 6/5: Quintsextakkord
• #: Erhöhung der Terz, oft Leitton
• 4–3: Vorhalt (4 löst sich in 3 auf)
Die Generalbasspraxis war im Barock allgegenwärtig. Bach, Händel, Vivaldi notierten ihre Cembalostimmen meist nur in dieser Kurzform. Zur Tonsatzschulung wird sie auch heute noch geübt.
Die harmonische Analyse ist die Untersuchung eines bestehenden Tonsatzes. Es gibt zwei wichtige Methoden:
Funktionsanalyse (Hugo Riemann): Jeder Akkord wird einer der Hauptfunktionen T, S, D zugeordnet, dazu Parallelen (Tp, Sp, Dp) und Gegenklänge. Diese Methode ist besonders gut, um die harmonische Logik einer Phrase zu verstehen.
Stufenanalyse (Heinrich Schenker, in den USA verbreitet): Akkorde werden mit römischen Ziffern für ihre Skalenstufe bezeichnet (I, ii, iii, IV, V, vi, vii). Dur-Akkorde gross geschrieben, Moll-Akkorde klein. Diese Methode zeigt klar, auf welcher Stufe der Akkord aufbaut, sagt aber weniger über die funktionale Bedeutung.
Im deutschen Schulunterricht wird meist die Funktionsanalyse verwendet, in der angelsächsischen Tradition die Stufenanalyse.
Eine Modulation ist der Wechsel von einer Tonart in eine andere. Im klassischen Stil geschieht das über Zwischenkadenzen oder über Pivot-Akkorde (Akkorde, die in beiden Tonarten vorkommen).
Beispiel: Modulation von C-Dur nach G-Dur.
• In C-Dur: G-Dur ist die Dominante (D).
• In G-Dur: G-Dur ist die Tonika (T).
• Pivot: G-Dur kann beide Funktionen tragen.
Die Überleitung erfolgt über den Leitton der neuen Tonart (in G-Dur: fis), der durch ein Vorzeichen eingeführt wird.
Zusammenfassung:
• Vierstimmiger Tonsatz: Sopran, Alt, Tenor, Bass
• Hauptfunktionen: Tonika, Dominante, Subdominante (T-S-D-T)
• Akkordumkehrungen: Grundstellung, Sextakkord, Quartsextakkord
• Stimmführungsregeln: keine Quint-/Oktavparallelen, Leitton auflösen
• Bezifferter Bass als Kurzschrift im Barock
• Funktions- und Stufenanalyse als Analysemethoden
• Modulation über Pivot-Akkorde
Abitur-Tipp: In der Klausur musst du oft eine Choralphrase analysieren oder eine fehlerhafte Tonsatzaufgabe korrigieren. Suche systematisch nach Quint- und Oktavparallelen! Markiere die Funktionen jedes Akkords. Achte auf die Auflösung des Leittons im Schlussakkord. Wer die Funktionsbezeichnungen sicher beherrscht (T, D, S, Tp, Sp, Dp), kann fast jede Phrase richtig deuten.