Bibliothek

Fach wählen

Themen

Musik und Politik

Dmitri Schostakowitsch
Musik als politisches Medium

Musik war zu allen Zeiten ein politisches Medium. Sie kann Macht legitimieren (höfische Festmusik, Hymnen, Marschmusik), Gemeinschaft stiften (Volkslied, Vereinslied, Hymne), Widerstand artikulieren (Protestlieder, Subversion in Diktaturen) oder schlicht kommentieren (politisches Lied, Songtext).

Im Abitur Musik wird die politische Dimension der Musik immer wieder thematisiert – von Beethovens revolutionärer Eroica über die Komponisten unter Stalin und Hitler bis zur Protestmusik der 1960er Jahre und zum politischen HipHop der Gegenwart.

Beethovens Eroica und Napoleon

Ein klassisches Beispiel politischer Musik ist Beethovens 3. Sinfonie Es-Dur op. 55, die Eroica (1803–1804). Beethoven widmete sie ursprünglich Napoleon Bonaparte, den er als Verkörperung der französischen Revolution und ihrer Ideale (Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit) bewunderte.

Als Napoleon sich am 2. Dezember 1804 selbst zum Kaiser krönte, geriet Beethoven in solche Wut, dass er das Titelblatt der Partitur zerriss und das Wort „Bonaparte“ ausstrich. Sein Schüler Ferdinand Ries überlieferte den Satz: „Ist der auch nichts anderes wie ein gewöhnlicher Mensch! Nun wird er auch alle Menschenrechte mit Füssen treten.“

Die Sinfonie wurde umbenannt zu „Sinfonia Eroica, composta per festeggiare il sovvenire di un grand'uomo“Heroische Sinfonie, komponiert um die Erinnerung an einen großen Mann zu feiern. Aus dem konkreten Helden wurde der abstrakte Held.

Musikalisch ist die Eroica revolutionär: doppelt so lang wie eine Haydn-Sinfonie, mit einem riesigen ersten Satz, einem Trauermarsch (2. Satz, c-Moll) und einem Finale über ein Thema aus Beethovens Ballett Die Geschöpfe des Prometheus. Die Sinfonie wurde zum Manifest des freien, autonomen Künstlers.

Schostakowitsch unter Stalin

Kein Komponist des 20. Jahrhunderts hatte ein gefährlicheres Verhältnis zur Politik als Dmitrij Schostakowitsch (1906–1975). Er lebte in der Sowjetunion und musste seine Musik immer wieder den Ideologie-Vorgaben des stalinistischen Regimes anpassen.

1936 erschien in der Prawda der berüchtigte Artikel „Chaos statt Musik“ – eine vernichtende Kritik an Schostakowitschs Oper Lady Macbeth von Mzensk. Der Artikel war wahrscheinlich von Stalin selbst inspiriert. Damit war Schostakowitsch öffentlich gebrandmarkt; er rechnete jeden Abend mit der Verhaftung.

Seine Antwort war die 5. Sinfonie d-Moll op. 47 (1937), die er ironisch „schöpferische Antwort eines sowjetischen Künstlers auf gerechte Kritik“ nannte. Oberflächlich klingt sie als triumphale Affirmation des Sozialismus, doch viele heutige Interpreten hören in ihr den verzweifelten Protest eines Künstlers unter Druck. Das Finale ist ein zynisch überzeichneter Triumph – echter Jubel oder erzwungener?

Schostakowitschs 7. Sinfonie „Leningrader“ (1941) entstand während der Belagerung Leningrads durch die deutsche Wehrmacht. Sie wurde am 9. August 1942 mitten in der belagerten Stadt urauffuhrt – ein epochales Ereignis. Die Sinfonie wurde zum Symbol des Widerstands.

Musik im Nationalsozialismus

Die Nationalsozialisten instrumentalisierten Musik systematisch. Wagner, Bruckner und Beethoven wurden zu Galionsfiguren der „deutschen Kunst“ erklärt; Mahler, Mendelssohn, Schönberg und alle jüdischen Komponisten wurden verboten.

1938 wurde in Düsseldorf die Ausstellung „Entartete Musik“ eröffnet, die Atonalität, Jazz und alle „jüdische“ Musik diffamierte. Komponisten wie Schönberg, Krenek, Hindemith, Eisler mussten emigrieren.

Komponisten wie Richard Strauss blieben – mit ambivalenter Rolle. Strauss war zeitweise Präsident der Reichsmusikkammer, distanzierte sich später aber. Andere wie Carl Orff profitierten von der politischen Lage (Carmina Burana, 1937, ein Riesenerfolg im NS-Staat).

Zugleich gab es die Lagerlieder der KZ-Häftlinge – eine Musik des Widerstands und des Überlebens. Komponisten wie Viktor Ullmann, Pavel Haas, Hans Krása schufen Musik im Konzentrationslager Theresienstadt, bevor sie nach Auschwitz deportiert und ermordet wurden.

Hymnen als politische Musik

Nationalhymnen sind die wohl politischste Musikgattung überhaupt. Sie sollen ein ganzes Volk emotional einigen.

Marseillaise (Frankreich, 1792 von Rouget de Lisle): die Hymne der Französischen Revolution, ein Marsch.
God Save the King/Queen (Grossbritannien, ca. 1745): ruhig, würdevoll, monarchistisch.
Deutschlandlied (Joseph Haydn 1797 als Kaiserlied für Franz II.; Text Hoffmann von Fallersleben 1841): Heute nur die dritte Strophe als Bundeshymne.
Internationale (Pierre Degeyter 1888): die Hymne der sozialistischen Bewegung weltweit.

Beethovens 9. Sinfonie mit Schillers Ode An die Freude ist heute die Hymne der Europäischen Union (offiziell seit 1985, ohne Text). Damit hat ein Werk der Wiener Klassik eine politische Funktion bekommen.

Bob Dylan und die Protestmusik der 1960er

In den 1960er Jahren entstand in den USA eine Protestmusik-Bewegung, die eng mit der Bürgerrechtsbewegung und der Anti-Vietnam-Bewegung verbunden war. Hauptfigur war Bob Dylan.

Sein Song Blowin' in the Wind (1962) wurde zur Hymne der Bewegung. The Times They Are A-Changin' (1964), Masters of War (1963), A Hard Rain's a-Gonna Fall (1962) sind weitere berühmte Beispiele. Dylan erhielt 2016 den Nobelpreis für Literatur – eine Anerkennung der politischen und literarischen Wirkung der Songtexte.

Andere Protestsänger:innen: Joan Baez, Pete Seeger, Phil Ochs, Woody Guthrie (Vater der amerikanischen Protestlied-Tradition mit dem Song This Land Is Your Land). In Deutschland: Wolf Biermann, Konstantin Wecker, die Bots, Hannes Wader.

Der Vietnamkrieg prägte auch Jimi Hendrix, der beim Woodstock-Festival 1969 die amerikanische Nationalhymne mit Verzerrer und Feedback in eine fürchterliche Klangcollage verwandelte – eine wortlose, aber unmissverständliche Anklage.

HipHop und politische Botschaft: Public Enemy

In den 1980er Jahren entstand mit dem HipHop eine neue politische Musik, die aus den schwarzen Vierteln New Yorks (Bronx) kam. Public Enemy (gegründet 1985 von Chuck D und Flavor Flav) wurde zur wichtigsten politischen HipHop-Gruppe.

Ihr Song Fight the Power (1989, aus Spike Lees Film Do the Right Thing) wurde zur Hymne der Black-Power-Bewegung. Das Album It Takes a Nation of Millions to Hold Us Back (1988) gilt als eines der einflussreichsten HipHop-Alben aller Zeiten.

HipHop wurde später zu einer globalen politischen Sprache. Künstler:innen wie Tupac Shakur, Kendrick Lamar, J. Cole, Common setzen die Tradition fort. Kendrick Lamars Alright wurde 2015 zur Hymne der Black Lives Matter-Bewegung.

Musik im Kalten Krieg

Im Kalten Krieg zwischen 1945 und 1989 wurde Musik zum Propagandamittel beider Blöcke. Im Osten wurden Komponisten ideologisch überwacht (sozialistischer Realismus, Verbot des „Formalismus“), im Westen wurde der Jazz vom amerikanischen Aussenministerium als Symbol der Freiheit propagiert – Louis Armstrong, Dizzy Gillespie und Dave Brubeck wurden auf Kulturreisen in den Ostblock geschickt.

Auch der Rock'n'Roll war politisch: Für die DDR-Führung galt er als „dekadent“, für Jugendliche im Osten als Symbol der westlichen Freiheit. Bands wie die Beatles und Rolling Stones hatten in Ostdeutschland Untergrundkult.

Zusammenfassung:

• Musik kann legitimieren, mobilisieren, protestieren, kommentieren
• Beethoven Eroica: Widmung an Napoleon, dann zurückgenommen
• Schostakowitsch unter Stalin: doppeldeutige Musik unter Druck
• NS-Zeit: „Entartete Musik“, Vertreibung jüdischer Komponisten
• Hymnen: Marseillaise, Internationale, Beethovens 9. als EU-Hymne
• Bob Dylan: Protestmusik der 1960er, Nobelpreis 2016
• Public Enemy: politischer HipHop der 1980/90er Jahre

Abitur-Tipp: Im Abitur kann der Themenbereich „Musik und Politik“ an einem konkreten Werk geprüft werden. Lerne mindestens drei Beispiele aus verschiedenen Epochen (z. B. Eroica, Schostakowitsch, Public Enemy) und kannst sie zur Frage „Wie kann Musik politisch sein?“ verbinden. Wer den Unterschied zwischen affirmativer (legitimierender) und kritischer (widerständiger) Musik klar benennt, sammelt Bonuspunkte.