Die Geschichte der elektronischen Musik beginnt nicht erst nach 1945. Schon im frühen 20. Jahrhundert wurden erste elektronische Instrumente entwickelt:
• Telharmonium (1897, Thaddeus Cahill) – ein 200 Tonnen schwerer Klangerzeuger, der seine Musik über Telefonleitungen verbreitete.
• Theremin (1920, Léon Theremin) – ein Instrument, das ohne Berührung gespielt wird; die Hand bewegt sich vor zwei Antennen und steuert Tonhöhe und Lautstärke.
• Ondes Martenot (1928, Maurice Martenot) – ein elektronisches Tasteninstrument, das von Olivier Messiaen u. a. in der Turangalîla-Symphonie (1948) eingesetzt wurde.
• Trautonium (1930, Friedrich Trautwein) – ein deutsches Bandinstrument, von Oskar Sala weiterentwickelt; bekannt durch die Vogelschrei-Effekte in Hitchcocks Film Die Vögel (1963).
Diese Instrumente waren noch keine „elektronische Musik“ im engeren Sinn, sondern elektronische Erweiterungen des klassischen Instrumentariums.
Im Jahr 1948 begann der französische Tontechniker und Komponist Pierre Schaeffer (1910–1995) am Pariser Rundfunk RTF mit Experimenten, die er musique concrète (konkrete Musik) nannte. Im Gegensatz zur traditionellen „abstrakten“ Musik (Notenschrift → Klang) ging er vom realen, aufgenommenen Klang aus.
Schaeffer nahm Geräusche aller Art auf Schallplatten und später auf Tonbandgeräten auf: Lokomotiven, Klavierklänge, Gesang, Glocken, Türenschlagen. Diese Aufnahmen schnitt und montierte er, spielte sie rückwärts, transponierte sie, überlagerte sie. So entstand 1948 die „Etude aux chemins de fer“ (Eisenbahnstück), das erste Werk der musique concrète.
1949 schloss sich der jüngere Pierre Henry Schaeffer an. Gemeinsam komponierten sie 1950 die „Symphonie pour un homme seul“ (Sinfonie für einen einzelnen Mann), das erste längere Werk dieser Richtung.
Parallel zu Paris entstand 1951 in Köln beim NWDR (Nordwestdeutscher Rundfunk) das erste deutsche Studio für elektronische Musik, geleitet von Herbert Eimert und später Karlheinz Stockhausen (1928–2007).
Die Kölner Schule verfolgte einen anderen Ansatz als Schaeffer in Paris: Statt aufgenommener Naturklänge nutzte sie elektronisch generierte Sinustöne, die im Studio aus Generatoren erzeugt und am Tonbandgerät überlagert wurden. Damit war die Musik vollständig elektronisch hergestellt – nicht aus konkreten Quellen, sondern aus reinen physikalischen Schwingungen.
Stockhausens „Studie I“ und „Studie II“ (1953/1954) sind die ersten reinelektronischen Kompositionen. „Gesang der Jünglinge“ (1956) verbindet Knabenstimmen mit elektronischen Klängen – ein Meilenstein, weil hier zum ersten Mal beide Welten zusammenkommen.
„Gesang der Jünglinge im Feuerofen“ ist eines der berühmtesten Werke der elektronischen Musik. Stockhausen verwendete eine Aufnahme der Stimme des zwölfjährigen Josef Protschka, die er in unzählige Klangschichten zerlegte und elektronisch verarbeitete. Der Text stammt aus dem alttestamentlichen Buch Daniel: drei junge Männer werden in einen Feuerofen geworfen und singen Gott Lob.
Das Werk verbindet:
• Reinelektronische Klänge (Sinustöne, Rauschen)
• Aufgenommene und verarbeitete Stimme
• Serielle Strukturierung aller Parameter
Es wurde erstmals für 5 Lautsprechergruppen im Raum komponiert – eine frühe Form der Raumkomposition, die später in Gruppen (1957) für drei Orchester weitergeführt wird.
1964 entwickelte der amerikanische Ingenieur Robert Moog den ersten kommerziell erhältlichen Synthesizer – ein elektronisches Instrument mit Tonhöhengeneratoren (Oszillatoren), Filtern, Hüllkurven und Klaviatur. Damit konnte ein einzelner Musiker erstmals elektronische Klänge live und in Echtzeit erzeugen.
Wendepunkt war 1968 das Album „Switched-On Bach“ von Wendy Carlos, auf dem Bach-Stücke vollständig auf dem Moog-Synthesizer gespielt wurden. Es wurde Welterfolg und brachte den Synthesizer in das Bewusstsein des breiten Publikums.
In den 1970er Jahren wurden Synthesizer zum Standardinstrument der Pop- und Rockmusik (Pink Floyd, Yes, Emerson Lake & Palmer). In den 1980ern führten günstige Modelle (Yamaha DX7, Roland TB-303) zur Demokratisierung der elektronischen Musik.
Die deutsche Band Kraftwerk (gegründet 1970 in Düsseldorf von Ralf Hütter und Florian Schneider) ist die wichtigste Brücke zwischen experimenteller Elektronik und Popmusik. Mit Alben wie „Autobahn“ (1974), „Trans-Europe Express“ (1977), „Die Mensch-Maschine“ (1978) und „Computer Welt“ (1981) schufen sie das Ästhetik-Idol der elektronischen Pop-Musik schlechthin.
Kraftwerk waren minimalistisch, repetitiv, futuristisch – und thematisch nahe an Technologie, Mobilität, Verkehr, Maschinen. Ihr Einfluss auf alle nachfolgenden elektronischen Genres ist unermesslich: Synthie-Pop (Depeche Mode, OMD), Hip-Hop (Afrika Bambaataa zitierte Kraftwerk in Planet Rock, 1982), Techno (Detroit Techno mit Juan Atkins).
Mitte der 1980er Jahre entstanden in den USA zwei neue Genres aus dem Schmelzpunkt von Disco, HipHop und elektronischer Avantgarde:
• House (Chicago, ab 1984): Frankie Knuckles, Larry Heard. 4-zu-4-Beat, Soul-Stimmen, Disco-Anleihe.
• Techno (Detroit, ab 1985): Juan Atkins, Derrick May, Kevin Saunderson. Kälter, futuristischer, stärker maschinell, klar von Kraftwerk inspiriert.
In den 1990er Jahren wanderte der Techno nach Europa, vor allem nach Berlin, wo er nach dem Mauerfall einen perfekten Resonanzraum fand. Clubs wie das Tresor oder das Berghain wurden Welt-Tempel der Szene. Das Festival Loveparade (1989–2010) zog Hunderttausende an.
Heute ist elektronische Musik global und alltagspräsent – in Pop, Werbung, Film, Computerspielen, Fitnessstudios.
Mit dem Erscheinen leistungsfähiger Heimcomputer in den 1990ern (vor allem Apple Macintosh und PC) und der Software-Audioworkstations (DAW: Digital Audio Workstation) wie Cubase, Logic, ProTools, Ableton Live wurde die Musikproduktion vollständig demokratisiert.
Heute kann jede:r mit einem Laptop, einem MIDI-Keyboard und einer DAW im Schlafzimmer Musik produzieren, die professionellen Studiostandards entspricht. Bedroom-Producer wie Billie Eilish (mit ihrem Bruder Finneas) haben so weltweite Erfolge erreicht. Die Trennung zwischen Komponist, Performer und Produzent ist aufgehoben.
Zusammenfassung:
• Vorgeschichte: Theremin (1920), Ondes Martenot, Trautonium
• Pierre Schaeffer 1948: musique concrète in Paris
• Köln 1951: Studio für elektronische Musik (Eimert, Stockhausen)
• Stockhausen „Gesang der Jünglinge“ (1956): erste Verbindung Stimme und Elektronik
• Robert Moog 1964: erster kommerzieller Synthesizer
• Kraftwerk (ab 1970): Brücke zur Pop-Elektronik
• Detroit Techno und Berlin: globale Clubkultur seit 1990
Abitur-Tipp: Wichtig ist die Unterscheidung von musique concrète (Paris) und elektronischer Musik (Köln). Erstere geht von aufgenommenen Realklängen aus, zweitere von rein elektronisch generierten Tönen. Wer Stockhausens „Gesang der Jünglinge“ als Synthese beider Linien benennen kann, zeigt fundiertes Wissen. Die Linie von Stockhausen über Kraftwerk zum Techno ist eine zentrale Erzählung der Musikgeschichte des 20. Jahrhunderts.