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Musikbegriff im Wandel

John Cage, 1988
Was ist Musik?

Bis ins frühe 20. Jahrhundert war klar, was Musik ist: organisierte Klangereignisse mit Tonhöhen, Rhythmus und Form. Doch die Avantgarde des 20. Jahrhunderts hat diese Selbstverständlichkeit radikal in Frage gestellt. Komponisten haben den Musikbegriff erweitert, ihn von der Tonalität, vom Klang und schließlich sogar vom Konzert getrennt. „Was ist Musik?“ wurde zur philosophischen Frage.

Russolo und die Geräuschmusik

Schon 1913 veröffentlichte der italienische Futurist Luigi Russolo (1885–1947) sein Manifest L’arte dei rumori (Die Kunst der Geräusche). Er forderte, die Geräusche der modernen Industriegesellschaft – Maschinen, Hupen, Straßenlärm – zur Musik zu machen. Russolo baute eigene Geräuschinstrumente, die intonarumori, und gab erste „Konzerte“ mit ihnen. Damit sprengte er die Grenze zwischen Musik und Krach.

John Cage und 4’33″

Der amerikanische Komponist John Cage (1912–1992) ist die Schlüsselfigur dieser Erweiterung. Sein berühmtestes Werk heißt 4’33″ (1952): Ein Pianist setzt sich an den Flügel und spielt vier Minuten und 33 Sekunden lang – nichts. Das Publikum hört stattdessen die zufälligen Geräusche des Saals: Husten, Rascheln, Verkehrslärm von draußen. Cage zeigt damit: Stille existiert nicht. Auch das, was wir nicht als Musik definieren, kann Musik sein, wenn wir es so hören.

Cages weitere Werke nutzen Zufallsverfahren (z. B. das chinesische Orakelbuch I Ging) zur Bestimmung von Tönen, Dauern und Lautstärken. Mit dem präparierten Klavier (Schrauben, Münzen und Gummi werden zwischen die Saiten geklemmt) erfand er ein neues Instrument.

Soundscape (R. Murray Schafer)

Der kanadische Komponist R. Murray Schafer (1933–2021) prägte in den 1970er Jahren den Begriff Soundscape (Klanglandschaft). Er forderte, die akustische Umwelt eines Ortes als musikalisches Material wahrzunehmen. In seinem Buch The Soundscape: Our Sonic Environment and the Tuning of the World (1977) untersucht er die Klanglandschaften von Städten, Dörfern und Naturräumen. Daraus entwickelte sich die akustische Ökologie als interdisziplinäres Forschungsfeld.

Konzeptmusik

In der Konzeptmusik ist nicht das tatsächlich Erklungene das Werk, sondern die zugrunde liegende Idee. Cages 4’33″ ist ein konzeptmusikalisches Werk: Wichtig ist nicht der Klang (es gibt keinen), sondern das Konzept der Aufmerksamkeit für die Stille. Auch Karlheinz Stockhausen (1928–2007) und Mauricio Kagel (1931–2008) experimentierten mit konzeptuellen Ansätzen.

Konzeptmusik versteht sich oft als Reflexion über Musik selbst: Sie fragt, was eine Komposition ist, was ein Konzert, was Aufmerksamkeit. Sie hat Einfluss auf die Performance Art und die Klangkunst der Gegenwart.

Zusammenfassung:

• Russolo (1913): Geräuschmusik, Manifest L’arte dei rumori
• Cage 4’33″ (1952): Stille als Musik
• Soundscape (Schafer, 1977): akustische Umwelt als musikalisches Material
• Konzeptmusik: die Idee ist das Werk

Abitur-Tipp: Cage 4’33″ (1952) und Russolos Futurismus (1913) sind die zentralen Bezugspunkte, wenn die Klausur nach der Erweiterung des Musikbegriffs fragt. Verbinde die beiden Werke immer mit der philosophischen Frage „Was ist Musik?“ – das gibt einen runden Aufsatz.