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Jazz-Improvisation

Miles Davis bei einem Auftritt
Was ist Improvisation?

Im Jazz ist die Improvisation das zentrale gestalterische Mittel. Während in der klassischen Musik fast jeder Ton notiert ist, spielen Jazzmusiker im Moment des Konzerts neue, einmalige Soli über ein vorgegebenes harmonisches Gerüst. Improvisation ist nicht völliger Zufall, sondern beruht auf jahrelangem Üben von Skalen, Patterns, Standards und stilistischen Konventionen.

Eine typische Jazz-Performance beginnt mit dem Thema (engl. „head“), gefolgt von einer Reihe improvisierter Soli der einzelnen Musiker, und endet wieder mit dem Thema. Diese Form heißt Head – Solos – Head.

Lead Sheet und Chord Changes

Statt einer ausnotierten Partitur arbeiten Jazzmusiker mit dem Lead Sheet: einem einzeiligen Notenblatt, das nur die Melodie und die Akkordsymbole enthält. Die berühmteste Sammlung solcher Lead Sheets ist das Real Book, das seit den 1970er Jahren in Schulen und Konzerten verwendet wird.

Die Akkordfolge eines Stücks heißt Chord Changes (oder kurz Changes). Die Musiker improvisieren über diese Changes, indem sie zu jedem Akkord passende Töne auswählen. Akkordsymbole im Jazz sehen z. B. so aus: Cmaj7 (C-Dur mit großer Septime), Dm7 (d-Moll mit kleiner Septime), G7 (G-Dur mit kleiner Septime, Dominantseptakkord).

Die II-V-I-Verbindung

Die wichtigste Akkordfolge im Jazz ist die II-V-I-Verbindung. Sie führt über drei Akkorde zur Tonika und ist das harmonische Rückgrat fast aller Jazz-Standards. In C-Dur:

II = Dm7 (d-Moll-Septakkord, Subdominantfunktion)
V = G7 (Dominantseptakkord, Spannung)
I = Cmaj7 (Tonika, Auflösung)

Jazzmusiker üben die II-V-I-Verbindung in allen 12 Tonarten. Sie taucht in Standards wie Autumn Leaves, All the Things You Are und Take the ‘A’ Train immer wieder auf.

Walking Bass

Der Walking Bass ist die typische Bassbegleitung im Swing und Bebop. Der Kontrabass spielt in jedem Schlag eine Viertelnote (also vier Töne pro 4/4-Takt) und bewegt sich melodisch auf- und absteigend durch die Akkorde. Auf den Zählzeiten 1 und 3 stehen meist die Grundtöne der Akkorde, auf 2 und 4 Durchgangs- oder Wechseltöne.

Der Walking Bass schafft einen kontinuierlichen rhythmischen Puls und unterstützt das Solo harmonisch und rhythmisch zugleich. Berühmte Bassisten des Walking Bass sind Paul Chambers (Miles Davis Quintet), Ray Brown und Ron Carter.

Modal Jazz und Skalentheorie

1959 veröffentlichte Miles Davis das Album Kind of Blue, das den Modal Jazz begründete. Statt schnell wechselnder Akkorde improvisieren die Musiker über wenige, lange ausgehaltene Modi. Im Stück So What bilden zwei Modi das gesamte harmonische Material: 16 Takte d-dorisch, 8 Takte es-dorisch, 8 Takte d-dorisch.

Der dorische Modus ist eine Moll-Skala mit erhöhter Sexte: d–e–f–g–a–h–c–d. Auch der mixolydische Modus (g–a–h–c–d–e–f–g) wird im Jazz oft verwendet, vor allem über Dominantseptakkorden. Daneben sind lydisch, phrygisch, äolisch und lokrisch wichtig.

Die Skalentheorie (chord-scale-theory) ordnet jedem Akkord eine passende Skala zu: zu Dm7 etwa d-dorisch, zu G7 etwa g-mixolydisch, zu Cmaj7 etwa c-ionisch (= C-Dur). Damit kann der Improvisator zu jedem Akkord die passenden Töne ableiten.

Call & Response

Das Call-and-Response-Prinzip stammt aus afrikanischer Musik und Worksongs der amerikanischen Sklaven. Es ist ein Wechselgesang: ein Vorsänger ruft (call), die Gemeinschaft antwortet (response). Im Jazz wird dieses Prinzip vielfältig genutzt: zwischen Solist und Band, zwischen Bläsergruppe und Rhythmusgruppe, zwischen Solo-Trompete und Backgroundchor.

Auch die Trading Fours sind eine Form von Call & Response: zwei Musiker tauschen sich abwechselnd in viertaktigen Phrasen ab und reagieren musikalisch aufeinander. So entsteht ein dialogischer, kommunikativer Charakter, der den Jazz von den meisten anderen Musikstilen unterscheidet.

Zusammenfassung:

• Lead Sheet: Melodie + Akkordsymbole
• Chord Changes als harmonisches Gerüst
• II-V-I als wichtigste Kadenz im Jazz
• Walking Bass: vier Viertel pro Takt
• Modal Jazz: Improvisation über Modi (Miles Davis „So What“ 1959)
• Skalentheorie: zu jedem Akkord eine passende Skala
• Call & Response: dialogischer Wechsel

Abitur-Tipp: Übe die II-V-I-Verbindung in mindestens drei Tonarten und kannst sie sicher analysieren. Lerne den dorischen Modus auswendig und höre Miles Davis’ So What (1959) mit Notentext. In der Klausur kann ein Lead Sheet ausgegeben werden – du sollst dann die Akkorde funktionsharmonisch deuten und passende Skalen benennen.