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Volksmusik und Folklore

Akkordeon als Instrument der Volksmusik
Was ist Volksmusik?

Volksmusik ist eine mündlich überlieferte Musik, die in einer bestimmten Region, einem Volk oder einer sozialen Gruppe lebt. Sie hat keine eindeutigen „Komponisten“, sondern entwickelt sich kollektiv weiter. Sie ist meist eng mit Brauchtum, Tanz, Arbeit und Festen verbunden. Im 19. Jahrhundert gewann die Volksmusik im Zuge der Romantik und der Nationalbewegungen an Bedeutung – sie wurde gesammelt, aufgezeichnet und in die Kunstmusik aufgenommen.

Bartók und Kodály: Sammlung ungarischer Volksmelodien

Die berühmtesten Sammler von Volksmusik sind die ungarischen Komponisten Béla Bartók (1881–1945) und Zoltán Kodály (1882–1967). Ab 1905 zogen sie mit Phonographen durch ungarische, rumänische und slowakische Dörfer und nahmen tausende Volkslieder auf. Bartók erkannte: Die echte ungarische Volksmusik ist keineswegs die „Zigeunermusik“ der Städte, sondern eine eigenständige Tradition mit pentatonischen Skalen und freien Rhythmen.

Bartók arbeitete diese Volksmelodien in seine eigenen Werke ein. Beispiele: die Rumänischen Volkstänze (1915), das Konzert für Orchester (1943) und die sechs Streichquartette (1909–1939). Auch Kodály schuf mit seinen Háry János-Suite (1926) und der Galantáer Tänze (1933) Werke aus volksmusikalischem Material.

Brahms und die Ungarischen Tänze

Schon im 19. Jahrhundert hatte Johannes Brahms (1833–1897) die ungarische Volksmusik für das gebildete bürgerliche Publikum aufbereitet. Seine Ungarischen Tänze WoO 1 (Hefte 1 und 2 erschienen 1869, Hefte 3 und 4 1880) wurden ein Riesenerfolg. Allerdings griff Brahms eher auf städtische „Zigeunermusik“ zurück als auf authentische Bauernmusik – ein Unterschied, den erst Bartók und Kodály herausarbeiteten.

Englische Folksongs: Vaughan Williams

In England widmete sich Ralph Vaughan Williams (1872–1958) der Sammlung englischer Volkslieder. Ab 1903 zog er über das englische Land und notierte Lieder von Bäuerinnen und Hirten. Diese Volksmelodien gingen in seine eigenen Werke ein: die Fantasia on a Theme by Thomas Tallis (1910), die English Folk Song Suite (1923) und die Pastoral Symphony (1922). Vaughan Williams begründete damit eine eigenständige englische Kunstmusik nach langer Vorherrschaft kontinentaleuropäischer Komponisten.

Dvo’ák und böhmische Volksmusik

Der tschechische Komponist Antonín Dvo’ák (1841–1904) verarbeitete böhmische und mährische Volksmelodien in vielen seiner Werke. Seine Slawischen Tänze op. 46 (1878) und op. 72 (1886) wurden internationale Kassenschlager. Auch während seiner Zeit in den USA (1892–1895) ließ er sich von afroamerikanischen Spirituals und indianischen Melodien inspirieren – seine Sinfonie Nr. 9 e-Moll „Aus der Neuen Welt“ op. 95 (1893) ist das berühmteste Beispiel.

Zusammenfassung:

• Bartók und Kodály: Sammlung ungarischer Volksmelodien (ab 1905)
• Brahms: Ungarische Tänze WoO 1 (ab 1869)
• Vaughan Williams: englische Folksongs (ab 1903)
• Dvo’ák: böhmische Volksmusik, „Aus der Neuen Welt“ (1893)

Abitur-Tipp: Bartóks systematische Sammelarbeit ab 1905 ist der Schlüssel zum Verständnis der Volksmusikrezeption im 20. Jahrhundert. Vergleiche sie mit Brahms, der die Volksmusik eher romantisch idealisiert.