Die Zwölftontechnik ist eine Kompositionsmethode, die Arnold Schönberg (1874–1951) im Jahre 1923 erstmals systematisch anwandte. Schönberg selbst nannte sie „Methode der Komposition mit zwölf nur aufeinander bezogenen Tönen“. Sie ist die Antwort auf die Auflösung der traditionellen Tonalität, die im späten 19. Jahrhundert (Wagner, Mahler, Strauss) durch immer komplexere Chromatik schon weit fortgeschritten war.
Mit der Zwölftontechnik bekommt die atonale Musik ein neues Ordnungsprinzip: An die Stelle der Tonika als Bezugspunkt tritt eine fest gewählte Tonreihe, in der alle zwölf chromatischen Töne der Oktave (c, cis, d, dis, e, f, fis, g, gis, a, ais, h) in einer bestimmten Reihenfolge erscheinen – jeder Ton genau einmal.
Eine Zwölftonreihe ist eine Anordnung aller 12 Töne der chromatischen Skala. Aus dieser Grundgestalt (Originalreihe, Abk. O) lassen sich drei weitere Reihenformen ableiten:
• Krebs (K): die Reihe rückwärts gespielt
• Umkehrung (U): die Reihe gespiegelt – jedes aufsteigende Intervall wird absteigend und umgekehrt
• Krebsumkehrung (KU): die Umkehrung rückwärts gespielt
Jede dieser vier Reihenformen kann zudem auf jede der zwölf chromatischen Stufen transponiert werden. Insgesamt ergeben sich also 4 × 12 = 48 Reihenformen, mit denen ein Komponist arbeiten kann. Aus diesen 48 Formen wählt der Komponist die Töne für seine Musik – melodisch, akkordisch oder kombiniert.
Wichtige Regel: Innerhalb einer Reihe darf kein Ton wiederholt werden, bevor nicht alle anderen elf erklungen sind. Damit wird verhindert, dass ein Ton sich als „Tonika“ aufdrängt – alle Töne sind gleichberechtigt.
Eine konkrete Beispielreihe könnte etwa so aussehen:
Grundgestalt (O): c – cis – d – dis – e – f – fis – g – gis – a – ais – h
Das ist der einfachste denkbare Fall – die chromatische Skala selbst. Schönberg nahm in der Praxis natürlich kompliziertere Reihen, etwa aus seinem Klavierstück op. 33a (1929):
O: b – f – c – h – a – fis – cis – dis – g – as – d – e
Krebs (K): e – d – as – g – dis – cis – fis – a – h – c – f – b
Umkehrung (U): b – e – a – b – c – ... (gespiegelte Intervalle)
Krebsumkehrung (KU): die Umkehrung rückwärts
Die Reihe erscheint nicht zwangsläufig melodisch hintereinander. Der Komponist kann auch Akkorde aus mehreren benachbarten Reihentönen bilden oder die Reihe auf mehrere Instrumente verteilen.
Arnold Schönberg, in Wien geboren, ist der Vater der Zwölftonmusik. Bereits vor 1923 hatte er die freie Atonalität erforscht (z. B. Fünf Orchesterstücke op. 16, 1909, oder Pierrot Lunaire op. 21, 1912). Doch erst die Zwölftontechnik gab ihm ein systematisches Werkzeug.
Schlüsselwerke der Zwölftontechnik sind die Suite für Klavier op. 25 (1921–1923), das Bläserquintett op. 26 (1924), die Variationen für Orchester op. 31 (1928) und das unvollendete Opernfragment Moses und Aron (1932). Schönberg emigrierte 1933 vor den Nationalsozialisten in die USA und lehrte in Los Angeles.
Schönbergs zwei wichtigste Schüler sind Anton Webern (1883–1945) und Alban Berg (1885–1935). Zusammen bilden sie die Zweite Wiener Schule.
Webern radikalisierte die Methode. Seine Werke sind extrem kurz, knapp, klanglich filigran. In den Variationen für Klavier op. 27 (1936) oder im Streichquartett op. 28 (1938) wirken die Reihen wie zerklirrte Punkte im Raum. Webern wurde nach 1945 zum Vorbild der seriellen Musik (Stockhausen, Boulez).
Berg hingegen blieb der Tradition näher und fügte oft tonale Anspielungen in seine Reihen ein. Sein Violinkonzert (1935) verwendet eine Reihe, die auf ihre Schlussakkorde Dur- und Moll-Dreiklänge ergibt – und endet mit einem Bach-Choralzitat. Auch seine Opern Wozzeck (1925) und Lulu (1937) sind Meilensteine der modernen Musik.
Die Zwölftontechnik wurde nach 1945 von der jungen Avantgarde übernommen und zur seriellen Musik erweitert. Komponisten wie Pierre Boulez (Structures, 1952) und Karlheinz Stockhausen (Kreuzspiel, 1951) wandten das Reihenprinzip nicht nur auf Tonhöhen, sondern auch auf Dauern, Lautstärken und Klangfarben an.
Heute gilt die Zwölftontechnik als historische Methode – sie hat ihre dominante Rolle verloren, ist aber als Bezugspunkt der modernen Musik unverzichtbar. Im Schulunterricht ist sie das Schlüsselbeispiel für die Auflösung der Tonalität im 20. Jahrhundert.
Zusammenfassung:
• Erfunden von Arnold Schönberg, ab 1923 systematisch angewandt
• Methode der Komposition mit 12 nur aufeinander bezogenen Tönen
• Reihe in vier Gestalten: Original (O), Krebs (K), Umkehrung (U), Krebsumkehrung (KU)
• 4 Gestalten × 12 Transpositionen = 48 Reihenformen
• Zweite Wiener Schule: Schönberg, Webern, Berg
• Wirkt fort in der seriellen Musik nach 1945
Abitur-Tipp: Lerne die vier Reihengestalten (O, K, U, KU) sicher und kannst sie an einer einfachen Reihe nachvollziehen. Notiere dir Schönbergs op. 25 (Suite für Klavier 1923) und Bergs Violinkonzert (1935) als Schlüsselbeispiele. In der Klausur kann eine Reihenanalyse verlangt werden – das Erkennen der Reihenformen ist Pflicht.