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Cicero: De oratore

Cicero, Büste
Entstehung und Aufbau

De oratore („Über den Redner“) ist Ciceros umfangreichstes und reifstes rhetorisches Werk. Er schrieb es 55 v.Chr. auf seinem Landgut in Tusculum, in einer Phase, in der ihm das Erste Triumvirat (Caesar, Pompeius, Crassus) den politischen Spielraum nahm. Die Schrift ist seinem Bruder Quintus gewidmet und gliedert sich in drei Bücher.

Anders als De inventione, das Cicero in seiner Jugend als trockenes Lehrbuch verfasst hatte, gestaltet er De oratore als literarischen Dialog. Die Gesprächspartner sind die berühmten Redner Marcus Antonius und Lucius Licinius Crassus, die sich im Jahr 91 v.Chr. (kurz vor Crassus' Tod) auf dessen Landgut treffen. Cicero verleiht damit seinem Werk eine nöhstische Tiefe und macht es zum Vorbild der platonischen Dialogform in lateinischer Sprache.

Buch I: Bildung des Redners

Im ersten Buch streiten Crassus und Antonius darüber, was ein Redner können muss. Crassus vertritt die Position, die auch Ciceros eigene ist: Der Redner muss universal gebildet sein. Er braucht Kenntnisse in Recht, Geschichte, Philosophie, Literatur und allen Bereichen menschlichen Wissens. Antonius hingegen vertritt eine pragmatischere Position: Es genüge, dass der Redner sich in das jeweilige Thema einarbeitet.

Cicero formuliert hier sein zentrales Bildungsideal: „Nemo enim esse orator potest, nisi qui omnium rerum magnarum atque artium scientiam consecutus sit.“ – „Niemand kann ein Redner sein, wenn er nicht die Kenntnis aller bedeutenden Dinge und Künste erworben hat.“ Der ideale Redner ist also nicht blosser Sprachkünstler, sondern ein vir bonus, ein gebildeter, sittlich integrer Mensch.

Die fünf officia oratoris

Ein Kernstück der antiken Rhetorik sind die fünf officia oratoris („Aufgaben des Redners“), die Cicero ausführlich erläutert. Sie beschreiben die Schritte, in denen eine Rede entsteht und vorgetragen wird:

OfficiumÜbersetzungInhalt
inventioAuffindungSammeln der Argumente und Stoffe
dispositioAnordnungGliederung der Rede (exordium, narratio, argumentatio, peroratio)
elocutiosprachliche GestaltungStil, Wortwahl, Satzbau, Stilmittel
memoriaEinprägungAuswendiglernen, Mnemotechnik
actio (pronuntiatio)VortragGestik, Mimik, Stimmführung

Cicero betont besonders die actio: Eine inhaltlich brillante Rede nützt nichts, wenn der Vortrag misslingt. Demosthenes soll auf die Frage, was beim Reden das Wichtigste sei, dreimal hintereinander „Actio, actio, actio!“ geantwortet haben.

Die drei officia: docere, delectare, movere

Neben den fünf Arbeitsschritten benennt Cicero drei Wirkabsichten, die jede Rede verfolgen muss:

docere (belehren) – Der Zuhörer soll die Sachlage verstehen. Hierzu dient die nüchterne Darstellung der Fakten.
delectare (erfreuen) – Der Zuhörer soll am Vortrag Vergnügen finden. Stilelemente, Witz, schöne Sprache lockern die Rede auf.
movere (bewegen) – Der Zuhörer soll innerlich bewegt, ergriffen, zum Handeln getrieben werden. Pathos, leidenschaftliche Sprache, drastische Bilder dienen diesem Zweck.

Cicero bringt es auf die Formel: „Probare necessitatis est, delectare suavitatis, flectere victoriae.“ – „Beweisen gehört zur Notwendigkeit, Erfreuen zur Anmut, Umstimmen zum Sieg.“ Erst die Verbindung aller drei Wirkabsichten macht den vollendeten Redner aus.

Die drei Stilebenen (genera dicendi)

Eng verbunden mit den drei Wirkabsichten sind die drei Stilebenen. Jede Wirkabsicht entspricht einer angemessenen sprachlichen Ebene:

StilebeneWirkungCharakter
genus humile (subtile)docereschlicht, klar, sachlich
genus mediumdelectareelegant, gefällig, gemässigt
genus grande (sublime)movereerhaben, leidenschaftlich, pathetisch

Der Meister-Redner beherrscht alle drei Stilebenen und wechselt geschickt zwischen ihnen, je nach Situation und Wirkungsabsicht. Cicero illustriert dies an seiner eigenen Rede Pro Milone, in der er natürliche Erklärungen mit pathetischen Anrufen verbindet.

Buch II: Inventio und Disposition

Im zweiten Buch übernimmt Antonius die Führung im Gespräch und behandelt die ersten beiden Aufgaben: die inventio und die dispositio. Er erläutert die Statuslehre (welche Streitfrage liegt vor?) und die typische Gliederung einer Rede:

exordium – Einleitung, Wohlwollen des Publikums gewinnen
narratio – Schilderung des Sachverhalts
argumentatio – Beweisführung (probatio + refutatio)
peroratio – Schluss mit emotionalem Appell

Buch III: Elocutio und Sprache

Im dritten Buch kehrt Crassus zurück und behandelt die elocutio, die sprachliche Gestaltung. Er fordert vier Tugenden des Stils: latinitas (sprachliche Korrektheit), perspicuitas (Klarheit), ornatus (Schmuck) und aptum (Angemessenheit). Cicero plädiert hier für das Mass: Stilmittel sind schön, sollen aber nie überhandnehmen.

Er beendet das Werk mit einem leidenschaftlichen Plädoyer für die Wiedervereinigung von Philosophie und Rhetorik. Die Trennung beider durch Sokrates und seine Schule sei ein großer Verlust gewesen. Der ideale Redner ist vir bonus dicendi peritus – ein guter Mensch, der zu reden versteht.

Zusammenfassung:

De oratore, 55 v.Chr., 3 Bücher, Dialogform
• Gesprächspartner: Crassus, Antonius (im Jahr 91 v.Chr.)
• Universalbildung als Voraussetzung für den idealen Redner
• Fünf officia oratoris: inventio, dispositio, elocutio, memoria, actio
• Drei Wirkabsichten: docere, delectare, movere
• Drei Stilebenen: genus humile, medium, grande
• Wiedervereinigung von Philosophie und Rhetorik

Abitur-Tipp: Lerne die fünf officia oratoris und die drei Wirkabsichten/Stilebenen auswendig – sie sind die Standardfragen jeder Rhetorikklausur. Wenn du eine Rede analysierst, ordne ihre Teile nach exordium, narratio, argumentatio, peroratio. Wer im hessischen Abitur den Bezug zwischen De oratore und der Pflichtlektüre Orator 69–71 herstellen kann, sammelt Pluspunkte: Beide Werke vertreten dasselbe Ideal des umfassend gebildeten Redners.