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Cicero: Orator

Cicero, Büste
Cicero im Jahr 46 v.Chr.

Orator entstand 46 v.Chr., also nur zwei Jahre vor Ciceros gewaltsamem Tod. Caesar regierte als Diktator, die römische Republik lag im Sterben. Cicero hatte sich aus der aktiven Politik zurückgezogen und widmete sich seiner schriftstellerischen Arbeit. In dieser Zeit der politischen Resignation entstanden zahlreiche Meisterwerke: Brutus, Orator, die Tusculanae disputationes, De finibus, De natura deorum.

Der Orator ist Ciceros spätes Vermächtnis zur Rhetorik. Er widmet die Schrift dem Brutus, der ihn um eine Beschreibung des vollendeten Redners gebeten hatte. Das Werk ist nicht als Dialog, sondern als Lehrtraktat gestaltet und bildet zusammen mit De oratore und Brutus Ciceros gesamte rhetorische Reife.

Die Pflichtlektüre Orator 69–71

Für das hessische Latein-Abitur 2026 sind die Kapitel Orator 69–71 verbindlich vorgeschrieben. In diesen drei Kapiteln entfaltet Cicero seine berühmte Lehre von den drei Wirkabsichten und ihrem Verhältnis zu den drei Stilebenen. Es ist eine der dichtesten und wichtigsten Passagen der antiken Rhetoriktheorie:

„Erit igitur eloquens [...] is qui in foro causisque civilibus ita dicet, ut probet, ut delectet, ut flectat. Probare necessitatis est, delectare suavitatis, flectere victoriae.“
„Beredt also wird derjenige sein, der auf dem Forum und in Bürgerprozessen so spricht, dass er beweist, erfreut und umstimmt. Beweisen gehört zur Notwendigkeit, Erfreuen zur Anmut, Umstimmen zum Sieg.“

Cicero unterscheidet die drei Wirkabsichten und ordnet ihnen die drei Stilebenen zu:

WirkabsichtStilebeneCharakter
probare/doceregenus humile (subtile)schlicht, klar, beweisend
delectaregenus mediumelegant, gefällig, erfreulich
flectere/moveregenus grandeerhaben, leidenschaftlich, überwältigend
Der vollendete Redner als Ideal

Ciceros zentrale These im Orator ist platonisch: Den vollendeten Redner gibt es in der Wirklichkeit nicht. Er ist eine Idee (lat. species), an der sich der reale Redner nur annähern kann. Cicero greift hier auf Platons Ideenlehre zurück:

„Sed ego sic statuo, nihil esse in ullo genere tam pulchrum, quo non pulchrius id sit, unde illud, ut ex ore aliquo quasi imago, exprimatur.“
„Ich aber meine: In keiner Gattung gibt es etwas so Schönes, dass es nicht etwas noch Schöneres gäbe, von dem dieses gleichsam wie ein Bild aus einem Gesicht abgeprägt wäre.“

Der reale Redner ist also ein Abbild eines unsichtbaren Urbildes. Diese Vorstellung verleiht der Rhetorik eine metaphysische Tiefe: Reden ist nicht nur Handwerk, sondern Streben nach einer höheren Wahrheit und Schönheit.

Vir bonus dicendi peritus

Berühmt geworden ist die Definition des Redners, die zwar nicht von Cicero stammt, aber von ihm aufgegriffen wurde: vir bonus dicendi peritus („ein guter Mann, der zu reden versteht“). Der ältere Cato hatte sie geprägt; Quintilian zitiert sie später in seiner Institutio oratoria. Cicero teilt diese Auffassung: Ein Redner, der nicht moralisch integer ist, ist im eigentlichen Sinn kein Redner.

Damit verwirft Cicero die rein technische Auffassung der Sophisten. Rhetorik ist nicht wertneutral. Wer die Macht des Wortes besitzt, trägt die Verantwortung, sie gut zu gebrauchen. Diese Forderung verbindet Rhetorik und Ethik unlösbar.

Der Stil des vollendeten Redners

Im weiteren Verlauf des Orator beschreibt Cicero den Stil des Idealredners im Detail. Er fordert die Beherrschung aller drei Stilebenen, also nicht nur das „hohe“ Pathos. Wer nur erhaben spricht, wirkt aufgeblasen; wer nur nüchtern spricht, wirkt langweilig. Der Meister wechselt die Stilebenen geschickt nach Sache, Situation und Publikum.

Cicero geht dabei auch auf rhythmische Aspekte ein. Er empfiehlt bestimmte Satzschlüsse (sogenannte clausulae), die das Ohr erfreuen, ohne in dichterischen Rhythmus zu verfallen. Der berühmteste ist der cretico-trochaeus ($-\\smile-\\smile$). Cicero selbst liebte diese Schlussklauseln und nutzt sie in seinen Reden.

Atticisten und Asianer

Ein wichtiger Hintergrund von Orator ist die zeitgenössische Stilfehde zwischen Atticisten und Asianern. Die Atticisten (z.B. Brutus, Calvus) plagten für einen schlichten, nüchternen Stil nach attischem Vorbild. Die Asianer (zu denen man Cicero rechnete) bevorzugten den fülligen, schmuckreichen Stil. Cicero verteidigt im Orator sein eigenes Stilideal: nicht Asianismus, sondern Vielseitigkeit. Der wahre Redner muss schlicht und erhaben können.

Sein Vorbild ist Demosthenes, der „Demosthenes summus orator“, der nach Cicero alle drei Stilebenen meistert. Indem Cicero sich an Demosthenes orientiert, beansprucht er, der „römische Demosthenes“ zu sein.

Bedeutung für die europäische Bildung

Der Orator wurde, zusammen mit De oratore, zum wichtigsten antiken Lehrbuch der Rhetorik. Die Renaissance-Humanisten betrachteten ihn als Pflichtlektüre. Cicero prägte mit seiner Forderung nach universaler Bildung und moralischer Verantwortung das europäische Bildungsideal über Jahrhunderte. Auch das deutsche Gymnasium des 19. Jahrhunderts mit seiner Verbindung von Sprache, Philosophie und Charakterbildung steht in dieser Tradition.

Zusammenfassung:

• Spätwerk Ciceros, 46 v.Chr., gewidmet an Brutus
• Pflichtlektüre Hessen 2026: Orator 69–71
• Drei Wirkabsichten: probare, delectare, flectere
• Drei Stilebenen: humile, medium, grande
• Vollendeter Redner als platonische Idee
• Vir bonus dicendi peritus – Verbindung von Rhetorik und Ethik
• Cicero gegen Atticisten: Plädoyer für Stilvielfalt

Abitur-Tipp: Die Stilebenen-Wirkabsicht-Tabelle ist Pflichtwissen. Lerne sie auswendig: humile–docere, medium–delectare, grande–movere. Beim Übersetzen von Orator 69–71 achte auf den parallelen Satzbau (z.B. „Probare necessitatis est, delectare suavitatis, flectere victoriae“ – ein Trikolon). Wer den Bezug zu Platons Ideenlehre erkennt und Cicero als „römischen Demosthenes“ einordnen kann, überzeugt jeden Prüfer.