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Vergil: Metrik (Hexameter)

Vergilius Romanus – antike Vergil-Handschrift
Was ist ein Hexameter?

Der Hexameter (griech. hexa „sechs“, metron „Mass“) ist das wichtigste Versmass der antiken Dichtung. Er besteht aus sechs Versfüssen. Die Form geht auf Homer zurück (Ilias und Odyssee) und wurde von den römischen Dichtern für das Epos übernommen: Ennius, Lukrez, Vergil, Ovid, Lukan und viele andere schrieben in Hexametern. Vergils Aeneis (12 Bücher) besteht aus rund 9900 Hexametern und ist das Musterbeispiel des kunstvoll gebauten römischen Hexameters.

Für das Latein-Abitur in Hessen ist die Fähigkeit zum Skandieren (metrisches Lesen) der Vergil-Verse aus Buch IV der Aeneis Pflichtwissen. Wer den Hexameter erkennt und hervorhebt, erschliesst die künstlerische Wirkung des Verses.

Daktylus und Spondeus

Im Lateinischen zählt nicht (wie im Deutschen) die Betonung, sondern die Länge der Silben. Eine Silbe ist lang ($-$), wenn sie einen langen Vokal, einen Diphthong oder einen Vokal vor zwei Konsonanten enthält. Sie ist kurz ($\\smile$), wenn sie einen kurzen Vokal vor höchstens einem Konsonanten enthält.

Aus Silbenlängen werden Versfüsse gebildet:

VersfussSchemaCharakter
Daktylus$- \\smile \\smile$ (lang-kurz-kurz)schnell, leicht, beweglich
Spondeus$- -$ (lang-lang)schwer, feierlich, langsam
Trochaeus (Schluss)$- \\smile$ (lang-kurz)nur am Versende

Im Hexameter können Daktylus und Spondeus einander vertreten. Nur der 5. Fuss ist fast immer Daktylus, der 6. Fuss ist immer Spondeus oder Trochaeus.

Das Schema des Hexameters

Das vollständige Schema lautet:

$-\\smile\\smile$ | $-\\smile\\smile$ | $-\\smile\\smile$ | $-\\smile\\smile$ | $-\\smile\\smile$ | $- \\;\\smile$/$-$

Füsse 1–4 können also Daktylus oder Spondeus sein, Füsse 5 ist Daktylus, Fuss 6 ist immer zweisilbig (Trochaeus oder Spondeus).

Beispiel: Vergils Eingangsvers der Aeneis
„Arma virumque cano, Troiae qui primus ab oris“
wird so skandiert:
„Ar-ma vi-/rum-que ca-/no, Troi-/ae qui /pri-mus ab/ o-ris“
$- \\smile\\smile$ | $- \\smile\\smile$ | $- -$ | $- -$ | $- \\smile\\smile$ | $- -$
Das ergibt: Daktylus, Daktylus, Spondeus, Spondeus, Daktylus, Spondeus.

Zäsuren

Eine Zäsur (lat. caesura „Schnitt“) ist ein Worteinschnitt innerhalb eines Verses, der das metrische Gefüge gliedert. Die wichtigsten Zäsuren im Hexameter:

Penthemimeres (Trithemimeres): Schnitt nach dem 5. Halbfuss (mitten im 3. Fuss). Häufigste Zäsur, sehr ausgewogen.
Hephthemimeres: Schnitt nach dem 7. Halbfuss (mitten im 4. Fuss).
Bukolische Diairese: Worteinschnitt zwischen 4. und 5. Fuss. Sie wird besonders in Hirtengedichten verwendet.

Zäsuren strukturieren den Vers, machen ihn hörbar und verhindern monotones Herunterleiern. Vergil setzt sie kunstvoll ein, um Bedeutungseinheiten zu trennen oder hervorzuheben.

Elision und Synaloephe

Trifft ein Wort auf einen Vokalanlaut des nächsten Wortes, wird die Endsilbe elidiert (verschluckt). Auch ein Schluss-m vor Vokal verschwindet. Beispiele:

multum illemult'ille
monstrum horrendummonstr'horrendum
arma virumque bleibt voll, weil „que“ konsonantisch beginnt

Die Elision ist beim Skandieren unbedingt zu beachten, sonst stimmt das Versmass nicht. Vergil setzt sie oft kunstvoll als Klangfigur ein.

Klangwirkung des Hexameters

Vergil gilt als Meister des klangmalerischen Hexameters. Er stimmt Rhythmus und Inhalt aufeinander ab. Schnelle Bewegungen werden mit Daktylen wiedergegeben, schwere Stimmungen mit Spondeen. Ein berühmtes Beispiel ist der Vers, der das Galoppieren eines Pferdes beschreibt:

„Quadrupedante putrem sonitu quatit ungula campum.“
„Mit vierfüssigem Klang erschüttert der Huf das stäubende Feld.“

Fünf Daktylen jagen einander – man hört regelrecht das Hufgetrommel. Bei einer feierlichen Szene hingegen findet man oft Spondeen, die die Worte schwer und würdig machen.

Skansionspraxis

Das Skandieren erfordert Übung. Hilfreich ist folgendes Vorgehen:

• Markiere alle Diphthonge und langen Vokale (lang von Natur).
• Markiere alle Vokale vor zwei oder mehr Konsonanten (lang nach Position).
• Führe Elisionen durch.
• Beginne von hinten: Der 6. Fuss ist immer zweisilbig, der 5. fast immer Daktylus.
• Setze die Füsse vom Ende her zurück.

Mit dieser Technik gelingt jede Skansion, auch wenn man im Vers anfangs zweifelhafte Stellen sieht.

Zusammenfassung:

• Hexameter = sechs Versfüsse, bestehend aus Daktylen ($-\\smile\\smile$) oder Spondeen ($- -$)
• 5. Fuss meist Daktylus, 6. Fuss zweisilbig (Trochaeus oder Spondeus)
• Lange Silben durch langen Vokal, Diphthong oder Position vor zwei Konsonanten
• Zäsuren: Penthemimeres, Hephthemimeres, bukolische Diairese
• Elision: Endvokal/-m wird vor Vokalanlaut weggesprochen
• Vergil nutzt Daktylen für Schnelligkeit, Spondeen für Schwere

Abitur-Tipp: Skandiere zur Vorbereitung mehrere Stellen aus Aeneis Buch IV laut. Lerne „Arma virumque cano“ und „Quadrupedante putrem sonitu...“ auswendig – sie sind die Lehrbeispiele schlechthin. Wer Inhalt und Rhythmus verknüpfen kann (z.B. „hier reihen sich Daktylen, was die wachsende Erregung Didos malt“), zeigt sicher das obere Notenniveau. Achte beim Skandieren immer auf Elisionen!