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Augustus und der Prinzipat

Augustus von Primaporta
Vom Octavian zum Augustus

Augustus (geboren als Gaius Octavius am 23. September 63 v.Chr., gestorben am 19. August 14 n.Chr.) war der erste römische Kaiser und der Begründer des Prinzipats. Sein politischer Aufstieg verlief in atemberaubender Geschwindigkeit: Mit nur 18 Jahren wurde er nach Caesars Ermordung dessen Adoptivsohn und Erbe. Zusammen mit Marcus Antonius und Lepidus bildete er das Zweite Triumvirat (43 v.Chr.), das die Republik faktisch ausschaltete und mit Proskriptionen Tausende politische Gegner tötete – darunter auch Cicero.

Im Jahr 31 v.Chr. besiegte Octavian seinen letzten Rivalen Marcus Antonius in der Seeschlacht von Actium. Damit war er Alleinherrscher. Er hütete sich aber, wie Caesar offen die Diktatur anzustreben. Stattdessen errichtete er eine neue Form der Macht, die formal die Republik wahrte: den Prinzipat.

Der Prinzipat als „wiederhergestellte Republik“

Im Jahr 27 v.Chr. übergab Octavian die ausserordentlichen Vollmachten formal an Senat und Volk zurück und nannte dies die res publica restituta – „die wiederhergestellte Republik“. Der Senat dankte ihm mit dem Ehrennamen Augustus („der Erhabene“) und liess ihm faktisch alle Macht. Augustus selbst bezeichnete sich nur als princeps – „der Erste (unter Gleichen)“. Daher der Name des Systems: Prinzipat.

Die alten republikanischen Ämter (Konsul, Senat, Volkstribunen, Comitia) blieben formal bestehen. Doch Augustus häufte in seiner Person Vollmachten an, die ihn faktisch zum Alleinherrscher machten:

Imperium proconsulare maius – Oberbefehl über alle Heere und Provinzen
Tribunicia potestas – alle Befugnisse eines Volkstribunen, lebenslang
Pontifex maximus – oberster Priester (ab 12 v.Chr.)
Pater patriae – Vater des Vaterlandes (ab 2 v.Chr.)

Pax Augusta

Augustus brachte den Bürgerkriegen ein Ende und schenkte Rom eine lange Friedensperiode – die Pax Augusta oder Pax Romana. Er konsolidierte die Reichsgrenzen, ordnete die Provinzverwaltung neu und sorgte für ein blu­hendes Reich. Im Jahr 9 v.Chr. wurde am Marsfeld in Rom der berühmte Ara Pacis Augustae (Friedensaltar) eingeweiht – ein Marmoraltar, der die Friedensbringung des Augustus symbolisch feiert.

Sein eigener Tatenbericht, die Res gestae divi Augusti (in Stein gemeisselt am Mausoleum), beginnt mit den Worten:
„Annos undeviginti natus exercitum privato consilio et privata impensa comparavi, per quem rem publicam a dominatione factionis oppressam in libertatem vindicavi.“
„Mit 19 Jahren stellte ich aus eigenem Entschluss und mit eigenen Mitteln ein Heer auf, durch das ich die von der Tyrannei einer Partei unterdrückte Republik in die Freiheit zurückführte.“

Augusteische Kulturpolitik

Augustus war nicht nur ein Politiker, sondern auch ein Bauherr und Kulturförderer. Sein vertrauter Berater Maecenas baute einen literarischen Kreis auf, der die augusteische Politik ideologisch unterstützte. Zu diesem Kreis gehörten:

Vergil – verfasste die Aeneis als römisches Nationalepos
Horaz – schrieb Oden auf Augustus und das neue goldene Zeitalter
Properz – römischer Liebesdichter
Tibull – Elegiker

Die augusteische Literatur entwarf das Bild eines neuen, frommen und tugendhaften Rom, das nach den Bürgerkriegen wieder zu sich selbst gefunden hatte. Sie betonte die alten römischen Werte (mos maiorum, virtus, pietas) und stellte Augustus als deren Erfüller dar.

Vergil schreibt in der Aeneis über Augustus: „Hic vir, hic est, tibi quem promitti saepius audis, Augustus Caesar, divi genus, aurea condet saecula qui rursus Latio.“ – „Dies ist der Mann, von dem du hörst, dass er dir verheissen wird: Augustus Caesar, von göttlicher Abstammung; das goldene Zeitalter wird er wieder im Latium gründen.“

Sittenreform und Religion

Augustus strebte eine moralische Erneuerung Roms an. Er erliess strenge Ehegesetze (lex Iulia de adulteriis, lex Iulia de maritandis ordinibus), die Ehebruch unter Strafe stellten und die Heiratsbereitschaft der Oberschicht förderten. Wer drei Kinder hatte, genoß politische Vorrechte (ius trium liberorum).

Auch in der Religion suchte er Erneuerung. Verfallene Tempel wurden restauriert, alte Kulte wiederbelebt. Im Jahr 17 v.Chr. feierte Augustus die Ludi Saeculares, die Säkularspiele, die das Beginnen eines neuen, goldenen Zeitalters symbolisieren sollten. Horaz dichtete für diese Spiele das berühmte Carmen saeculare.

Augustus' Tod und Nachfolge

Augustus regierte 41 Jahre lang. Als er am 19. August 14 n.Chr. in Nola in Kampanien starb, hatte er das Reich in eine Form gegossen, die fast 300 Jahre Bestand haben sollte. Seine letzten Worte sollen gewesen sein: „Acta est fabula, plaudite!“ – „Das Schauspiel ist zu Ende, klatscht Beifall!“ – eine ironische Anspielung auf die römische Theaterwelt und seine Rolle als Schauspieler der Macht.

Sein Stiefsohn Tiberius folgte ihm nach – das Prinzipat war damit zur erblichen Monarchie geworden. Doch Augustus blieb das ungeschlagene Vorbild aller römischen Kaiser: Bei jeder Thronbesteigung wurde der neue Kaiser mit den Worten gegrüsst: „Felicior Augusto, melior Traiano!“ – „Glücklicher als Augustus, besser als Trajan!“

Zusammenfassung:

• Augustus 63 v.Chr.–14 n.Chr., erster Kaiser, ursprünglich Octavian
• 31 v.Chr. Sieg bei Actium, 27 v.Chr. Errichtung des Prinzipats
• Princeps = „Erster unter Gleichen“
• Vollmachten: imperium proconsulare, tribunicia potestas, pontifex maximus, pater patriae
• Pax Augusta, Ara Pacis (9 v.Chr.), Res gestae
• Kulturkreis um Maecenas: Vergil, Horaz, Properz, Tibull
• Sittenreform, Religionsrestauration, Säkularspiele 17 v.Chr.
• Tod 14 n.Chr., Nachfolger Tiberius

Abitur-Tipp: Wer Vergils Aeneis (Buch IV) interpretiert, muss den augusteischen Hintergrund kennen. Die Aeneis wurde im Auftrag des Augustus geschrieben und feiert sein neues Rom. Lerne die zentralen Daten 31 v.Chr. (Actium), 27 v.Chr. (Prinzipat), 14 n.Chr. (Tod). Wer den Begriff „res publica restituta“ nennen kann und versteht, dass Augustus die Republik formal bewahrte und faktisch abschaffte, hat das Wesen des Prinzipats verstanden.