Ciceros Dialog De re publica („Über den Staat“) entstand zwischen 54 und 51 v. Chr. und ist sein großes politisch-philosophisches Hauptwerk. Ursprünglich umfasste es sechs Bücher, von denen jedoch nur Teile erhalten sind. Lange Zeit kannte man das Werk nur durch das berühmte Schlusskapitel, das Somnium Scipionis, bis 1819 in einem Palimpsest weite Teile der ersten beiden Bücher wiederentdeckt wurden.
Das Werk ist als fiktiver Dialog gestaltet: Im Jahr 129 v. Chr. unterhalten sich der jüngere Scipio Africanus, sein Freund Laelius und weitere berühmte Politiker über die beste Staatsform. Cicero verbindet so platonische Tradition (Platons Politeia) mit römischer politischer Erfahrung. Während Platon einen idealen Staat entwirft, geht Cicero von der historisch gewachsenen römischen Republik aus.
Im ersten Buch gibt Scipio die berühmte Definition des Staates, die in der gesamten europäischen Staatsphilosophie nachwirkt:
„Est igitur, inquit Africanus, res publica res populi, populus autem non omnis hominum coetus quoquo modo congregatus, sed coetus multitudinis iuris consensu et utilitatis communione sociatus.“ (Cic. De rep. I,39)
(„Der Staat, sagte Africanus, ist also Sache des Volkes; das Volk aber ist nicht jede beliebige Ansammlung von Menschen, die sich auf irgendeine Weise zusammengefunden hat, sondern die Vereinigung einer Menge, die durch Übereinstimmung im Recht und durch Gemeinsamkeit des Nutzens verbunden ist.“)
Diese Definition enthält drei zentrale Elemente: res populi (Sache des Volkes), iuris consensus (rechtliche Übereinstimmung) und utilitatis communio (gemeinsamer Nutzen). Der Staat ist also keine bloße Ansammlung von Menschen, sondern eine durch Recht und gemeinsamen Vorteil konstituierte Rechtsgemeinschaft.
Cicero übernimmt von dem griechischen Historiker Polybios die Lehre vom Verfassungskreislauf (anakyklosis). Polybios hatte beobachtet, dass die drei Grundformen Monarchie, Aristokratie und Demokratie jeweils in ihre Entartungsformen Tyrannis, Oligarchie und Ochlokratie (Pöbelherrschaft) umschlagen.
Die Lösung sieht Cicero in der constitutio mixta, der Mischverfassung. Die römische Republik kombiniere monarchische (Konsuln), aristokratische (Senat) und demokratische (Volksversammlung) Elemente. Diese Mischung sorge für Stabilität (aequabilitas) und verhindere die Entartung.
Scipio formuliert: „Itaque quartum quoddam genus rei publicae maxime probandum esse censeo, quod est ex his, quae prima dixi, moderatum et permixtum tribus.“ („Daher meine ich, dass eine vierte Art des Staates am meisten zu billigen ist, nämlich diejenige, die aus den drei zuerst genannten Formen gemäßigt und gemischt ist.“)
In den Büchern V und VI entwickelt Cicero das Idealbild des rector rei publicae oder princeps civitatis. Dieser Staatslenker soll Klugheit, Gerechtigkeit und sittliche Vorbildlichkeit verbinden. Er handelt nicht aus Eigeninteresse, sondern für das Gemeinwohl. Cicero zeichnet hier ein Idealbild, das auf Persönlichkeiten wie Scipio Africanus und letztlich auch auf ihn selbst zurückweist.
Dieser Staatsmann muss philosophisch gebildet sein, denn ohne Bildung kann er weder die Gesetze richtig verstehen noch das Volk führen. So verbindet Cicero römische virtus mit griechischer Philosophie zu einem humanistischen Ideal. Der rector ist Vorbild und Lenker zugleich; er steht moralisch über den Parteien.
Den Abschluss bildet das Somnium Scipionis, einer der berühmtesten Texte der lateinischen Literatur. Scipio Aemilianus erzählt von einem Traum: Sein Großvater, Scipio Africanus der Ältere, erscheint ihm und führt ihn in den Himmel. Von dort sieht Scipio die Erde als winzigen Punkt und erkennt die Nichtigkeit irdischen Ruhms im Vergleich zur Ewigkeit.
Der zentrale Gedanke: Wer dem Vaterland gedient hat, dem ist ein Platz im Himmel sicher: „Omnibus, qui patriam conservaverint, adiuverint, auxerint, certum esse in caelo definitum locum, ubi beati aevo sempiterno fruantur.“ („Allen, die das Vaterland bewahrt, gefördert und vergrößert haben, ist ein bestimmter Ort am Himmel sicher, wo sie als Selige ein ewiges Leben genießen.“)
Scipios Großvater erklärt ihm zudem die Sphärenharmonie und die Unsterblichkeit der Seele – deutlich angelehnt an Platons Politeia und den dortigen Er-Mythos. Damit verbindet Cicero römischen Patriotismus mit platonischer Jenseitslehre und gibt der politischen Tätigkeit eine metaphysische Würdigung.
Ciceros De re publica wurde zur Grundlage europäischen Staatsdenkens. Die Idee der Mischverfassung wirkte bis in die Verfassungen der Neuzeit nach – etwa in Montesquieus Gewaltenteilung und in der amerikanischen Verfassung. Augustinus zitierte das Werk in seiner Civitas Dei immer wieder, um es christlich zu überbieten. Im Mittelalter war vor allem das Somnium Scipionis mit dem Kommentar des Macrobius einflussreich.
Für das Hessen-Abitur ist De re publica als zentrales Werk der politischen Philosophie der späten Republik wichtig. Es zeigt Cicero als Brückenfigur zwischen griechischer Theorie und römischer Praxis und stellt mit der Staatsdefinition I,39 einen der prägendsten Texte des politischen Denkens bereit.
Zusammenfassung:
• Dialog in 6 Büchern (54–51 v. Chr.), Gesprächsteilnehmer: Scipio, Laelius u. a.
• Staatsdefinition I,39: res publica = res populi (iuris consensus + utilitatis communio)
• Mischverfassung nach Polybios als Idealform; Stabilität Roms
• Idealbild des rector rei publicae: Bildung + virtus + Gemeinwohl
• Somnium Scipionis (Buch VI): Lohn für Patrioten im Himmel, Sphärenharmonie
Abitur-Tipp: Lerne die Staatsdefinition aus Cic. De rep. I,39 wörtlich. Sie wird im Abitur häufig als Übersetzungs- oder Interpretationsaufgabe gestellt. Achte besonders auf die drei konstituierenden Elemente res populi, iuris consensus und utilitatis communio.