Titus Livius (59 v. Chr. – 17 n. Chr.) stammt aus Patavium (heute Padua) und lebte den größten Teil seines Lebens in Rom, wo er sich ganz der Geschichtsschreibung widmete. Im Gegensatz zu den meisten römischen Historikern war er kein Senator und kein Heerführer, sondern ein reiner Literat. Augustus selbst soll seine Werke geschätzt haben – und ihn dennoch wegen seiner republikanischen Sympathien einen Pompeianus genannt haben.
Sein Lebenswerk Ab urbe condita libri („Bücher seit Gründung der Stadt“) umfasste ursprünglich 142 Bücher – von der Gründung Roms 753 v. Chr. bis zum Tod des Drusus 9 v. Chr. Erhalten sind nur die Bücher 1–10 (Frühzeit bis 293 v. Chr.) und 21–45 (Punische Kriege und Folge). Der Rest ist nur in Auszügen (Periochae) bekannt.
In der berühmten Vorrede formuliert Livius sein Geschichtsverständnis. Geschichte sei ein Spiegel, in dem man Vorbilder und abschreckende Beispiele finde:
„Hoc illud est praecipue in cognitione rerum salubre ac frugiferum, omnis te exempli documenta in inlustri posita monumento intueri; inde tibi tuaeque rei publicae quod imitere capias, inde foedum inceptu, foedum exitu, quod vites.“ (Liv. praef. 10)
(„Das ist besonders heilsam und nutzbringend an der Beschäftigung mit Geschichte: dass du Beispiele jeder Art auf einem leuchtenden Denkmal vor Augen hast; daraus kannst du für dich und für deinen Staat das wählen, was du nachahmen sollst, und das, was schimpflich beginnt und schimpflich endet, was du meiden sollst.“)
Geschichtsschreibung ist also exempla-Geschichtsschreibung: Sie gibt moralische Vorbilder. Livius beklagt zugleich den Verfall seiner eigenen Zeit: „Nec vitia nostra nec remedia pati possumus.“ („Wir können weder unsere Laster noch ihre Heilmittel ertragen.“)
Im ersten Buch erzählt Livius die Sage von Romulus und Remus, den Zwillingen, die von einer Wölfin gesäugt wurden und Rom gründeten. Romulus erschlägt seinen Bruder Remus, weil dieser die neuen Stadtmauern verspottet. Livius berichtet die mythische Tradition, distanziert sich aber leise: Die Geschichte habe so viel Sagenhaftes, dass man sie weder ganz glauben noch ganz verwerfen könne.
Die Gründungssage ist exemplarisch: Sie zeigt sowohl die virtus des Gründers als auch die Bereitschaft, das eigene Recht auf den Staat zu stellen. Romulus wird zum Modell für römische Staatlichkeit.
Die berühmteste Episode des ersten Buches ist die Geschichte von Lucretia (Liv. I,57–59). Sextus, Sohn des Königs Tarquinius Superbus, vergewaltigt Lucretia, die Frau des Collatinus. Lucretia ruft Vater und Ehemann herbei, berät sie zur Rache und tötet sich selbst, um ihre Ehre zu bewahren.
Brutus schwört, die Tarquinier zu vertreiben – und so kommt es 509 v. Chr. zum Sturz der Königsherrschaft und zur Gründung der Republik. Die Episode ist Inbegriff römischer pudicitia (Keuschheit) und virtus – und dient als exemplarische Begründung der freien Republik.
Die Bücher 21–30 schildern den Zweiten Punischen Krieg (218–201 v. Chr.) und sind eine der dramatischsten antiken Erzählungen. Im Mittelpunkt steht Hannibal Barkas, der mit seinen Elefanten über die Alpen zog, in mehreren Schlachten (Trasimenischer See, Cannae) Rom an den Rand der Niederlage brachte und schließlich von Scipio Africanus bei Zama 202 v. Chr. besiegt wurde.
Livius zeichnet Hannibal mit Bewunderung als einen Mann von summa virtus, aber auch von perfidia Punica („punischer Treulosigkeit“). Charakteristisch der berühmte Satz: „Inhumana crudelitas, perfidia plus quam Punica, nihil veri, nihil sancti...“ (Liv. XXI,4) („Unmenschliche Grausamkeit, mehr als punische Treulosigkeit, kein Wahrheitssinn, nichts Heiliges...“)
Livius schreibt einen reichen, rhetorisch durchgeformten Stil, der oft als lactea ubertas („milchige Fülle“) bezeichnet wird (so Quintilian). Er liebt dramatische Szenen, wörtliche Reden und psychologische Charakterzeichnung. Sein Werk wurde zur klassischen Darstellung der römischen Geschichte und prägte das europäische Romverständnis bis in die Neuzeit. Machiavelli widmete ihm seine Discorsi sopra la prima Deca di Tito Livio.
Zusammenfassung:
• Ab urbe condita, ursprünglich 142 Bücher (Romulus bis Augustus)
• Praefatio: exempla-Geschichtsschreibung; Geschichte als Spiegel
• Romulus/Remus, Lucretia, Brutus – Gründungs- und Republikssagen
• Punische Kriege und Hannibal in Büchern 21–30
• Stil: rhetorisch reich (lactea ubertas); prägend für europäisches Romverständnis
Abitur-Tipp: Lerne den Schlüsselsatz aus der Praefatio („omnis te exempli documenta“) auswendig. Er ist der Schlüssel zur Interpretation jeder Livius-Episode – jede Erzählung will als exemplum verstanden werden.