Gaius Valerius Catullus (ca. 84–54 v. Chr.) stammte aus Verona und kam jung nach Rom, wo er rasch in die literarische und gesellschaftliche Elite aufstieg. Er gehört zu den poetae novi (oder neoterici) – jenen jungen Dichtern der späten Republik, die sich von der schwerfälligen Tradition lösten und nach griechischem (besonders alexandrinischem) Vorbild kunstvolle, persönliche, oft kurze Gedichte schrieben.
Sein Werk umfasst 116 Carmina in unterschiedlichsten Versmaßen. Sie sind in drei Gruppen geordnet: kurze polymetrische Gedichte (1–60), längere Gedichte (61–68) und Epigramme im elegischen Distichon (69–116).
Das Zentrum von Catulls Dichtung sind die Gedichte an Lesbia, einer wahrscheinlich aristokratischen Frau (vermutlich Clodia, die Schwester des P. Clodius Pulcher). Der Pseudonym verweist auf die griechische Dichterin Sappho von Lesbos, deren berühmtes Eifersuchtsgedicht Catull in carmen 51 lateinisch nachgedichtet hat.
Die Lesbia-Gedichte entwerfen ein vollständiges Liebesdrama: erste Verzückung, Eifersucht, Verrat, Trennung, Hass – und doch bleibende Sehnsucht. Catull schafft damit ein neues Genre: die römische subjektive Liebeslyrik.
Eines der berühmtesten Liebesgedichte der Weltliteratur eröffnet:
„Vivamus, mea Lesbia, atque amemus, / rumoresque senum severiorum / omnes unius aestimemus assis. / Soles occidere et redire possunt: / nobis cum semel occidit brevis lux, / nox est perpetua una dormienda.“ (Cat. 5,1–6)
(„Lass uns leben, meine Lesbia, und lieben, und das Gerede strenger Greise insgesamt nicht einen Pfennig wert achten. Sonnen können untergehen und wiederkommen; uns aber, wenn einmal das kurze Licht untergegangen ist, bleibt eine ewige Nacht zu schlafen.“)
Anschließend folgen die berühmten Küsse, die Catull in unzählbarer Zahl von Lesbia fordert: „Da mi basia mille, deinde centum...“ Die Verbindung von Vergänglichkeitsbewusstsein und sinnlicher Lebenslust ist programmatisch für die römische Liebeslyrik.
Das kürzeste und berühmteste Catull-Gedicht ist nur ein einziges elegisches Distichon:
„Odi et amo. Quare id faciam, fortasse requiris. / Nescio, sed fieri sentio et excrucior.“ (Cat. 85)
(„Ich hasse und liebe. Warum ich das tue, fragst du vielleicht. Ich weiß nicht, aber ich fühle, dass es geschieht, und werde gepeinigt.“)
In zwei Versen ist die ganze Tragödie der zwiespältigen Liebe verdichtet. Das Schlüsselwort excrucior („ich werde gekreuzigt, gefoltert“) bringt die körperlich erlebte seelische Qual zum Ausdruck.
Carmen 51 übersetzt das berühmte Sappho-Fragment 31. Catull beschreibt die körperlichen Symptome der Liebe beim Anblick Lesbias:
„Lingua sed torpet, tenuis sub artus / flamma demanat, sonitu suopte / tintinant aures, gemina teguntur / lumina nocte.“ (Cat. 51,9–12) („Die Zunge erstarrt, ein zartes Feuer rinnt unter die Glieder, die Ohren klingen mit ihrem eigenen Klang, ein doppeltes Dunkel bedeckt die Augen.“)
Hier wird die Liebe als körperliche Krankheit erfahren – ein Topos, der bis in die mittelalterliche Minnedichtung nachwirkt.
Carmen 7 nimmt das Motiv der unzählbaren Küsse aus carmen 5 wieder auf: „Quaeris, quot mihi basiationes / tuae, Lesbia, sint satis superque...“ („Du fragst, wie viele Küsse von dir mir genügen und mehr als genügen, Lesbia...“) Catulls Antwort: so viele wie der Sand in der libyschen Wüste, so viele wie die Sterne am Himmel. Die hyperbolische Bildsprache ist typisch alexandrinisch.
Catull verbindet alexandrinische Kunstfertigkeit (kurze, sorgsam gefeilte Form) mit römischer Direktheit. Seine Gedichte können zärtlich, brutal, witzig, schmutzig oder klagend sein – oft alles auf engstem Raum. Mit ihm beginnt die römische subjektive Lyrik, die von Tibull, Properz und Ovid fortgeführt wird. Die Renaissance entdeckte Catull neu; Petrarcas Liebesdichtung wäre ohne ihn undenkbar.
Für das Hessen-Abitur ist Catull der wichtigste Vertreter der vor-augusteischen Lyrik. Seine Gedichte werden gerne als Übersetzungs- und Interpretationsaufgaben gestellt, weil sie kurz, intensiv und sprachlich reizvoll sind.
Zusammenfassung:
• 116 Carmina, drei Gruppen (polymetrisch, länger, Epigramme)
• Lesbia-Zyklus: Liebe, Verrat, Hass, Sehnsucht (carmina 5, 7, 51, 85)
• Vivamus mea Lesbia, atque amemus – Carmen 5
• Odi et amo – Carmen 85, das kürzeste
• poetae novi, alexandrinisches Vorbild, Sappho-Imitation
Abitur-Tipp: Lerne Odi et amo (carmen 85) und die Anfangsverse von carmen 5 (Vivamus mea Lesbia) auswendig – sie sind Pflichtzitate für jede Catull-Klausur.