Bibliothek

Fach wählen

Themen

Cicero: Philippicae

Cicero, Büste
Historischer Hintergrund

Im März 44 v. Chr. wurde Gaius Iulius Caesar an den Iden des März von einer Verschwörung um Brutus und Cassius ermordet. Cicero, der schon lange unter Caesars Diktatur gelitten hatte, begrüsste die Tat öffentlich. Doch in das Machtvakuum drängte sofort Marcus Antonius, Caesars Konsul und Vertrauter, der die Caesarianer um sich sammelte und versuchte, das Erbe Caesars an sich zu reissen.

Cicero sah in Antonius die grösste Gefahr für die Republik. Er versuchte, den Senat zu mobilisieren und Antonius politisch zu isolieren. Dafür setzte er sein grösstes Pfund ein: seine Beredsamkeit. Zwischen September 44 und April 43 v. Chr. hielt er 14 Reden gegen Antonius, die er selbst nach dem Vorbild der Reden des griechischen Redners Demosthenes gegen Philipp von Makedonien Philippicae nannte.

Die 14 Reden im Überblick

Die 14 Philippischen Reden sind nicht alle gleich wichtig. Die berühmtesten sind:

1. Philippica (2. September 44 v. Chr.): Noch verhalten, mit der Möglichkeit zur Aussohnung. Antonius ist nicht anwesend.
2. Philippica: Die berühmteste Rede, niemals tatsächlich gehalten, sondern als Pamphlet verfasst und nach Antonius' Tod veröffentlicht. Sie enthält eine vernichtende moralische Charakterzeichnung des Antonius (Trinker, Spieler, Ehebrecher).
3.–4. Philippica: Cicero ruft den Senat zur offenen Konfrontation auf.
14. Philippica: Letzter Triumph nach dem Sieg bei Mutina (April 43 v. Chr.).

Berühmte Stellen

Aus der zweiten Philippica stammt das berühmte Verdikt über Antonius:

„Vinum atque vomitus saevitiae…“ (kurze Anspielung auf seine Trinkgewohnheiten)

Und die hochpathetische Selbstdarstellung Ciceros am Ende der zweiten Philippica:

„Defendi rem publicam adulescens, non deseram senex; contempsi Catilinae gladios, non pertimescam tuos.“
„Als junger Mann habe ich die Republik verteidigt, ich werde sie als Greis nicht im Stich lassen; die Schwerter Catilinas habe ich verachtet, vor den deinen werde ich nicht erschrecken.“

Cicero stellt sich hier in eine Linie mit seinen grössten politischen Erfolgen (Niederschlagung der Catilinarischen Verschwörung 63 v. Chr.) und nimmt seinen Tod stoisch in Kauf.

Politische Strategie

Cicero versuchte, die Republik mit einer verzweifelten Strategie zu retten: Er stellte den jungen Octavian (den Adoptivsohn Caesars, späteren Augustus) gegen Antonius auf. Im Senat erwirkte er Ehrungen für Octavian, der dadurch zur Schlüsselfigur wurde. Ciceros Hoffnung: Octavian möge nach dem Sieg über Antonius die Macht in den Senat zurückgeben.

Diese Strategie scheiterte. Im April 43 v. Chr. siegten die republikanischen Truppen mit Octavian zusammen bei Mutina über Antonius. Doch Octavian verband sich kurz darauf mit Antonius und Lepidus zum zweiten Triumvirat (November 43 v. Chr.). Damit war Ciceros Rechnung gescheitert.

Ciceros Tod

Antonius forderte als ersten Preis seines neuen Bündnisses Ciceros Kopf. Auf den Proskriptionslisten stand sein Name ganz oben. Cicero versuchte zu fliehen, gab aber unterwegs auf. Am 7. Dezember 43 v. Chr. wurde er bei seinem Landgut in Formiae von Soldaten ermordet. Er soll, als er die Häscher kommen sah, seinen Hals aus der Sänfte gestreckt und gesagt haben:

„Accipe, miles, quod tamen facis.“
„Schlag nur zu, Soldat, was du tun musst.“

Sein Kopf und seine Hände wurden nach Rom gebracht und an der Rednerbühne (rostra) auf dem Forum aufgespiesst – eine grausige Demonstration der Macht des Antonius. Damit endete nicht nur Ciceros Leben, sondern faktisch auch die römische Republik. Die Beredsamkeit, an die Cicero geglaubt hatte, war nichts mehr wert in einer Welt, in der nur noch das Schwert entschied.

Rhetorische Mittel der Philippicae

Die Philippicae sind ein Lehrbeispiel für das genus grande, die hohe, leidenschaftliche Stilebene. Cicero arbeitet mit:

Apostrophe: direkte Anrede des Antonius („O homo!“)
Indignatio: Empörungspathos
Antithese: Cicero stellt sich selbst als Verteidiger der Republik gegen den Tyrannen Antonius
Trikolon: Dreifache Aufzählungen
Rhetorische Frage: Wirkungsvolle Öffnung jeder Rede
Exemplum: Rückgriffe auf die römische Geschichte (Catilina, Brutus)

Zusammenfassung:

• 14 Reden gegen Marcus Antonius (Sept. 44 – April 43 v. Chr.)
• Anlass: Caesars Ermordung, Antonius' Machtergreifung
• Berühmt: 2. Philippica (Pamphlet, nie gehalten)
• Strategie: Octavian gegen Antonius ausspielen
• Folge: Triumvirat, Cicero auf der Proskriptionsliste
• Tod: 7. Dezember 43 v. Chr., bei Formiae

Abitur-Tipp: Die Philippicae sind das Paradebeispiel dafür, wie politische Rhetorik und persönliches Schicksal verschränkt sind. Wenn du eine Stelle interpretierst, vergiss nie den biographischen Kontext: Cicero schreibt wissentlich in Lebensgefahr. Das verleiht jeder Wendung Pathos und Authentizität. Verbinde im Aufsatz immer Stilanalyse (Trikolon, Apostrophe) mit historischer Einordnung (Krise der Republik).