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Römische Religion

Pantheon in Rom
Ein praktischer Glaube

Die römische Religion war keine Glaubensreligion im modernen Sinne, sondern eine Vertragsreligion: Mensch und Gott schlossen ein Abkommen. Der Mensch verrichtete bestimmte Riten und Opfer, der Gott gewährte dafür seinen Schutz. Dieses Prinzip nannte man do ut des – „ich gebe, damit du gibst“. Wer die Riten korrekt vollzog, durfte mit göttlicher Hilfe rechnen.

Anders als die Griechen entwickelten die Römer keine große mythologische Erzählkultur (sie übernahmen weitgehend die griechische Mythologie). Dafür perfektionierten sie die Kultpraxis: Tausende von Vorschriften regelten, wie geopfert, gebetet und prophezeit werden musste. Religion war damit Teil der öffentlichen Ordnung – und das Priesteramt war ein politisches Amt, das von Aristokraten ausgeübt wurde.

Der Staatskult

Der Staatskult (religio publica) war die offizielle Religion Roms. An seiner Spitze stand das Kollegium der Pontifices, geführt vom Pontifex Maximus. Dieser war unter anderem zuständig für den Kalender, die Festtage und die korrekte Vollstreckung der Riten. Caesar war Pontifex Maximus, später automatisch jeder Kaiser. (Heute ist es übrigens der Papst – der Titel Pontifex Maximus wurde übernommen.)

Wichtige Priesterkollegien waren ausserdem:

Augures – Vogeldeuter, die durch Beobachtung von Vögeln den göttlichen Willen erforschten
Haruspices – Eingeweideschauer (etruskische Tradition)
Vestalinnen – sechs Priesterinnen der Vesta, die das heilige Feuer hüteten
Flamines – Einzelpriester der großen Götter (Iuppiter, Mars, Quirinus)
Salii – tanzende Priester des Mars

Die wichtigsten Staatsgötter waren Iuppiter (oberster Gott), Iuno (seine Gattin), Minerva (Weisheit) – zusammen die Kapitolinische Trias. Sie wurden im großen Tempel auf dem Kapitol verehrt. Daneben gab es Mars (Krieg), Venus (Liebe), Mercurius (Handel), Vesta (Herd) und viele weitere.

Die Familienreligion

Neben dem Staatskult hatte jede Familie ihren eigenen Hauskult. Im Mittelpunkt standen drei Gruppen von Schutzgottheiten:

Penates (Penaten): Schutzgötter der Vorratskammer und damit der wirtschaftlichen Sicherheit der Familie. Sie wurden im Hausaltar (lararium) verehrt.
Lares (Laren): Schutzgeister der konkreten Hausgemeinschaft. Sie waren verstorbene Vorfahren, die über ihre Nachkommen wachten.
Genius / Iuno: persönliche Schutzgeister jedes Mannes (Genius) bzw. jeder Frau (Iuno). Sie begleiteten den Menschen sein Leben lang.

Der pater familias, das Familienoberhaupt, war zugleich Hauspriester und brachte täglich kleine Opfer dar. Vor jeder Mahlzeit wurde den Penaten ein Bissen ins Feuer geworfen.

Vergil lässt Aeneas aus dem brennenden Troja vor allem zwei Dinge retten: seinen alten Vater Anchises und die Penaten der Stadt Troja. Sie sollen in Italien neu eingesetzt werden – aus ihnen wird die römische Religion entstehen:

„Sum pius Aeneas, raptos qui ex hoste penates classe veho mecum.“
„Ich bin der pflichtbewusste Aeneas, der die dem Feind entrissenen Penaten mit der Flotte mit sich führt.“ (Aeneis I, 378f.)

Mysterienkulte

In der späten Republik und Kaiserzeit kamen aus dem Osten neue Religionsformen nach Rom: die Mysterienkulte. Sie versprachen ihren Anhängern eine persönliche, gefühlsbetonte Religiosität und oft auch ein Leben nach dem Tod. Die wichtigsten waren:

Isis-Kult (aus Ägypten): Verehrung der Müttergöttin Isis, die ihren toten Mann Osiris wieder auferweckte
Mithras-Kult (aus Persien): Soldatenreligion, der Gott Mithras tötet einen Stier; Mithras-Heiligtümer (mithraea) wurden in vielen römischen Garnisonen gefunden
Magna Mater / Kybele-Kult (aus Kleinasien): Mutter-Göttin mit ekstatischen Riten
Bacchus / Dionysos-Kult: orgiastische Feiern, die 186 v. Chr. in einem berühmten Senatsbeschluss eingeschränkt wurden

Diese Kulte waren keine Konkurrenz zur Staatsreligion, sondern ergänzten sie. Ein Römer konnte im Staatskult opfern und gleichzeitig Mithras-Anhänger sein.

Vom Christentum zur Staatsreligion

Im 1. Jahrhundert n. Chr. kam eine neue Religion nach Rom, die alles ändern sollte: das Christentum. Anfänglich wurde es als Sekte des Judentums wahrgenommen, doch schnell entwickelte es sich zu einer eigenen Religion mit universalem Anspruch. Die Christen weigerten sich, dem Kaiser zu opfern – das machte sie für die Römer verdächtig, denn der Kaiserkult war Treuebekenntnis zum Staat.

Es kam zu mehreren Christenverfolgungen: unter Nero (64), Domitian, Trajan, Diokletian. Doch das Christentum wächst weiter. Im Jahr 313 n. Chr. erlaubt Kaiser Konstantin mit dem Mailänder Edikt die freie Religionsausübung. Im Jahr 380 n. Chr. macht Kaiser Theodosius I. mit dem Edikt von Thessaloniki das Christentum zur alleinigen Staatsreligion. Die alten Götter werden verboten, die Tempel geschlossen.

Damit endet die antike römische Religion offiziell – auch wenn viele Bauern und Provinzbewohner noch lange an den alten Bräuchen festhielten. Aus dem antiken religio wird das mittelalterliche Christentum.

Wichtige Begriffe

religio, religionis f. – Religion, religiöse Verpflichtung
pietas, pietatis f. – Pflichtbewusstsein, Frommigkeit
sacrificium, i n. – Opfer
templum, i n. – Tempel, geweihter Bezirk
auspicium, i n. – Vogelschau, Vorzeichendeutung
numen, numinis n. – göttliche Macht
pontifex, pontificis m. – Priester (urspr. „Brückenbauer“)
vates, vatis m. – Seher, Dichter

Zusammenfassung:

• Römische Religion: Vertragsreligion (do ut des), Praxis statt Glaube
• Staatskult: Pontifices, Augures, Vestalinnen, Kapitolinische Trias
• Familienkult: Penates, Lares, Genius
• Mysterienkulte: Isis, Mithras, Kybele, Bacchus
• Christentum: 313 erlaubt (Konstantin), 380 Staatsreligion (Theodosius)

Abitur-Tipp: Römische Religion ist Hintergrundwissen für viele Texte. In der Aeneis ist die pietas Aeneas' das zentrale Motiv. Wenn du Cicero liest, achte auf rituelle Formeln und Anrufungen der Götter. Bei Seneca dagegen begegnet dir die stoische Religiosität (Gott = Vernunft = Natur). Notiere dir den Unterschied zwischen Staatskult und privater Religiosität – das ist eine sehr beliebte Prüfungsfrage.