Neben seinen philosophischen Schriften verfasste Seneca auch neun Tragödien in lateinischer Sprache. Sie sind die einzigen vollständig erhaltenen lateinischen Tragödien überhaupt. Die wichtigsten sind:
• Medea – die Eifersuchts-Tragödie schlechthin
• Phaedra – die Stiefmutter, die in ihren Stiefsohn Hippolytus verliebt ist
• Thyestes – das grauenhafte Festmahl, bei dem Atreus seinem Bruder Thyestes dessen eigene Söhne zu essen gibt
• Hercules furens – der wahnsinnige Held, der seine eigenen Kinder tötet
• Oedipus, Agamemnon, Troades, Hercules Oetaeus, Phoenissae
Diese Stücke greifen alle auf griechische Mythen zurück (hauptsächlich auf Euripides), interpretieren sie aber neu durch die stoische Brille. Sie zeigen, was geschieht, wenn die menschlichen Affekte (affectus) sich der Vernunft (ratio) entreissen.
Für die Stoa sind die Affekte – Liebe, Zorn, Trauer, Furcht, Begierde – nicht etwa natürliche Empfindungen, die man irgendwie mässigen muss, sondern krankhafte Verzerrungen der Vernunft. Der Weise (sapiens) hat sie ganz überwunden – er ist apathes, frei von störenden Leidenschaften.
Wer sich von seinen Affekten beherrschen lässt, gerät in eine Spirale des Wahnsinns. Die Affekte nähren sich selbst und werden immer stärker. Am Ende verliert der Mensch jede Kontrolle und tut Dinge, die er kalt nüchtern niemals tun würde. Genau das zeigen Senecas Tragödien: Sie sind negative Lehrstücke, die durch das Ausmalen des Schreckens vor dem Affekt warnen.
Seneca hatte auch eine eigene Schrift über dieses Thema: De ira („Über den Zorn“), in der er den Zorn als die schlimmste aller Leidenschaften darstellt.
Die Medea-Tragödie spielt in Korinth. Vorgeschichte: Medea, eine Zauberin aus Kolchis, hat dem griechischen Helden Iason geholfen, das Goldene Vlies zu erbeuten. Sie hat dafür ihren Vater verraten, ihren eigenen Bruder zerstückelt und ist mit Iason gefluchtet. In Korinth bekam sie zwei Söhne von ihm. Doch Iason verstosst sie nun und heiratet die Tochter des Königs Kreon, Creusa.
In dieser Situation beginnt die Tragödie. Medea ist verzweifelt, gerät in rasende Eifersucht und sinnt auf Rache. Schließlich vollzieht sie eine grauenvolle Tat: Sie tötet ihre eigenen Söhne, um Iason zu treffen.
Der erste Vers der Tragödie ist sofort eine Warnung an den Zuschauer:
„Di coniugales tuque genialis tori, Lucina, custos…“
„Götter der Ehe, und du, Lucina, Hüterin des Brautlagers…“
Medea wendet sich gleich zu Beginn an die Götter, und zwar nicht zur Anbetung, sondern zur Anklage. Die heiligen Ordnungen sind gebrochen. Was folgt, ist die Eskalation eines einzigen Affektes: der Eifersucht.
Medeas berühmtester Vers ist auch eine der prägnantesten lateinischen Sentenzen überhaupt:
„Medea superest.“
„Medea bleibt übrig.“
Wenn ihre Amme sie warnt, dass sie alles verloren habe – Heimat, Vater, Bruder, Mann –, dann erwidert Medea diesen einen Satz. Er bedeutet: Sie selbst, die furchtbare Medea, ist noch da. Und sie genügt sich. Sie wird Rache nehmen, denn solange sie noch Medea ist, ist sie mächtig.
Und am Ende, kurz vor dem Kindermord, ihr berühmter Monolog:
„Medea nunc sum; crevit ingenium malis.“
„Jetzt bin ich Medea; mein Geist ist durch das Leid gewachsen.“
Hier zeigt sich der grauenvolle Punkt der Tragödie: Das Leid hat Medea nicht zerstört, sondern ihre Züge verschärft. Sie ist erst durch das Unrecht zu der ganz Medea geworden, die sie jetzt ist.
Für einen stoischen Leser ist Medea das exemplarische Beispiel für das, was passiert, wenn ein Mensch sich seinem Affekt vollkommen ausliefert. Medea hat zu Beginn noch eine Wahl: Sie könnte sich beruhigen, sie könnte das Unrecht ertragen, sie könnte stoisch werden. Aber sie weigert sich. Sie lässt die Eifersucht zu und sie zerstört am Ende sich selbst und ihre Familie.
Die stoische Botschaft ist klar: Wer sich seinen Affekten unterwirft, ist nicht mehr Mensch, sondern Bestie. Die Vernunft ist die einzige Rettung. Senecas Tragödien sind in diesem Sinne ein negatives Manifest: Sie zeigen das Unglück, um den Zuschauer vor dem Affekt abzuschrecken.
Allerdings: Manche Forscher meinen, Senecas Tragödien seien gar nicht für die Bühne geschrieben gewesen, sondern für die Lektüre oder für Rezitationen in kleinen Kreisen. Dann wären sie eher rhetorische Schauspiele für ein gebildetes Publikum.
• tragoedia, ae f. – Tragödie
• affectus, ûs m. – Leidenschaft, Affekt
• ira, ae f. – Zorn
• amor, amoris m. – Liebe
• furor, furoris m. – Wahnsinn, Raserei
• ratio, rationis f. – Vernunft
• ultio, ultionis f. – Rache
• scelus, sceleris n. – Verbrechen, Frevel
• nefas n. (indekl.) – das Frevelhafte
Zusammenfassung:
• Seneca verfasste neun Tragödien, berühmt: Medea, Phaedra, Thyestes
• Stoische Affektenlehre: Affekte sind Krankheiten der Vernunft
• Medea: Eifersuchtstragödie, Kindermord
• Medea superest – berühmtester Vers
• Lehre: Wer sich dem Affekt überlässt, wird zur Bestie
Abitur-Tipp: Senecas Tragödien sind im Hessen-Abitur eher Zusatzlektüre, aber sie eignen sich glanzvoll als Querverweis. Wenn du Senecas Brief 76 liest, in dem er die virtus als höchstes Gut feiert, dann ist Medea das negative Spiegelbild – ein Mensch ohne Tugend, ganz Affekt. Solche Verbindungen zwischen Senecas Prosa und seinen Tragödien zeigen Tiefenverständnis.