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Cicero: Pro Archia poeta

Cicero, Büste
Anlass und historischer Kontext

Im Jahr 62 v. Chr. verteidigte Cicero den griechischen Dichter Aulus Licinius Archias gegen die Anklage, das römische Bürgerrecht zu Unrecht zu führen. Archias war als junger Mann aus Antiochia nach Rom gekommen, hatte engen Kontakt zur senatorischen Elite (vor allem zu den Lucullern) und wurde später unter dem Lex Plautia Papiria 89 v. Chr. eingebürgert.

Die formale Anklage war juristisch dünn. Cicero nutzt den Anlass aber für ein großes Lob der Bildung und der Dichtung – die Rede ist eigentlich ein Plädoyer für die humanitas als Grundlage des Gemeinwesens.

Aufbau der Rede

Die Rede gliedert sich in drei Hauptteile: das exordium (Einleitung), die juristische Argumentation (Archias ist rechtmäßiger Bürger) und den weit ausgreifenden Bildungs-Exkurs, der den größten und berühmtesten Teil ausmacht. Cicero entschuldigt diesen Exkurs ausdrücklich beim Gericht: Archias verdiene Schutz nicht nur juristisch, sondern als Dichter, der Roms Ruhm verewigen helfe.

Das Lob der Bildung – Pro Archia 16

Der berühmteste Satz der Rede – und einer der berühmtesten Bildungsapologien der Weltliteratur:

„Haec studia adulescentiam alunt, senectutem oblectant, secundas res ornant, adversis perfugium ac solacium praebent, delectant domi, non impediunt foris, pernoctant nobiscum, peregrinantur, rusticantur.“ (Cic. Pro Arch. 16)

(„Diese Studien nähren die Jugend, erfreuen das Alter, schmücken das Glück, gewähren im Unglück Zuflucht und Trost, sie machen Freude zu Hause und hindern uns nicht in der Äußenwelt, sie verbringen die Nacht mit uns, sie reisen mit uns, sie gehen mit uns auf das Land.“)

Mit dieser anaphorisch-rhythmisierten Klimax beschreibt Cicero die Bildung (litterae) als ständige Begleiterin durch alle Lebensphasen. Die Stelle wurde im europäischen Humanismus zum Manifest für die Bedeutung der Geisteswissenschaften.

Naturanlage und Bildung

Cicero behauptet, dass auch Naturbegabung erst durch Bildung zur Blüte kommt: „Ego multos homines excellenti animo ac virtute fuisse sine doctrina, et naturae ipsius habitu prope divino per se ipsos et moderatos et graves exstitisse fateor; etiam illud adiungo, saepius ad laudem atque virtutem naturam sine doctrina quam sine natura valuisse doctrinam.“ (Pro Arch. 15)

(„Ich gebe zu, dass viele Menschen mit hervorragendem Geist und Tugend ohne wissenschaftliche Bildung ausgekommen sind und durch die fast göttliche Veranlagung ihrer Natur maßvoll und gewichtig waren; ich füge aber auch hinzu: Öfter hat zur Tugend die Natur ohne Bildung gewirkt als die Bildung ohne Natur.“) Bildung und Naturanlage ergänzen sich also; beide zusammen ergeben den vollendeten Menschen.

Dichtung und Ruhm

Im letzten Teil verteidigt Cicero die Dichter als Bewahrer des Ruhms. Selbst große Heerführer wie Alexander oder die Scipionen hätten ohne Dichter nicht den Ruhm bewahren können, der ihren Namen unsterblich macht. „Sit igitur, iudices, sanctum apud vos, humanissimos homines, hoc poetae nomen.“ („Möge daher, Richter, bei euch, höchst gebildeten Männern, der Name des Dichters heilig sein.“)

Cicero appelliert damit zugleich an die humanitas des Gerichtshofs – ein klassisches captatio benevolentiae, das den Richtern schmeichelt.

Bedeutung und Wirkung

Pro Archia ist eine der kürzesten und elegantesten Gerichtsreden Ciceros. Sie verbindet juristische Argumentation mit philosophisch-kulturellem Anspruch und gilt als Schlüsseltext humanistischer Bildungstheorie. Petrarca entdeckte sie 1333 in Lüttich neu – ein Schlüsselereignis des italienischen Humanismus. Für das Hessen-Abitur ist die Rede ein zentrales Beispiel für das Verhältnis von litterae und res publica.

Zusammenfassung:

• Verteidigungsrede 62 v. Chr. für den Dichter Archias
• Juristisch knapp; großer Bildungs-Exkurs als Hauptteil
• Berühmt: Haec studia adulescentiam alunt... (Pro Arch. 16)
• Naturanlage + Bildung = vollendeter Mensch
• Dichter als Bewahrer des unsterblichen Ruhms; humanitas

Abitur-Tipp: Pro Arch. 16 (Haec studia...) ist eines der wichtigsten Cicero-Zitate überhaupt. Lerne die Stelle mit den anaphorischen Verben (alunt, oblectant, ornant, praebent) und nutze sie als Beleg in jedem Aufsatz über humanistische Bildung.