Der zentrale Begriff römischer Bildung ist humanitas. Er meint nicht nur Menschlichkeit im modernen Sinn, sondern die durch Bildung geförderte vollendete Menschenform. Cicero hat ihn programmatisch geprägt: humanitas ist die Verbindung von Gelehrsamkeit (doctrina), feiner Lebensart (urbanitas) und ethischem Anstand. Sie unterscheidet den gebildeten Römer vom Barbaren.
Cicero in Pro Archia: „Haec studia adulescentiam alunt, senectutem oblectant.“ (Pro Arch. 16) („Diese Studien ernähren die Jugend, erfreuen das Alter.“) Bildung ist also Lebensbegleiter durch alle Phasen.
Das römische Bildungssystem hatte drei Stufen, die vom griechischen System übernommen waren:
1. Ludus litterarius (Elementarschule): Kinder lernten ab dem 7. Lebensjahr beim magister ludi Lesen, Schreiben und Rechnen. Der Unterricht war hart; prügelnde Lehrer waren die Regel. Horaz erinnert sich an seinen Lehrer Orbilius als plagosus („den schlagenden“).
2. Grammaticus: Ab etwa 12 Jahren lernten die Jungen beim grammaticus die griechischen und lateinischen Klassiker (Homer, Vergil), Grammatik, Metrik und Mythologie. Dies war die literarische Bildung.
3. Rhetor: Die höhere Bildung beim rhetor umfasste Rhetorik, Übungsreden (declamationes) und juristische Vorbereitung. Wer Politiker oder Anwalt werden wollte, musste sie absolvieren.
Die septem artes liberales (sieben freien Künste) sind das Kanonprogramm der antiken höheren Bildung, das über das Mittelalter bis in die Neuzeit nachwirkte. Sie gliedern sich in:
Trivium (drei Wege): Grammatik, Rhetorik, Dialektik (Logik). — Die sprachlichen Künste.
Quadrivium (vier Wege): Arithmetik, Geometrie, Astronomie, Musik. — Die mathematisch-naturwissenschaftlichen Künste.
Diese Aufteilung wurde von Martianus Capella im 5. Jahrhundert systematisch beschrieben und prägte die mittelalterliche Universitätsbildung.
Das griechische Konzept der enkyklios paideia („im Kreis umfassende Bildung“) meint die allgemeine Bildung, die jedem freien Mann eigen sein soll. Cicero übernimmt es mit dem Begriff doctrinarum omnium ratio. Bildung ist nicht spezialisiert, sondern umfassend – eine Vorform unseres Bildungsideals der „Allgemeinbildung“.
Quintilian formuliert in seiner Institutio Oratoria: „Sit ergo nobis orator, quem constituimus, is qui a M. Catone finitur, vir bonus dicendi peritus.“ (Quint. Inst. XII,1,1) („Unser Redner sei also der, den schon Cato definiert hat: ein guter Mann, kundig im Reden.“) Der ideale Gebildete ist gleichzeitig sittlich gut und rhetorisch geschult.
Zusammenfassung:
• humanitas als Bildungsideal: doctrina + urbanitas + Ethik
• Drei Schulstufen: ludus – grammaticus – rhetor
• septem artes liberales: Trivium + Quadrivium
• Enkyklios paideia: Allgemeinbildung als Ideal
• Quintilian: vir bonus dicendi peritus
Abitur-Tipp: Verbinde Pro Archia 16 mit dem Quintilian-Zitat vir bonus dicendi peritus. Beide bilden das Gerüst des römischen Bildungsideals und reichen für jede Klausurfrage.