Latein war über 1500 Jahre die Wissenschaftssprache Europas. Mittelalter und frühe Neuzeit kannten kein anderes Medium der Gelehrsamkeit. Newton schrieb seine Philosophiae naturalis principia mathematica (1687) auf Latein, Descartes veröffentlichte seine Meditationes auf Latein, Carl von Linné benutzte es für seine biologische Systematik. Bis heute lebt es in der wissenschaftlichen Nomenklatur fort – Homo sapiens, in vitro, per se, de facto.
Auch die Kirche verwendete Latein als Sakralsprache; die Vulgata des Hieronymus (4. Jh. n. Chr.) war über 1000 Jahre die einzig anerkannte Bibelfassung im Westen.
Das größte dauerhafte Erbe ist das römische Recht. Es wurde im Corpus Iuris Civilis unter Kaiser Justinian (527–565 n. Chr.) gesammelt und kodifiziert. Es besteht aus den Institutiones (Lehrbuch), den Digesta (Auszüge der klassischen Juristen), dem Codex (Kaiserkonstitutionen) und den Novellae.
Im 11. Jahrhundert wurde das Corpus an der Universität Bologna wiederentdeckt und zur Grundlage des kontinentaleuropäischen Rechts. Schlüsselformeln wie „Pacta sunt servanda“ (Verträge sind einzuhalten), „In dubio pro reo“ (Im Zweifel für den Angeklagten), „Audiatur et altera pars“ (Auch die andere Seite soll gehört werden) und „Nulla poena sine lege“ (Keine Strafe ohne Gesetz) gelten bis heute.
Programmatisch der berühmte Definition des Ulpian: „Iustitia est constans et perpetua voluntas ius suum cuique tribuendi.“ (Dig. I,1,10) („Gerechtigkeit ist der beständige und immerwährende Wille, jedem sein Recht zukommen zu lassen.“)
Die römische Baukunst hat Europa prägend gestaltet. Die Erfindung des opus caementicium (römischer Beton) ermöglichte gewaltige Bauten: das Pantheon (mit der größten unverstärkten Betonkuppel der Welt bis ins 19. Jh.), das Kolosseum, die Aquädukte (Pont du Gard), die Straßen (Via Appia), die Thärmen, die Fora.
Römische Ingenieurskunst meisterte auch die Logistik: Straßen mit fester Pflasterung, militärische Postverbindungen, Wasserversorgung über Aquädukte, öffentliche Bedürfnisanstalten. Vieles davon existiert bis heute.
Aus dem Volkslatein der Spätantike entstanden die romanischen Sprachen: Italienisch, Französisch, Spanisch, Portugiesisch, Rumänisch und viele Kleinsprachen. Auch das Englische ist zu mehr als 60% latinisiert (durch das Normanno-Französische). Im Deutschen haben wir tausende Lehnwörter (Fenster aus fenestra, Mauer aus murus, Wein aus vinum).
Zusammenfassung:
• Latein als Wissenschaftssprache bis ins 18. Jh.
• Corpus Iuris Civilis – Grundlage des europäischen Rechts
• Iustitia est constans et perpetua voluntas... (Ulpian)
• Architektur: Pantheon, Kolosseum, Aquädukte, Straßen
• Romanische Sprachen + Lehnwörter im Deutschen/Englischen
Abitur-Tipp: Lerne die Ulpian-Definition iustitia est constans et perpetua voluntas ius suum cuique tribuendi. Sie ist Pflicht für jede Frage zum römischen Recht.