Die antike Rhetorik (Aristoteles, Cicero, Quintilian) gliederte jede Rede in feste Teile. Cicero beschreibt sie ausführlich in De inventione und De oratore. Die klassische Sechserstruktur lautet:
1. Exordium (Einleitung) – 2. Narratio (Sachverhalt) – 3. Propositio/Partitio (Thema/Gliederung) – 4. Argumentatio (Beweisführung) – 5. Refutatio (Widerlegung) – 6. Peroratio (Schluss).
Das exordium soll den Zuhörer wohlwollend (benevolus), aufmerksam (attentus) und gelehrig (docilis) machen. Wichtigstes Mittel ist die captatio benevolentiae (Werbung um Wohlwollen). Cicero beginnt die erste Catilinarische Rede mit empörter Anklage statt mit Schmeichelei – ein bewusster Bruch der Konvention: „Quousque tandem abutere, Catilina, patientia nostra?“ (Cic. Cat. I,1)
Die narratio ist die Sachverhaltsdarstellung. Sie soll brevis, dilucida, probabilis (kurz, klar, glaubwürdig) sein – so Cicero in De inventione. Die propositio formuliert die These, die partitio gliedert die Rede und gibt einen Überblick über die folgenden Beweise.
Das Herzstück jeder Rede ist die argumentatio. Cicero unterscheidet drei Arten von Beweismitteln: logos (rationale Argumente), ethos (Charakter des Redners) und pathos (Erregung der Gefühle). Die refutatio widerlegt die Gegenargumente. Sie ist oft mit Spott und Ironie verbunden. Cicero zerlegt seine Gegner mit beispielloser Schärfe.
Die peroratio hat zwei Funktionen: recapitulatio (Zusammenfassung der Argumente) und amplificatio (emotionale Steigerung). Hier darf der Redner alle Register ziehen – flammende Apostrophen, dramatische Bilder, Rührung und Empörung. Cicero schließt die erste Catilinarische Rede mit einer Anrede an Iuppiter Stator und einem Fluch auf Catilinas Helfer.
Quintilian fasst die Aufgabe der Rhetorik in einem berühmten Satz: „Rhetorice est ars bene dicendi.“ (Quint. Inst. II,17,37) („Rhetorik ist die Kunst, gut zu reden.“) Das „Gut“ meint dabei ethisch und sprachlich.
Zusammenfassung:
• Sechs Teile: Exordium – Narratio – Propositio – Argumentatio – Refutatio – Peroratio
• Exordium: captatio benevolentiae
• Narratio: brevis, dilucida, probabilis
• Argumentatio: logos, ethos, pathos
• Peroratio: recapitulatio + amplificatio
Abitur-Tipp: Bei der Reden-Analyse zuerst die sechs Teile finden. Lerne die Bezeichnungen mit dem Schlüsselsatz brevis, dilucida, probabilis als Eselsbrücke. So bist du in jeder Klausur strukturiert.