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Rhetorik: Stilebenen

Cicero, Büste
Drei Stilebenen (genera dicendi)

Die antike Rhetorik unterscheidet drei Stilebenen, die schon Aristoteles kannte und die Cicero in seinem Orator systematisch beschrieb:

1. Genus humile (auch genus subtile) – einfacher, schlichter Stil.
2. Genus medium – mittlerer, gefälliger Stil.
3. Genus grande (auch genus sublime) – erhabener, gewaltiger Stil.

Cicero ordnet jeder Stilebene eine Funktion zu: „Erit igitur eloquens [...] is qui poterit parva summisse, modica temperate, magna graviter dicere.“ (Cic. Orator 100) („Beredt wird also derjenige sein, der Kleines schlicht, Mittleres maßvoll und Großes gewichtig zu sagen vermag.“)

Genus humile – docere

Das genus humile dient dem docere (belehren). Es ist klar, sachlich, schmuckarm und verzichtet auf große Stilmittel. Verwendung findet es in Beweisführungen, Sachverhaltsdarstellungen (narratio), juristischen Erörterungen. Vorbild ist die schlichte Sprache der Stoiker.

Genus medium – delectare

Das genus medium dient dem delectare (erfreuen). Es ist anschaulich, ausgewogen, mit Stilmitteln geschmückt, aber nicht überladen. Es steht zwischen der schlichten Lehre und der pathetischen Erregung – etwa in der Schilderung von Charakteren oder in der Ausmalung von Beispielen.

Genus grande – movere

Das genus grande dient dem movere (bewegen, ergreifen). Es ist pathetisch, leidenschaftlich, mit allen Stilmitteln aufgeladen: Anaphern, Apostrophen, Hyperbeln, Metaphern, rhetorische Fragen. Es kommt in der peroratio zum Einsatz, wenn der Redner die Zuhörer emotional packen will. Cicero ist in der ersten Catilinarischen Rede ein Meister dieses Stils.

Virtutes dicendi – Tugenden der Rede

Unabhängig vom Stil hat jede gute Rede vier virtutes dicendi (Tugenden der Rede), die schon der Stoiker Theophrast formulierte: latinitas (sprachliche Korrektheit), perspicuitas (Verständlichkeit), ornatus (Schmuck, Stilmittel) und aptum (Angemessenheit an Situation und Publikum).

Cicero betont besonders das aptum: „Ut enim in vita, sic in oratione nihil est difficilius quam quid deceat videre.“ (Cic. Orator 70) („Wie im Leben, so ist auch in der Rede nichts schwieriger als zu erkennen, was angemessen ist.“)

Zusammenfassung:

• Drei Stilebenen: genus humile (docere) – medium (delectare) – grande (movere)
• Cicero Orator 100: parva summisse, modica temperate, magna graviter
• Vier Tugenden: latinitas, perspicuitas, ornatus, aptum
• Wichtigste Tugend: aptum (Angemessenheit)

Abitur-Tipp: Bei Stilanalysen verbinde Stilebene mit Funktion (docere/delectare/movere). Lerne den Cicero-Satz aus Orator 100 auswendig – er ist die Definitionsquelle.