Die römische Dichtung verstand sich von Anfang an als Anschluss an die griechische Tradition. Das Prinzip der imitatio meinte nicht sklavisches Kopieren, sondern eine bewusste Auseinandersetzung mit dem griechischen Vorbild. Vergil orientierte sich an Homer (Aeneis ← Ilias/Odyssee), Catull an Sappho und Kallimachos, Horaz an Pindar und Alkaios.
Über die imitatio hinaus zielten die römischen Dichter auf aemulatio – den Wettstreit mit dem griechischen Original und den Versuch, es zu übertreffen. Horaz formulierte selbstbewusst: „Princeps Aeolium carmen ad Italos / deduxisse modos.“ (Hor. Carm. III,30,13–14) („Als erster habe ich das äolische Lied [Sappho, Alkaios] in italische Weisen überführt.“)
Vergil überbietet Homer durch die ideologische Aufladung seiner Aeneis: Sie ist nicht nur Heldenlied, sondern Begründung der römischen Weltherrschaft. Ovid wiederum übertrumpft alle griechischen Mythenbearbeitungen durch die unfassbare Fülle seiner Metamorphosen.
Die römische Dichtung übernahm das griechische quantitierende System (lange und kurze Silben statt betonter und unbetonter). Die wichtigsten Versmaße:
Hexameter: Sechs Versfüße (Daktylen oder Spondeen) – Versmaß des Epos. Vergil: „Arma virumque cano, Troiae qui primus ab oris“ (Verg. Aen. I,1).
Elegisches Distichon: Hexameter + Pentameter – Versmaß der Liebeselegie und des Epigramms. Catull: „Odi et amo. Quare id faciam, fortasse requiris.“ (Cat. 85)
Hendekasyllabus (Elfsilbler): Versmaß vieler Catull-Gedichte. Beispiel: „Vivamus, mea Lesbia, atque amemus“ (Cat. 5,1).
Alkaïsche und sapphische Strophen: vierzeilige Strophenformen, von Horaz für seine Oden ins Lateinische übertragen.
Trotz aller imitatio entwickelten die Römer eigene Formen: die römische Liebeselegie (Catull, Tibull, Properz, Ovid) hat keine direkte griechische Vorform. Auch das Lehrgedicht (Lukrez' De rerum natura) und die Verssatire (Horaz, Iuvenal) sind römische Eigenentwicklungen. Quintilian betonte stolz: „Satura quidem tota nostra est.“ (Quint. Inst. X,1,93) („Die Satire freilich ist ganz unsere [römische] Erfindung.“)
Zusammenfassung:
• imitatio: bewusste Nachahmung griechischer Vorbilder
• aemulatio: Wettstreit mit dem Vorbild, Versuch des Überbietens
• Versmaße: Hexameter (Epos), elegisches Distichon (Elegie/Epigramm), Hendekasyllabus, alkaïsche/sapphische Strophen
• Eigene römische Gattungen: Liebeselegie, Verssatire (satura tota nostra est)
• Quantitierendes System (lang/kurz statt betont/unbetont)
Abitur-Tipp: Lerne die Begriffe imitatio und aemulatio mit je einem Beispiel (Vergil-Homer, Horaz-Sappho). Bei Versmasse-Aufgaben Hexameter und Distichon im Schlaf erkennen.