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Cicero: In Catilinam

Cicero klagt Catilina an, Gemälde von Cesare Maccari
Historischer Hintergrund

Im Jahr 63 v. Chr., während Ciceros Konsulat, plante Lucius Sergius Catilina, ein verschuldeter Patrizier, mit einer Gruppe von Verschwörern den gewaltsamen Umsturz der römischen Republik. Nach mehreren gescheiterten Konsulatskandidaturen sammelte er Bewaffnete und plante die Ermordung Ciceros sowie einen Aufstand mit Hilfe verschuldeter Aristokraten und Veteranen. Cicero erfuhr durch seine Spionin Fulvia von den Plänen.

Cicero verfasste vier Reden gegen Catilina, die als In Catilinam I–IV überliefert sind. Sie gehören zu den berühmtesten politischen Reden der Antike und sind das klassische Beispiel rhetorischer Praxis im Hessen-Abitur.

Erste Rede – im Senat (8. November 63 v. Chr.)

Die erste Rede hält Cicero im Tempel des Iuppiter Stator, während Catilina selbst im Senat anwesend ist. Sie eröffnet mit einem der berühmtesten Anfänge der Weltliteratur:

„Quousque tandem abutere, Catilina, patientia nostra? Quam diu etiam furor iste tuus nos eludet? Quem ad finem sese effrenata iactabit audacia?“ (Cic. Cat. I,1)

(„Wie lange, Catilina, willst du noch unsere Geduld missbrauchen? Wie lange wird auch jener Wahnsinn von dir uns noch verspotten? Bis zu welchem Ende wird sich deine zügellose Kühnheit noch breitmachen?“)

Das stilistische Feuerwerk der ersten Worte: drei Anaphern, drei Fragen, drei Steigerungen. Cicero greift Catilina direkt an, klagt seine Verbrechen auf und fordert ihn auf, Rom zu verlassen. Am Ende verlässt Catilina tatsächlich die Stadt – ein politisch-rhetorischer Triumph.

Zweite Rede – vor dem Volk

Am Tag nach Catilinas Flucht spricht Cicero vor dem Volk. Er rechtfertigt sein Vorgehen und beschreibt die Verschwörer als gefährliches Gesindel. Er teilt sie in sechs Klassen ein (verschuldete Aristokraten, Hochverschuldete, Sullaner, Lebemänner, Verbrecher, Catilina selbst). Die Rede ist ein Meisterstück volkstümlicher Rhetorik – konkret, plastisch, mit klaren Bildern.

Dritte Rede – die Beweise

Am 3. Dezember kann Cicero den Senat über die ergriffenen Beweise informieren: Briefe der Verschwörer an die Allobroger, einen gallischen Stamm, sind abgefangen worden. Cicero stellt seinen Coup als göttliche Fügung dar und beansprucht, durch ihn sei die Stadt vor der Vernichtung gerettet worden.

Vierte Rede – über die Strafe

Am 5. Dezember debattiert der Senat über die Strafe der gefangenen Verschwörer. Caesar plädiert für lebenslange Haft, Cato der Jüngere für Hinrichtung. Cicero schließt sich Cato an. Die Verschwörer werden ohne Gerichtsverfahren hingerichtet – eine Entscheidung, die Cicero später teuer zu stehen kam: 58 v. Chr. wurde er deshalb von Clodius verbannt.

Stilistische Mittel

Die Catilinarischen Reden sind ein Lehrbuch der antiken Rhetorik. Sie zeigen alle Techniken: captatio benevolentiae, narratio, scharfe argumentatio, ironische refutatio, leidenschaftliche peroratio. Cicero arbeitet mit Anaphern (nihil... nihil... nihil...), rhetorischen Fragen, Apostrophen (Anrede an die Vaterland-Allegorie!), Metaphern (Catilina als Krankheit, Pest, Feuer, Wahnsinn), Hyperbeln und Sentenzen.

Berühmt das Schlussbild der ersten Rede – Cicero ruft Iuppiter Stator als Zeugen an: „Tu, Iuppiter, qui isdem quibus haec urbs auspiciis a Romulo es constitutus, quem Statorem huius urbis atque imperii vere nominamus...“ Die religiöse Aufladung verbindet die politische Anklage mit kosmischer Bedeutung.

Bedeutung und Wirkung

Die Catilinarischen Reden machten Cicero zum pater patriae (Vater des Vaterlandes) – ein Ehrentitel, den ihm der Senat verlieh. Sie sind das klassische Modell politisch-rhetorischer Praxis und werden seit der Antike als Schultexte gelesen. Sallust verfasste über die Verschwörung eine eigene Monographie De coniuratione Catilinae. Für das Hessen-Abitur sind sie das Pflichtmaterial der Lerneinheit Rhetorik.

Zusammenfassung:

• Vier Reden 63 v. Chr. gegen Catilinas Verschwörung
• Eröffnung: Quousque tandem abutere, Catilina, patientia nostra?
• Lehrbuch der antiken Rhetorik (Anaphern, Apostrophen, Metaphern)
• Hinrichtung der Verschwörer ohne Gerichtsverfahren
• Cicero erhält den Titel pater patriae; spätere Verbannung 58 v. Chr.

Abitur-Tipp: Lerne den Anfang der ersten Rede (Quousque tandem...) auswendig. Es ist das berühmteste Cicero-Zitat überhaupt und Pflichtbeispiel jeder Rhetorik-Klausur. Achte auf die drei Anaphern und drei rhetorischen Fragen.