Der Begriff mammone (Plural: mammoni) bezeichnet im Italienischen einen erwachsenen Mann, der noch immer bei seinen Eltern – insbesondere bei seiner Mutter (la mamma) – wohnt. Das Wort hat einen leicht spöttischen Beiklang: Ein mammone ist nicht nur jemand, der zu Hause wohnt, sondern jemand, der von der Mutter alles bekommt: das Wäsche waschen, das Essen kochen, das Bett machen. Der ehemalige Wirtschaftsminister Tommaso Padoa-Schioppa sorgte 2007 für einen Skandal, als er öffentlich sagte: „I bamboccioni devono uscire di casa“ – „Die großen Babys müssen aus dem Haus gehen.“ Der Aufschrei war gewaltig.
Heute ist das Phänomen so verbreitet, dass es längst nicht mehr nur eine Männersache ist. Auch viele junge Frauen wohnen bis zum 30. Lebensjahr und darüber hinaus bei ihren Eltern. Die Soziologen sprechen inzwischen von einer generazione bloccata (blockierte Generation).
Die Zahlen sind eindrucksvoll. Laut Eurostat (2023) leben in Italien:
• 67,6 % der jungen Erwachsenen zwischen 18 und 34 Jahren noch im Elternhaus
• bei den 25- bis 29-Jährigen sind es 72 %
• bei den 30- bis 34-Jährigen immer noch 49 %
• Durchschnittsalter beim Auszug: 30,0 Jahre (EU-Schnitt: 26,4)
• In Deutschland verlassen junge Menschen das Elternhaus mit durchschnittlich 23,8 Jahren
Italien liegt damit europaweit an der Spitze, zusammen mit Spanien und Griechenland. Im nördlichen Europa (Schweden, Dänemark) ziehen junge Menschen oft schon mit 19 oder 20 aus.
Die Ursachen für das Mammoni-Phänomen sind vielfältig und nicht nur in der Bequemlichkeit der jungen Männer zu suchen. Wichtig sind vor allem strukturelle Probleme:
1. Disoccupazione giovanile (Jugendarbeitslosigkeit): Italien hat eine der höchsten Jugendarbeitslosenquoten der EU. 2024 lag sie bei 22,8 %, in Sizilien sogar bei über 40 %. Wer keinen festen Job hat, kann keine Wohnung mieten.
2. Affitti alti (hohe Mieten): In Mailand kostet eine Einzimmerwohnung im Schnitt 900–1.300 Euro, in Rom etwa 800 Euro. Das Durchschnittsgehalt eines Berufseinsteigers liegt jedoch bei nur 1.100–1.400 Euro netto.
3. Lavori precari (prekäre Arbeitsverhältnisse): Befristete Verträge, Praktika ohne Bezahlung, Scheinselbstständigkeit. Ohne festen Vertrag (contratto a tempo indeterminato) gibt es auch keinen Mietvertrag und keinen Bankkredit.
4. Lange Studiendauer: Italienische Studierende brauchen im Schnitt 5,8 Jahre für den laurea triennale (Bachelor) plus zwei Jahre für den laurea magistrale.
5. Tradition und Komfort: Auch kulturell ist es in Italien akzeptiert, lange zu Hause zu wohnen. Niemand verliert sein Gesicht, wenn er mit 28 noch in der Mansarde der Eltern lebt.
„Marco, perché non vai a vivere da solo?“ – „Marco, warum ziehst du nicht alleine aus?“
„Mamma, lo sai. Con il mio stipendio non posso permettermi un appartamento in centro. E poi qui sto bene: la cena è pronta, la lavatrice gira…“ – „Mama, du weißt es. Mit meinem Gehalt kann ich mir keine Wohnung in der Innenstadt leisten. Und außerdem geht es mir hier gut: Das Abendessen ist fertig, die Waschmaschine läuft…“
Dieser kleine Dialog fasst zusammen, warum die Mammoni nicht ausziehen: ein Mix aus ökonomischer Not und häuslichem Komfort.
• il mammone – der Muttersohn
• il bamboccione – das große Baby (Schimpfwort)
• l'affitto – die Miete
• l'appartamento – die Wohnung
• la disoccupazione giovanile – die Jugendarbeitslosigkeit
• il lavoro precario – prekäre Arbeit
• il contratto a tempo indeterminato – unbefristeter Vertrag
• lo stipendio – das Gehalt
• uscire di casa – ausziehen
• vivere da solo – alleine leben
• la generazione bloccata – die blockierte Generation
• il NEET (Not in Education, Employment or Training) – junger Mensch ohne Ausbildung/Arbeit
Eng verbunden mit den Mammoni ist das Phänomen der NEET (Not in Education, Employment or Training): junge Menschen, die weder arbeiten, noch studieren, noch sich in Ausbildung befinden. Italien hat hier den traurigen Spitzenplatz in Europa: 19,0 % der 15- bis 29-Jährigen sind NEET (EU-Schnitt: 11,2 %). Im Süden steigt die Quote auf über 30 %.
Viele dieser jungen Menschen haben aufgegeben, überhaupt noch nach Arbeit zu suchen. Sie leben weiter zu Hause, Mama kocht, Papa zahlt das Handy. Die Soziologin Chiara Saraceno spricht von einer „societá che non investe nei giovani“ – einer Gesellschaft, die nicht in ihre Jugend investiert.
Die Folgen sind weitreichend. Wer mit 33 noch zu Hause wohnt, gründet spät (oder gar nicht) eine eigene Familie. Das ist einer der Gründe für die niedrige Geburtenrate. Außerdem fehlt eine ganze Generation auf dem Wohnungsmarkt, in der Konsumwirtschaft und bei der Familiengründung. Italien droht ein collasso demografico (demografischer Kollaps).
Manche junge Italiener flüchten ins Ausland: Nach London, Berlin, Paris oder München. Die Zahl der jungen ausgewanderten Akademiker (cervelli in fuga – fliehende Gehirne) liegt bei rund 120.000 pro Jahr.
Sintesi – Zusammenfassung:
• Mammoni: erwachsene Italiener, die noch zu Hause wohnen
• 67,6 % der 18–34-Jährigen leben bei den Eltern
• Ursachen: Arbeitslosigkeit, hohe Mieten, prekäre Verträge
• NEET-Quote: 19 % – europäischer Spitzenwert
• Folgen: Geburtenrückgang, cervelli in fuga, demografischer Kollaps
• Politische Debatte seit Padoa-Schioppa 2007
Abitur-Tipp: Verknüpfe in der Klausur immer das Mammoni-Phänomen mit der denatalitá und der disoccupazione giovanile. Das zeigt, dass du strukturelle Zusammenhänge verstehst. Verwende den Begriff generazione bloccata und zitiere Padoa-Schioppas bamboccioni-Spruch – das wirkt souverän.