Italien ist ein Land, aber wirtschaftlich, sozial und kulturell zwei Welten. Schon der italienische Schriftsteller Giuseppe Tomasi di Lampedusa beschrieb in Il Gattopardo (1958) die abgründige Kluft zwischen dem industriellen Norden und dem rückständigen Süden. Diese Kluft – das berühmte divario Nord-Sud – prägt das Land bis heute. Der Norden umfasst die Regionen Lombardei, Piemont, Emilia-Romagna, Venetien; der Süden heißt Mezzogiorno und besteht aus Kampanien, Apulien, Kalabrien, Sizilien, Basilikata, Molise, Abruzzen.
Das Sprichwort „L'Italia finisce a Roma“ („Italien endet in Rom“) ist Ausdruck dieser Trennung – und für Süditaliener eine Beleidigung.
Die SVIMEZ-Studien (Verband zur Entwicklung des Mezzogiorno) zeigen das Ausmaß eindrucksvoll:
• BIP pro Kopf Norden: ca. 37.000 Euro
• BIP pro Kopf Süden: ca. 20.000 Euro (–46 %)
• Arbeitslosigkeit Norden: 5,5 %
• Arbeitslosigkeit Süden: 14,3 % (Sizilien: 17 %)
• Jugendarbeitslosigkeit Süden: über 40 %
• Frauenerwerbsquote Norden: 62 %
• Frauenerwerbsquote Süden: 33 %
• Hochgeschwindigkeitszug bis Salerno, danach: nichts
Auch die Lebenserwartung ist im Norden etwa 2 Jahre höher. Im Süden investiert der Staat pro Kopf weniger in Schulen, Krankenhäuser und Infrastruktur.
Die Wurzeln des Gefälles reichen tief in die Geschichte. Das Königreich beider Sizilien (Bourbonenherrschaft 1816–1861) war anders strukturiert als der industrialisierende Norden unter den Savoyern. Bei der italienischen Einigung 1861 wurde der Süden dem Norden quasi angegliedert – mit hohen Steuern, Zwangsmilitärdienst und Auflösung lokaler Eliten.
Im 20. Jahrhundert kamen weitere Faktoren hinzu:
• Das Latifundienwesen (Großgrundbesitz) hemmte die Modernisierung
• Die Cassa per il Mezzogiorno (1950–1992) brachte zwar Geld, aber wenig nachhaltige Entwicklung
• Die mafia (Cosa Nostra, 'Ndrangheta, Camorra) bremst Investitionen
• Korruption und ineffiziente Verwaltung
• Auswanderung der jungen, gebildeten Bevölkerung
Zwischen 1950 und 1970 zogen rund 4 Millionen Süditaliener in den Norden – vor allem nach Mailand, Turin und Genua – um in den Fabriken von FIAT, Pirelli und Alfa Romeo zu arbeiten. Sie wurden oft mit Vorurteilen empfangen: Schilder mit der Aufschrift „Non si affitta ai meridionali“ („Wir vermieten nicht an Südländer“) waren keine Seltenheit.
Auch heute flüchten junge Süditaliener in den Norden oder ins Ausland. Allein 120.000 Personen pro Jahr verlassen den Mezzogiorno. Bis 2065 könnte er 5 Millionen Einwohner verlieren, prognostiziert SVIMEZ.
• il Nord / il Sud – Norden / Süden
• il Mezzogiorno – Süditalien
• il divario – die Kluft
• lo sviluppo – die Entwicklung
• la disoccupazione – die Arbeitslosigkeit
• il PIL (prodotto interno lordo) – das BIP
• l'infrastruttura – die Infrastruktur
• la corruzione – die Korruption
• l'emigrazione – die Auswanderung
• l'investimento – die Investition
• il pregiudizio – das Vorurteil
• l'arretratezza – die Rückständigkeit
Welche Lösungen gibt es? Seit 2021 fließen gewaltige Summen aus dem EU-Wiederaufbaufonds Next Generation EU nach Italien – insgesamt 191 Milliarden Euro. Davon sind 40 % für den Süden vorgesehen. Der italienische Plan heißt PNRR (Piano Nazionale di Ripresa e Resilienza). Investitionen fließen in:
• Hochgeschwindigkeitszug Neapel–Bari–Reggio Calabria
• Digitalisierung des Südens
• Erneuerbare Energien (Sizilien als „hub“ für Solarstrom)
• Universitäten und Forschung
Doch viele Beobachter sind skeptisch: Schon die Cassa per il Mezzogiorno scheiterte an Korruption und ineffizientem Geldfluss. Wird es diesmal anders?
Trotz der Probleme ist der Mezzogiorno reich an Kultur, Geschichte und Identität. Hier liegen Pompeji, Paestum, das antike Syrakus, das normannische Palermo. Hier wurden Pizza, Pasta, Mozzarella und Limoncello erfunden. Schriftsteller wie Carlo Levi (Cristo si è fermato a Eboli, 1945), Leonardo Sciascia und Andrea Camilleri haben dem Süden ein literarisches Denkmal gesetzt.
Süditalien zu verstehen heißt, Italien zu verstehen. Die Hoffnung lebt: „Il Sud risorgerá“ – „Der Süden wird wieder aufstehen.“
Sintesi:
• BIP-Differenz: Norden 37.000, Süden 20.000 Euro pro Kopf
• Hohe Arbeitslosigkeit, Auswanderung, Mafia-Präsenz
• Historische Wurzeln: Bourbonen, Einigung 1861, Latifundien
• Hoffnung: PNRR mit 191 Mrd. Euro EU-Geldern
• Reiche kulturelle Identität des Mezzogiorno
Abitur-Tipp: Erkläre das divario als historisch gewachsenes Problem. Nenne die SVIMEZ-Zahlen, das Wort Mezzogiorno und den PNRR. Erwähne Cristo si è fermato a Eboli als literarisches Beispiel – das beeindruckt jeden Korrektor.