Italien ist eines der wenigen Länder Europas, das beide Seiten der Migration intensiv erlebt hat: emigrazione (Auswanderung) und immigrazione (Einwanderung). Im 19. und 20. Jahrhundert war Italien ein klassisches Auswandererland; heute ist es ein wichtiges Einwanderungsland. Diese doppelte Erfahrung ist tief in der italienischen Identität verankert – auch wenn die Politik das gerne vergisst.
„Eravamo noi gli immigrati“ – „Wir waren einmal die Einwanderer“: Dieser Satz wird oft zitiert, wenn es um Integration geht.
Zwischen 1861 und 1985 verließen rund 26 Millionen Italiener ihr Land – eine der größten Auswanderungswellen der Geschichte. Die Ziele waren:
• USA: über 5 Millionen, vor allem nach New York, Boston, Chicago
• Argentinien und Brasilien: über 3 Millionen
• Deutschland: rund 4 Millionen Gastarbeiter nach 1955
• Schweiz, Belgien, Frankreich: Bergbau und Industrie
Tragisches Symbol: das Grubenunglück von Marcinelle (Belgien) am 8. August 1956, bei dem 136 italienische Bergarbeiter starben. Es führte zu einem Umdenken in Italien.
Italienische Einwanderer wurden häufig diskriminiert. In der Schweiz hieß es: „Wir riefen Arbeitskräfte und es kamen Menschen.“ (Max Frisch)
Seit den 1980er Jahren ist Italien zum Einwanderungsland geworden. Aktuelle Daten:
• In Italien leben 5 Millionen Ausländer (8,5 % der Bevölkerung)
• Grösste Gruppen: Rumänen (1,1 Mio.), Albaner (420.000), Marokkaner (415.000), Chinesen, Ukrainer, Bangladescher
• Sie bilden 10 % der Arbeitskräfte – oft in Landwirtschaft, Pflege (badanti), Bau, Tourismus
• Ausländische Schüler: ca. 870.000 (10,3 % aller Schüler)
Die badanti – meist Frauen aus Osteuropa, die alte Italiener pflegen – sind unverzichtbar geworden für das italienische Pflegesystem.
Die Insel Lampedusa ist zum Symbol der Mittelmeer-Migration geworden. Sie liegt näher an Tunesien als am italienischen Festland und ist erste Anlaufstelle für Boote aus Nordafrika. Seit 2000 starben mehr als 30.000 Menschen beim Versuch, das Mittelmeer zu überqueren. Die schlimmste Tragödie: Am 3. Oktober 2013 ertranken vor Lampedusa 368 Menschen. Papst Franziskus besuchte die Insel kurz darauf und sprach von einer „globalizzazione dell'indifferenza“ – einer „Globalisierung der Gleichgültigkeit“.
2024 kamen rund 67.000 Menschen über das Mittelmeer nach Italien. Die Regierung Meloni verfolgt eine harte Linie: Abkommen mit Tunesien und Albanien, Verlangsamung der Seerettung, restriktive Visaregeln.
• la migrazione – die Migration
• l'emigrante / l'immigrato – Auswanderer / Einwanderer
• il/la migrante – der/die Migrant/in
• il/la profugo/a – Flüchtling
• il rifugiato – anerkannter Flüchtling
• l'asilo politico – politisches Asyl
• il barcone – das Flüchtlingsboot
• la ONG (organizzazione non governativa) – NGO
• l'integrazione – die Integration
• il razzismo – der Rassismus
• il/la badante – Pflegekraft
• la cittadinanza – Staatsbürgerschaft
• lo ius soli / ius sanguinis – Geburtsrecht / Abstammungsrecht
In Italien gilt das ius sanguinis: Italiener wird, wer von Italienern abstammt. Kinder von Migranten, die in Italien geboren werden, müssen bis zu ihrem 18. Geburtstag warten und dann einen Antrag stellen. Seit Jahren wird über das ius soli debattiert – das Geburtsortprinzip wie in Frankreich oder den USA. Die Linke ist dafür, die Rechte (Lega, Fratelli d'Italia) dagegen. Bisher gibt es keinen Mehrheitsbeschluss.
Inzwischen leben über 1 Million Kinder mit ausländischer Herkunft in Italien – viele sprechen perfekt italienisch, kennen kein anderes Land und haben dennoch keinen italienischen Pass.
Die Integration verläuft unterschiedlich. Erfolge: ausländische Schüler erreichen oft gute Schulleistungen, Mischehen nehmen zu, italienische Filmstars wie Mahmood (Sanremo-Sieger 2019, ägyptische Wurzeln) verkörpern ein neues Italien. Probleme: hohe Diskriminierung am Arbeitsmarkt, Ghettoisierung in Vororten (periferie), wachsender Rassismus.
Sintesi:
• 1861–1985: 26 Millionen italienische Auswanderer
• Heute: 5 Millionen Einwanderer (8,5 % der Bevölkerung)
• Lampedusa als Symbol; über 30.000 Mittelmeer-Tote seit 2000
• Politik unter Meloni: harte Linie
• Debatte um ius soli ungelöst
Abitur-Tipp: Verknüpfe historische und aktuelle Migration. Nenne Marcinelle 1956, Lampedusa 2013, Papst Franziskus' „globalizzazione dell'indifferenza“ und die ius soli-Debatte. Mahmood ist ein toller Beleg für das „neue Italien“.