Am 2. Juni 1946 stimmten die Italiener über die Staatsform ab: Monarchie oder Republik? Es war zugleich das erste Mal, dass Frauen wählen durften. Mit 54,3 % entschieden sich die Italiener für die Repubblica. König Umberto II. ging ins Exil. Gleichzeitig wählten sie eine verfassungsgebende Versammlung, die Assemblea Costituente.
Am 1. Januar 1948 trat die neue Costituzione della Repubblica Italiana in Kraft. Artikel 1: „L'Italia è una Repubblica democratica, fondata sul lavoro“ – „Italien ist eine demokratische Republik, gegründet auf der Arbeit.“ Diese Formulierung war ein Kompromiss zwischen Sozialisten und Christdemokraten.
Zwischen 1958 und 1963 erlebte Italien sein miracolo economico – das Wirtschaftswunder. Die Wachstumsraten lagen bei 6–8 % pro Jahr. Italien wandelte sich vom Agrarland zur Industrienation. Symbole dieser Zeit:
• FIAT 500 (1957) – das Volksauto
• Vespa (Piaggio) – der Roller
• Olivetti Lettera 22 – die Schreibmaschine
• Pirelli, Eni, FIAT: industrielle Riesen
• Die Autobahn Autostrada del Sole (Mailand–Neapel, 1956–1964)
Millionen Süditaliener zogen in den Norden, um in den Fabriken von Mailand und Turin zu arbeiten. Italien wurde zur siebtgrössten Industrienation der Welt. Der Film Il sorpasso (1962) von Dino Risi und Federico Fellinis La dolce vita (1960) sind cineastische Symbole dieser Aufbruchzeit.
Die anni di piombo (Bleierne Jahre, 1969–1980) waren eine Zeit des politischen Terrors. Linksextreme und rechtsextreme Gruppen verübten Anschläge:
• 12. Dezember 1969: Bombenanschlag auf der Piazza Fontana in Mailand – 17 Tote. Vermutlich rechtsextrem (strategia della tensione).
• 1970er: Anschläge der Brigate Rosse (Rote Brigaden) gegen Politiker, Richter, Industrielle.
• 2. August 1980: Bombenanschlag im Bahnhof von Bologna – 85 Tote, der schlimmste Terroranschlag in der italienischen Geschichte. Täter: Neofaschisten der NAR.
Italien erlebte in dieser Zeit über 15.000 politisch motivierte Anschläge mit fast 400 Toten.
Das traumatischste Ereignis war die Entführung von Aldo Moro, Führer der Democrazia Cristiana und fünfmaliger Premierminister. Am 16. März 1978 – just an dem Tag, an dem ein historischer Kompromiss zwischen DC und Kommunisten (Partito Comunista Italiano) im Parlament bestätigt werden sollte – entführten die Brigate Rosse Moro in Rom. Sie töteten dabei seine fünf Leibwächter.
55 Tage lang wurde Moro gefangen gehalten. Die Regierung unter Premier Andreotti verweigerte jedes Gespräch („linea della fermezza“). Am 9. Mai 1978 wurde Moros Leiche im Kofferraum eines Renault 4 in der Via Caetani in Rom gefunden – symbolträchtig zwischen den Parteizentralen von DC und PCI.
Bis heute gibt es Verschwörungstheorien: Wer wusste was? Spielten Geheimdienste eine Rolle? Der Fall ist Trauma und Mythos zugleich.
• la repubblica – die Republik
• la costituzione – die Verfassung
• il referendum – das Referendum
• il miracolo economico – das Wirtschaftswunder
• la crescita – das Wachstum
• la fabbrica – die Fabrik
• l'operaio – der Arbeiter
• gli anni di piombo – die Bleiernen Jahre
• il terrorismo – der Terrorismus
• il rapimento – die Entführung
• la strategia della tensione – Strategie der Spannung
• la Democrazia Cristiana – Christdemokratie
1992 erschütterte der Skandal Tangentopoli („Schmiergeldstadt“) das Land. Mailänder Staatsanwälte um Antonio Di Pietro deckten ein riesiges Korruptionssystem auf (Mani Pulite, „Saubere Hände“). Die alten Parteien Democrazia Cristiana und Partito Socialista zerbrachen. Damit endete die Prima Repubblica.
Es begann die Seconda Repubblica – geprägt von Personalisierung und neuen Bewegungen. Silvio Berlusconi betrat 1994 die politische Bühne und dominierte sie 20 Jahre lang. Heute regiert Giorgia Meloni seit 2022.
Sintesi:
• 2. Juni 1946: Republik durch Referendum
• 1. Januar 1948: Verfassung tritt in Kraft
• 1958–63: Miracolo economico, FIAT 500, Vespa
• 1969–80: Anni di piombo, Brigate Rosse, NAR
• 1978: Moro entführt und ermordet
• 1992: Tangentopoli, Ende der Prima Repubblica
Abitur-Tipp: Lerne die Daten 1946, 1948, 1978, 1980, 1992 auswendig. Verknüpfe Wirtschaftswunder mit dem Süd-Nord-Migrationsthema. Der Fall Moro ist ideal für ein Beispiel zu den „anni di piombo“.