Il Novecento (das 20. Jahrhundert) ist die literarisch reichste Epoche Italiens nach der Renaissance. Zwischen Faschismus, Krieg, Wirtschaftswunder und Globalisierung entstanden Werke, die heute zum Kanon der Weltliteratur zählen. „La letteratura italiana del Novecento è una letteratura di crisi e di ricerca.“ („Die italienische Literatur des 20. Jahrhunderts ist eine Literatur der Krise und der Suche.“)
Charakteristisch sind drei große Strömungen: der psychologische Roman (Svevo, Pirandello), der Neorealismo nach 1945 (Levi, Pavese, Vittorini) und die postmoderne Erzählkunst ab den 1970er-Jahren (Calvino, Eco, Ferrante).
Italo Svevo (1861–1928, eigentlich Aron Hector Schmitz) aus Triest revolutionierte den italienischen Roman. Sein Hauptwerk La coscienza di Zeno (1923, „Zenos Gewissen“) ist einer der ersten psychoanalytischen Romane Europas. „La vita non è né bella né brutta, ma è originale.“ („Das Leben ist weder schön noch hässlich, sondern originell.“)
Der Roman ist als fiktive Beichte des Protagonisten Zeno Cosini bei seinem Psychoanalytiker konzipiert. Svevo war mit James Joyce befreundet, der ihn international bekannt machte. Sein Werk gilt als Brücke zwischen italienischer Tradition und europäischer Moderne.
Luigi Pirandello (1867–1936) erhielt 1934 den Nobelpreis für Literatur. Seine zentrale Frage: Was ist Identität? „Uno, nessuno e centomila.“ („Einer, keiner und hunderttausend.“) lautet der Titel seines Romans von 1926. Im Roman Il fu Mattia Pascal (1904, „Der selige Mattia Pascal“) wird der Protagonist fälschlich für tot erklärt und versucht, eine neue Identität aufzubauen – und scheitert.
Im Theater revolutionierte Pirandello mit Sei personaggi in cerca d'autore (1921, „Sechs Personen suchen einen Autor“) die dramatische Form. Sein Konzept des umorismo (Humor) bedeutet das Bewusstsein des Gegenteils: hinter jeder Maske die Tragik.
Primo Levi (1919–1987) war Chemiker, italienischer Jude und Auschwitz-Überlebender. Sein Werk Se questo è un uomo (1947, „Ist das ein Mensch?“) ist eines der wichtigsten Zeugnisse der Shoah. „Voi che vivete sicuri nelle vostre tiepide case... considerate se questo è un uomo.“ („Ihr, die ihr sicher lebt in euren warmen Häusern... bedenkt, ob das ein Mensch ist.“)
Levis nüchterner, wissenschaftlich präziser Stil verzichtet auf Pathos. Weitere Werke: La tregua (1963, „Die Atempause“) über die Rückkehr aus Auschwitz und I sommersi e i salvati (1986, „Die Untergegangenen und die Geretteten“), seine letzte Reflexion über Schuld, Erinnerung und die Grauzone.
Italo Calvino (1923–1985) ist der vielleicht international bekannteste italienische Erzähler der Nachkriegszeit. Er begann im Neorealismus mit Il sentiero dei nidi di ragno (1947, „Der Pfad der Spinnennester“) über die Resistenza, wandte sich dann dem Phantastischen zu.
In Le città invisibili (1972, „Die unsichtbaren Städte“) beschreibt Marco Polo dem Kublai Khan 55 erfundene Städte – Allegorien menschlicher Wünsche und Ängste. „L'inferno dei viventi non è qualcosa che sarà... è quello che è già qui.“ („Die Hölle der Lebenden ist nichts, was sein wird... sie ist das, was schon hier ist.“)
Se una notte d'inverno un viaggiatore (1979, „Wenn ein Reisender in einer Winternacht“) ist ein metaliterarisches Meisterwerk: Der Leser ist die Hauptfigur, das Buch besteht aus zehn Romananfängen, die alle abbrechen.
Pier Paolo Pasolini (1922–1975) war Dichter, Romancier, Filmregisseur und Intellektueller. Seine Römer-Romane Ragazzi di vita (1955) und Una vita violenta (1959) zeichnen das Leben in den römischen Vorstädten. „Io so. Ma non ho le prove.“ („Ich weiß. Aber ich habe keine Beweise.“) – sein berühmter Artikel im Corriere della Sera (1974) über die politischen Verbrechen Italiens.
Pasolini wurde 1975 unter ungeklärten Umständen ermordet. Er gilt als die kritische Stimme Italiens schlechthin und kritisierte das Konsumfernsehen und die omologazione (Vereinheitlichung) der Gesellschaft.
Umberto Eco (1932–2016), Semiotiker an der Universität Bologna, schrieb mit Il nome della rosa (1980, „Der Name der Rose“) einen der erfolgreichsten Romane des 20. Jahrhunderts: ein mittelalterlicher Kriminalroman in einem Benediktinerkloster. Der Franziskaner Wilhelm von Baskerville untersucht eine Mordserie, die mit einem verborgenen Buch des Aristoteles zusammenhängt.
„Stat rosa pristina nomine, nomina nuda tenemus.“ („Die Rose von einst steht nur als Name, bloße Namen halten wir.“) – der berühmte Schlusssatz. Weitere Romane: Il pendolo di Foucault (1988) und L'isola del giorno prima (1994).
Vokabeln:
il romanzo – der Roman
la letteratura – die Literatur
lo scrittore / la scrittrice – der Schriftsteller / die Schriftstellerin
il premio Nobel – der Nobelpreis
il neorealismo – der Neorealismus
la testimonianza – das Zeugnis
la memoria – die Erinnerung
l'identità – die Identität
la maschera – die Maske
il dopoguerra – die Nachkriegszeit
la postmodernità – die Postmoderne
Elena Ferrante (Pseudonym, geboren wahrscheinlich 1943) ist die meistgelesene italienische Autorin der Gegenwart. Ihre quattro romanzi napoletani (vier neapolitanische Romane), zusammengefasst unter dem Titel L'amica geniale (2011–2014, „Meine geniale Freundin“), erzählen die Freundschaft zwischen Lila und Elena von der Kindheit in einem armen Viertel Neapels bis ins Alter.
Die vier Bände: L'amica geniale (2011), Storia del nuovo cognome (2012), Storia di chi fugge e di chi resta (2013), Storia della bambina perduta (2014). Die Romane wurden in über 40 Sprachen übersetzt und als HBO-Serie verfilmt. Ferrante hält ihre Identität bis heute geheim – „I libri, una volta scritti, non hanno più bisogno dei loro autori.“ („Bücher brauchen, einmal geschrieben, ihre Autoren nicht mehr.“)
Zusammenfassung:
• Svevo (1923): La coscienza di Zeno – Pionier des psychologischen Romans
• Pirandello (Nobelpreis 1934): Sei personaggi in cerca d'autore, Identität und Maske
• Primo Levi (1947): Se questo è un uomo – Zeugnis von Auschwitz
• Calvino: Le città invisibili (1972), Se una notte d'inverno un viaggiatore (1979)
• Pasolini: Romancier, Dichter, Filmregisseur, kritische Stimme
• Eco: Il nome della rosa (1980) – mittelalterlicher Kriminalroman
• Ferrante: L'amica geniale (2011–2014) – Neapel-Saga
Abitur-Tipp: Für das Hessen-Abitur Italienisch ist es wichtig, mindestens drei Autoren mit konkreten Werken und Jahreszahlen zu kennen. Verbinde Pirandello (Identitätskrise) und Ferrante (Frauenfreundschaft, Neapel) mit den Pflichtthemen cambiamento dei ruoli und realtà famigliari. Wer Primo Levi zitieren kann, gewinnt im Abschnitt zur Erinnerungskultur Bonuspunkte.