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La canzone popolare italiana

Mandoline als Instrument der italienischen Volksmusik
Was ist die canzone popolare?

La canzone popolare italiana (das italienische Volkslied) ist weit mehr als nur Musik – sie ist ein zentraler Teil der italienischen Identität (identità), der kollektiven Erinnerung (memoria collettiva) und der politischen Geschichte. Vom kalabrischen Bauernlied bis zum Sanremo-Schlager spannt sich ein gewaltiger Bogen, der ganz Italien musikalisch zusammenhält, obwohl das Land bis 1861 in viele Kleinstaaten zerteilt war.

Schon im Mittelalter sangen die trovatori in Sizilien am Hof Friedrichs II. die ersten italienischsprachigen Lieder. Aus diesen höfischen Wurzeln, vermischt mit den Liedern der Bauern, Fischer und Hirten, entstand eine ungemein vielfältige Musiktradition. «Ogni regione ha le sue canzoni» (Jede Region hat ihre eigenen Lieder), sagt ein bekanntes Sprichwort – und tatsächlich klingt ein neapolitanisches Lied völlig anders als ein sardisches oder ein piemontesisches.

Im 20. Jahrhundert wurde die canzone popolare zum Spiegel der italienischen Geschichte: der Zwei Weltkriege, des Faschismus, des Widerstands, des Wirtschaftswunders und der Massenkultur. Lieder wie Bella Ciao, O sole mio oder Volare sind heute weltweit bekannt und stehen in einem Atemzug mit Pizza, Pasta und Vespa als Symbole Italiens.

Bella Ciao – Hymne des Widerstands

Bella Ciao ist heute das wohl bekannteste italienische Lied weltweit – nicht zuletzt durch die Netflix-Serie La casa di carta (Haus des Geldes). Doch seine Wurzeln reichen viel tiefer. Ursprünglich war es ein Arbeitslied der mondine, der Reisarbeiterinnen aus der Po-Ebene des späten 19. Jahrhunderts. Sie sangen es bei der harten Arbeit auf den überfluteten Reisfeldern.

Während des Zweiten Weltkriegs (1943–1945) wurde Bella Ciao zur inoffiziellen Hymne der italienischen Resistenza (Widerstandsbewegung) gegen Faschismus und deutsche Besatzung. Die Partisanen (i partigiani) sangen es in den Bergen Norditaliens. Der Refrain «O bella ciao, bella ciao, bella ciao ciao ciao» (O Schöne, leb wohl) ist eine der berühmtesten Melodien der Welt geworden.

Der Text ist eindringlich: «Una mattina mi son svegliato / e ho trovato l'invasor» (Eines Morgens bin ich aufgewacht / und fand den Besatzer vor). Der Sprecher bittet, falls er als Partisan fällt, in den Bergen begraben zu werden, unter dem Schatten einer schönen Blume. Bella Ciao ist heute Symbol des antifaschistischen Widerstands weltweit – bei Demonstrationen in Hongkong, Chile oder Frankreich erklingt es ebenso wie am 25. April, dem italienischen Festa della Liberazione (Tag der Befreiung).

O sole mio – Neapels Welthit

O sole mio (Meine Sonne) ist das wohl berühmteste neapolitanische Lied. Komponiert wurde es 1898 von Eduardo di Capua, der Text stammt von Giovanni Capurro. Der junge Komponist soll die Melodie in Odessa auf einer Reise geschrieben haben, beim Anblick der Schwarzmeersonne – weit entfernt von der Sonne Neapels, die er vermisste.

Das Lied ist auf napoletano, dem neapolitanischen Dialekt, geschrieben: «Che bella cosa na jurnata 'e sole» (Was für eine schöne Sache ist ein sonniger Tag). Im Hochitalienischen wäre das «Che bella cosa è una giornata di sole». Der Text preist die Sonne, doch im Refrain wird klar, dass die wahre Sonne für den Sprecher die Geliebte ist: «Ma n'atu sole cchiù bello, oje né, 'o sole mio sta 'nfronte a te».

Weltberühmt machten das Lied große Tenoräre wie Enrico Caruso, Luciano Pavarotti und Andrea Bocelli. Bei den Olympischen Spielen 1920 in Antwerpen wurde es sogar als italienische Hymne gespielt, weil das Orchester die echte Hymne nicht parat hatte. Elvis Presley adaptierte es 1960 als It's Now or Never.

Volare – Italien fliegt um die Welt

Nel blu, dipinto di blu – bekannt als Volare – ist der größte internationale Hit der italienischen Popmusik. Gesungen von Domenico Modugno gewann das Lied 1958 das Festival di Sanremo und kurz darauf den dritten Platz beim ersten Eurovision Song Contest. In den USA erreichte es Platz 1 der Billboard-Charts – bis heute der einzige italienischsprachige Song, dem das gelang.

Der Text beschreibt einen Traum: Der Sprecher träumt, dass er sich die Hände und das Gesicht blau anmalt und in den Himmel fliegt, bis ihn die Sonne der Augen seiner Geliebten zurückholt. «Volare, oh oh, cantare, oh oh oh oh, nel blu dipinto di blu, felice di stare lassù» (Fliegen, oh, singen, im Blau gemalt in Blau, glücklich oben zu sein).

Volare wurde Symbol des italienischen Wirtschaftswunders (il boom economico) der späten 1950er Jahre – ein optimistisches, leichtes, lebensbejahendes Lied für ein Land, das nach Krieg und Armut wieder aufstieg.

Il Festival di Sanremo

Das Festival della canzone italiana di Sanremo ist seit 1951 das wichtigste Musikereignis Italiens. Jedes Jahr im Februar treffen sich im Teatro Ariston in der ligurischen Küstenstadt Sanremo die größten italienischen Künstler. Die Show dauert fünf Abende und wird live vom Staatssender RAI 1 übertragen. Der Einschaltrekord lag 2024 bei über 14 Millionen Zuschauern – das ist ein Viertel der italienischen Bevölkerung.

Sanremo ist mehr als ein Wettbewerb: Es ist ein nationales Ritual, ein Spiegel des italienischen Zeitgeistes. Hier wurden Stars wie Adriano Celentano, Mina, Lucio Dalla, Eros Ramazzotti, Laura Pausini und Andrea Bocelli berühmt. 2021 gewann die Rockband Måneskin das Festival und kurz darauf den Eurovision Song Contest in Rotterdam – ein neuer Triumph der italienischen Musik.

«Sanremo è Sanremo» (Sanremo ist Sanremo), pflegt der langjährige Moderator Pippo Baudo zu sagen – eine Tautologie, die ausdrücken soll, dass dieses Festival einzigartig und unersetzbar ist.

Vokabeltabelle

la canzone – das Lied
il cantante / la cantante – der Sänger / die Sängerin
la melodia – die Melodie
il ritornello – der Refrain
il testo – der Liedtext
la resistenza – der Widerstand
il partigiano – der Partisan
la liberazione – die Befreiung
il festival – das Festival
il palcoscenico – die Bühne
vincere – gewinnen
cantare – singen
il successo – der Erfolg
il dialetto – der Dialekt

Zusammenfassung:

Bella Ciao: Hymne der Resistenza, ursprünglich Lied der Reisarbeiterinnen
O sole mio (1898): Neapolitanisches Welthit, di Capua/Capurro
Volare (1958): Modugno gewinnt Sanremo, US-Nr. 1, Symbol des Wirtschaftswunders
Festival di Sanremo (seit 1951): Wichtigstes Musikfestival Italiens
Måneskin (2021): Sanremo- und Eurovision-Sieger
• Canzone popolare als Spiegel italienischer Identität und Geschichte

Abitur-Tipp: Für das Q-Thema «Identità e cultura italiana» ist die canzone popolare ein dankbares Thema. Lerne mindestens den Refrain von Bella Ciao auswendig und verknüpfe ihn mit dem 25. April (Festa della Liberazione). Wenn du Sanremo erwähnst, nenne konkrete Jahreszahlen (1951, 1958, 2021) und künstlerische Kontinuitäten von Modugno bis Måneskin. Eine Zitat-Phrase wie «Sanremo è Sanremo» bringt Bonuspunkte.