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La lingua italiana

Italienisches Wörterbuch
Vom Latein zur Volkssprache

Die lingua italiana (italienische Sprache) gehört zur romanischen Sprachfamilie und hat sich aus dem latino volgare (Vulgärlatein) entwickelt – jener gesprochenen Form des Lateins, die nach dem Untergang des Weströmischen Reichs (476 n. Chr.) weiterlebte. Das Italienische steht dem Latein strukturell näher als Französisch oder Spanisch und gilt deshalb oft als die «schönste Tochter» des Lateins.

Das erste Schriftdokument auf Volgare ist der berühmte Indovinello veronese (Veroneser Rätsel) aus dem 9. Jahrhundert: «Se pareba boves, alba pratalia araba» (Er trieb die Ochsen vor sich her, weisse Felder pflügte er) – ein metaphorisches Rätsel über das Schreiben mit der Feder. Wenig später folgten die Placiti cassinesi (960 n. Chr.), juristische Zeugenaussagen aus Capua, in denen erstmals italienisch gesprochen aufgezeichnet wurde: «Sao ko kelle terre, per kelle fini que ki contene, trenta anni le possette parte sancti Benedicti».

Aus diesen ersten Spuren entwickelte sich im Mittelalter eine reiche literarische Tradition in zahlreichen Volksdialekten – die noch lange keine einheitliche «italienische Sprache» bildeten.

Dante und das Toskanische

Dante Alighieri (1265–1321) gilt als il padre della lingua italiana (der Vater der italienischen Sprache). Mit seiner Divina Commedia (1304–1321) schuf er ein Werk, das die volgári illustri (erlauchten Volkssprachen) auf eine literarische Stufe mit dem Latein hob. Sein toskanischer Dialekt – genauer das fiorentino, das Florentinische – wurde zum Modell.

Dante schrieb seine sprachtheoretische Schrift De vulgari eloquentia (Über die Beredsamkeit in der Volkssprache, ca. 1304) noch auf Latein, um seine eigene Wahl der Volgare zu rechtfertigen. Sein berühmtester Vers eröffnet die Commedia: «Nel mezzo del cammin di nostra vita / mi ritrovai per una selva oscura / ché la diritta via era smarrita» (Auf halbem Weg des Menschenlebens fand ich mich wieder in einem dunklen Walde, denn der gerade Weg war verloren).

Zusammen mit Petrarca (1304–1374) und Boccaccio (1313–1375) bilden diese drei die tre corone fiorentine (drei florentinischen Kronen), die das Toskanische als italienische Standardsprache durchsetzten. Im 16. Jahrhundert kodifizierte der Venezianer Pietro Bembo in seinen Prose della volgar lingua (1525) das Toskanische als verbindliches literarisches Vorbild.

Vereinheitlichung der Sprache

Bis zur Einigung Italiens (1861) sprachen nur etwa 2,5 % der Italiener tatsächlich Italienisch – der Rest sprach Dialekt. Der Politiker Massimo d'Azeglio formulierte berühmt: «Fatta l'Italia, bisogna fare gli italiani» (Italien ist gemacht, jetzt müssen wir die Italiener machen). Die sprachliche Vereinheitlichung wurde zur nationalen Aufgabe.

Drei Faktoren beschleunigten den Prozess im 20. Jahrhundert: erstens die Schulpflicht, zweitens die Massenmedien – vor allem das Radio (ab 1924) und das Fernsehen (RAI ab 1954) – und drittens die Binnenmigration nach 1950, als Millionen Sieddler aus dem Süden in die Industriestädte des Nordens (Mailand, Turin) zogen und dort zwangsläufig Italienisch lernen mussten.

Heute ist Italienisch die Muttersprache von etwa 65 Millionen Menschen weltweit. Es ist Amtssprache in Italien, San Marino, Vatikanstadt und (zusammen mit Deutsch und Französisch) in der Schweiz. In Istrien (Kroatien, Slowenien) lebt eine italienische Minderheit, ebenso in Albanien, Korsika und unter Auswanderern in Argentinien, Brasilien, USA und Australien.

I dialetti regionali

Italien ist ein Land der Dialekte (i dialetti). Linguistisch gesehen sind viele «Dialekte» eigenständige romanische Sprachen, die sich parallel zum Toskanischen aus dem Latein entwickelt haben. Man unterscheidet drei Hauptgruppen:

Norditalienische Dialekte: piemontese, lombardo, veneto, ligure, emiliano-romagnolo – sie zeigen Einflüsse des Galloromanischen.
Mittelitalienische Dialekte: toscano, romanesco, marchigiano, umbro – das Toskanische bildete die Basis des Standarditalienischen.
Süditalienische Dialekte: napoletano, calabrese, salentino, abruzzese – mit stärkeren griechischen und arabischen Einflüssen.

Besondere Stellung haben das siciliano (Sizilianisch) und das sardo (Sardisch). Das Sardische ist sprachgeschichtlich am weitesten vom Italienischen entfernt und wird heute als eigenständige romanische Sprache anerkannt: «Bona die, comente ses?» (Guten Tag, wie geht es dir?). Auch die Friulani in Friaul-Julisch Venetien und die Ladini in Südtirol sprechen eigene rätoromanische Sprachen.

In Neapel sind dialektale Kunstwerke wie die Lieder Pino Daniele oder die Romane von Elena Ferrante beliebt. In Südtirol ist Deutsch zweite Amtssprache, im Aostatal Französisch, in Triest spricht man slowenische Minderheitensprachen.

Vokabeltabelle

la lingua – die Sprache
il dialetto – der Dialekt
la madrelingua – die Muttersprache
parlare – sprechen
scrivere – schreiben
capire – verstehen
il latino volgare – das Vulgärlatein
il fiorentino – das Florentinische
la grammatica – die Grammatik
la pronuncia – die Aussprache
il vocabolario – der Wortschatz
il poeta – der Dichter
lo scrittore – der Schriftsteller
l'unità – die Einheit

Zusammenfassung:

• Italienisch entstand aus dem latino volgare nach 476 n. Chr.
Indovinello veronese (9. Jh.) und Placiti cassinesi (960) – erste Schriftzeugnisse
• Dante, Petrarca, Boccaccio (tre corone) machten das Toskanische zur Standardsprache
• 1861: nur 2,5 % sprachen Italienisch – «Bisogna fare gli italiani»
• Heute ca. 65 Mio. Sprecher weltweit
• Vielfältige Dialekte: napoletano, siciliano, sardo, lombardo etc.

Abitur-Tipp: Verwende das Zitat von d'Azeglio («Fatta l'Italia, bisogna fare gli italiani») als Aufhänger, um den engen Zusammenhang von Sprache und nationaler Identität zu zeigen. Bezug zum Q-Thema «Identità»: Die Sprache war (und ist) Schlüssel zur italienischen Einheit. Achte darauf, dass du Dialekt von Standardsprache klar abgrenzt – und nenne unbedingt Dante als «padre della lingua».