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L'arte barocca italiana

Was ist das Barock?

L'arte barocca (die Barockkunst) entstand um 1600 in Rom und prägte ganz Europa bis um 1750. Der Begriff barocco leitet sich vermutlich vom portugiesischen barroco (unregelmäßige Perle) ab und war zunächst abwertend gemeint – die klassizistischen Kritiker des 18. Jahrhunderts hielten den Stil für überladen und schwulstig. Heute gilt der Barock als eine der großen Blütezeiten der italienischen Kunst.

Der Barock ist die Künstlersprache der Gegenreformation (Controriforma). Nach dem Konzil von Trient (1545–1563) suchte die katholische Kirche neue Wege, die Gläubigen emotional zu erreichen und gegenüber der Reformation zu behaupten. Der Barock ist deshalb monumental, theatralisch, dynamisch – er spricht alle Sinne an: «l'arte deve commuovere, persuadere, stupire» (Die Kunst soll bewegen, überzeugen, in Staunen versetzen).

Stilistisch ist der Barock charakterisiert durch geschwungene Linien, dramatische Lichteffekte, üppige Farben, Pathos und Bewegung. Wo die Renaissance Harmonie und Mass suchte, verfolgt der Barock Kontrast, Spannung und emotionale Wucht.

Gian Lorenzo Bernini

Gian Lorenzo Bernini (1598–1680) ist der größte Bildhauer, Architekt und Stadtplaner des römischen Hochbarocks. «Bernini fu fatto per Roma e Roma per Bernini» (Bernini wurde für Rom geschaffen und Rom für Bernini), schrieb sein Biograph. Er arbeitete unter acht Päpsten und prägte das Stadtbild Roms wie kein zweiter Künstler.

Sein berühmtestes skulpturales Werk ist die Estasi di Santa Teresa (Die Verzückung der heiligen Theresa, 1647–1652) in der Kirche Santa Maria della Vittoria in Rom. Die Heilige Theresa von Ávila wird in dem Moment dargestellt, in dem ein Engel ihr Herz mit einem goldenen Pfeil durchbohrt – eine mystische Vereinigung mit Gott. Berninis Marmor wirkt wie weicher Stoff: Theresas Gewand stürmt in dramatischen Falten, ihr Gesicht zeigt eine Mischung aus Schmerz und Ekstase. Goldene Lichtstrahlen aus echtem Bronze brechen aus einem versteckten Fenster über der Skulptur hervor – ein gesamtkunstwerkartiges Inszenieren.

Sein architektonisches Hauptwerk ist die Kolonnade des Petersplatzes (il Colonnato di San Pietro, 1656–1667). Vier Reihen von 284 dorischen Säulen und 88 Pfeilern bilden eine ovale Umarmung des Platzes – Bernini selbst sprach von den «mütterlichen Armen der Kirche, die die Gläubigen empfangen». Der Petersplatz ist bis heute eine der größten urbanistischen Leistungen der Welt.

Francesco Borromini

Francesco Borromini (1599–1667) war Berninis größter Rivale – und sein Gegenpol. Während Bernini auf glanzvolle Repräsentation und große Gesten setzte, entwickelte Borromini eine intellektuelle, fast mathematische Architektur. Sein Hauptwerk ist die kleine Kirche San Carlo alle Quattro Fontane (1638–1641) in Rom. Auf engstem Raum schuf er einen ovalen Innenraum, dessen geschwungene Wände mit konkaven und konvexen Wechseln spielen. Die Fassade (1665–1667) gehört zu den kühnsten der Architekturgeschichte.

Borromini war ein schwieriger, melancholischer Mensch und nahm sich 1667 das Leben. Erst die moderne Architektur hat seine Genialität voll erkannt. Auch Sant'Ivo alla Sapienza mit ihrer wendeltreppenartigen Spitze und das Oratorio dei Filippini sind Meilensteine seiner künstlerischen Sprache.

Caravaggio – Meister des chiaroscuro

Michelangelo Merisi da Caravaggio (1571–1610) war der revolutionäre Maler des Barockanfangs. Sein Stil basiert auf dem dramatischen Hell-Dunkel-Kontrast, dem chiaroscuro, beziehungsweise auf der noch radikaleren Form des tenebrismo: Aus tiefer Dunkelheit treten die Figuren wie von einem unsichtbaren Scheinwerfer angestrahlt hervor.

Caravaggio brach mit der idealisierenden Tradition der Renaissance. Seine Heiligen sind keine schwebenden Figuren, sondern schmutzige Bauern, Mütter mit zerfurchten Gesichtern, Strassenjungen mit dreckigen Füßen. Ein Skandal seiner Zeit. Beispiel: In La vocazione di San Matteo (Die Berufung des heiligen Matthäus, 1599–1600) in San Luigi dei Francesi in Rom sitzen die Zöllner an einem Holztisch in zeitgenössischer Tracht. Christus tritt aus dem Schatten und weist mit ausgestrecktem Finger auf Matthäus – ein Lichtstrahl von rechts schneidet die Szene wie ein göttliches Urteil.

Andere Hauptwerke: Cena in Emmaus (1601), Morte della Vergine (1606), Davide con la testa di Golia (1610). Caravaggio führte ein ungestümes Leben – er beging 1606 in Rom einen Mord, floh nach Neapel, Malta und Sizilien und starb 1610 unter ungeklärten Umständen in Porto Ercole. Sein Einfluss auf die europäische Malerei (Rubens, Rembrandt, Velazquez) ist immens. «La luce di Caravaggio è la luce della verità» (Caravaggios Licht ist das Licht der Wahrheit), schrieb der Kunsthistoriker Roberto Longhi.

Vokabeltabelle

il barocco – das Barock
la chiesa – die Kirche
la scultura – die Skulptur
la pittura – die Malerei
l'architetto – der Architekt
il pittore – der Maler
lo scultore – der Bildhauer
il chiaroscuro – das Hell-Dunkel
il marmo – der Marmor
la cupola – die Kuppel
il colonnato – die Kolonnade
l'estasi – die Verzückung
la controriforma – die Gegenreformation
il capolavoro – das Meisterwerk

Zusammenfassung:

• Barock entsteht ca. 1600 in Rom als Kunst der Controriforma
Bernini (1598–1680): Estasi di Santa Teresa (1647–52), Kolonnade Petersplatz
Borromini (1599–1667): San Carlo alle Quattro Fontane, Sant'Ivo alla Sapienza
Caravaggio (1571–1610): chiaroscuro/tenebrismo, La vocazione di San Matteo
• Stil: Pathos, Bewegung, dramatisches Licht, Theatralik
• Ziel: commuovere, persuadere, stupire

Abitur-Tipp: Beim Q-Thema «Cultura italiana» gehört der Barock zum Pflichtkanon. Lerne ein konkretes Bernini-Werk (Estasi) UND ein konkretes Caravaggio-Werk (Vocazione di San Matteo) detailliert. Verwende den Schlüsselbegriff chiaroscuro auf Italienisch. Wenn du die Verbindung Barock – Gegenreformation aufzeigst, kannst du die kunstgeschichtliche Tiefendimension belegen.