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Falcone e Borsellino

Zwei Freunde, ein Kampf

Giovanni Falcone (1939–1992) und Paolo Borsellino (1940–1992) waren die wohl bedeutendsten Antimafia-Richter der italienischen Geschichte. Beide stammten aus Palermo, beide waren Schulfreunde aus dem Stadtteil Kalsa, und beide widmeten ihr Leben dem Kampf gegen die Cosa Nostra. Beide wurden 1992 von eben dieser Mafia ermordet – im Abstand von nur 57 Tagen.

Falcone studierte Jura in Palermo und wurde Richter. Anfang der 1980er Jahre übernahm er die ersten großen Ermittlungen gegen die Cosa Nostra. Sein methodischer Ansatz war revolutionär: Er folgte dem Geld («follow the money»), arbeitete mit Banken zusammen, verglich Konten, durchforstete Bilanzen. «Le inchieste sulla mafia si fanno con i numeri, non con la fantasia» (Mafia-Ermittlungen führt man mit Zahlen, nicht mit Fantasie), so Falcone.

Borsellino war Falcones engster Mitarbeiter im sogenannten pool antimafia (Antimafia-Pool) der Staatsanwaltschaft Palermo, gegründet 1984 von Antonino Caponnetto. Beide arbeiteten Tag und Nacht, oft in einem unterirdischen Büro «das Bunker» genannt, bewacht von Carabinieri und Polizei.

Der Maxiprozess von Palermo (1986–1987)

Der Maxiprozesso di Palermo war der grösste Mafia-Prozess der Geschichte. Er begann am 10. Februar 1986 in einem eigens gebauten Hochsicherheitsbunker neben dem Gefängnis Ucciardone und endete am 16. Dezember 1987. Auf der Anklagebank sassen 475 Mafiosi. Die Anklage stützte sich auf das Buch des reuigen Mafiosi Tomaso Buscetta, dessen Aussagen Falcone über Monate aufgenommen hatte. Buscetta war der erste hochrangige Pentito und enthüllte erstmals die genaue Struktur der Cosa Nostra: die cupola (Spitzenkommission), die Familienorganisation, die Riten der Aufnahme.

Das Urteil war eine Sensation: 342 Verurteilungen, davon 19 lebenslängliche Strafen, insgesamt über 2.665 Jahre Haft. Die Cosa Nostra hatte zum ersten Mal eine vernichtende juristische Niederlage erlitten. Falcone und Borsellino wurden zu nationalen Helden – und zur Hauptzielscheibe der Mafia.

Trotz dieses Erfolgs erlebte Falcone in den folgenden Jahren institutionelle Rückschläge. Eine Beförderung wurde ihm verweigert. Er warnte: «Si muore generalmente perché si è soli» (Man stirbt im Allgemeinen, weil man allein ist).

Strage di Capaci (23. Mai 1992)

Am Samstag, dem 23. Mai 1992, gegen 17:58 Uhr, fuhr Giovanni Falcone mit seiner Frau Francesca Morvillo und drei Leibwächtern auf der Autobahn A29 vom Flughafen Palermo Punta Raisi Richtung Stadt. Auf Höhe der Ausfahrt Capaci hatten Mafiosi unter Führung von Giovanni Brusca rund 500 kg Sprengstoff in einer Kanalröhre unter der Autobahn versteckt. Per Fernzünder wurde die Bombe gezündet.

Die Explosion war so stark, dass sie auf seismografischen Stationen in ganz Sizilien registriert wurde. Falcone, seine Frau und die drei Leibwächter (Vito Schifani, Rocco Dicillo, Antonio Montinaro) starben. Italien war im Schock. Tausende Menschen versammelten sich in Palermo zum Trauerzug. Frauen warfen weisse Bettlaken aus den Fenstern als Zeichen des Protests.

Strage di Via D'Amelio (19. Juli 1992)

57 Tage später, am Sonntag 19. Juli 1992, besuchte Paolo Borsellino seine Mutter in Palermo, in der Via D'Amelio. Als er auf die Klingel drückte, explodierte ein Fiat 126, der vor dem Haus geparkt worden war – vollgestopft mit etwa 90 kg TNT. Borsellino und seine fünf Leibwächter (Agostino Catalano, Walter Cosina, Vincenzo Li Muli, Emanuela Loi – die erste weibliche Polizistin, die im Dienst starb – und Claudio Traina) wurden getötet.

Die beiden Anschläge stehen heute unter dem Namen stragi del 1992 (Massaker von 1992) und gelten als der Tiefpunkt der italienischen Republik. Doch sie wurden auch zum Wendepunkt: Die Empfindlichkeit der italienischen Bevölkerung gegenüber der Mafia änderte sich grundlegend.

Borsellino sagte kurz vor seinem Tod den berühmten Satz: «Chi ha paura muore ogni giorno, chi non ha paura muore una volta sola» (Wer Angst hat, stirbt jeden Tag; wer keine Angst hat, stirbt nur einmal).

Erinnerung und Vermächtnis

Heute heißt der Flughafen von Palermo offiziell Aeroporto Internazionale di Palermo «Falcone-Borsellino». Jedes Jahr am 23. Mai versammeln sich tausende Schüler in Palermo zum Albero Falcone (Falcone-Baum), um der Opfer zu gedenken. Ihre Namen sind in zahllosen Straßen, Schulen und Plätzen Italiens verewigt.

Falcones Witwe Maria Falcone und Borsellinos Schwester Rita Borsellino setzten ihren Kampf fort. Filme wie I cento passi (2000), Il capo dei capi und Serien wie Il cacciatore halten die Erinnerung an die stragi wach.

Vokabeltabelle

il giudice – der Richter
il magistrato – der Staatsanwalt / Magistrat
il pool antimafia – die Antimafia-Einheit
la strage – das Massaker
l'attentato – der Anschlag
la bomba – die Bombe
l'esplosione – die Explosion
la scorta – der Polizeischutz
il pentito – der Kronzeuge
il processo – der Prozess
la condanna – das Urteil
l'ergastolo – die lebenslängliche Haft
uccidere – töten
la memoria – die Erinnerung

Zusammenfassung:

• Falcone (1939–1992) und Borsellino (1940–1992): Schulfreunde aus Palermo
Maxiprozess Palermo 10.2.1986 – 16.12.1987: 475 Angeklagte, 342 Verurteilungen
• Pentito Tomaso Buscetta enthüllte die Struktur der Cosa Nostra
Strage di Capaci 23.5.1992: Falcone, seine Frau und 3 Leibwächter tötet
Strage di Via D'Amelio 19.7.1992: Borsellino und 5 Leibwächter tötet
• Vermächtnis: nationale Helden, Wendepunkt im Antimafia-Kampf

Abitur-Tipp: Die zwei Daten 23.5.1992 und 19.7.1992 musst du sicher beherrschen. Ein einziges Borsellino-Zitat («Chi ha paura muore ogni giorno») wertet jede Antwort auf. Verknüpfe immer mit dem Maxiprozesso (1986/87) und dem «follow the money»-Ansatz Falcones. Q-Thema: «Italien und die Mafia».