Giacomo Leopardi (29. Juni 1798 – 14. Juni 1837) gilt als der grösste Lyriker Italiens nach Dante und Petrarca und als zentrale Figur der italienischen Romantik. Geboren wurde er in Recanati, einem kleinen Bergstädtchen in den Marken (Marche), als Sohn des konservativen Adligen Monaldo Leopardi und seiner strengen Mutter Adelaide.
Schon als Kind zeigte Giacomo eine ausserordentliche Begabung. Im Alter von zehn Jahren beherrschte er Latein, Griechisch und Hebräisch. Sein Vater erlaubte ihm uneingeschränkten Zugang zur reichen Familienbibliothek, in der er sich während seiner Jugend in das verlor, was er später als «sette anni di studio matto e disperatissimo» (sieben Jahre verrücktes und verzweifeltes Studium) bezeichnete. Diese Jahre übertriebenen Lernens zerstörten seine Gesundheit für immer: Skoliose, Sehstörungen, Asthma. Sein Leben lang war er kränklich und einsam.
Recanati empfand er als Gefängnis: «Recanati è il borgo selvaggio» (Recanati ist das wilde Dorf), schrieb er. Erst 1822 konnte er nach Rom fliehen, später lebte er in Mailand, Bologna, Florenz und schließlich in Neapel, wo er 1837 während einer Choleraepidemie starb.
Das wohl berühmteste Gedicht Leopardis ist L'infinito (Das Unendliche), geschrieben 1819 in Recanati, als er gerade 21 Jahre alt war. Es gehört zu den Idilli (Idyllen) und besteht aus nur 15 endecasillabi (elfsilbigen Versen). Es beginnt:
«Sempre caro mi fu quest'ermo colle, / e questa siepe, che da tanta parte / dell'ultimo orizzonte il guardo esclude.»
(Immer lieb war mir dieser einsame Hügel und diese Hecke, die so vielem Teil des letzten Horizonts den Blick verwehrt.)
Der Dichter sitzt auf dem Hügel von Recanati, der Monte Tabor, und blickt über eine Hecke, die seine Sicht begrenzt. Doch genau diese Begrenzung öffnet seinem Geist die Vorstellung des Unendlichen: «io nel pensier mi fingo» (in Gedanken male ich mir aus). Endlose Räume, übermenschliche Stille, eine tiefste Ruhe. Schließlich vergleicht er das Unendliche mit dem Meer: «Così tra questa immensità s'annega il pensier mio: / e il naufragar m'è dolce in questo mare.» (So ertrinkt mein Denken in dieser Unermesslichkeit: und süss ist mir das Schiffbrüchigwerden in diesem Meer.)
L'infinito ist ein Schlüsseltext der italienischen Romantik. Aus einer winzigen Naturbeobachtung erwachst eine kosmische Erfahrung. Das Begrenzte wird zum Tor zum Unendlichen.
Ein weiteres Hauptwerk ist A Silvia, geschrieben 1828 in Pisa. Es gehört zu den Grandi idilli (großen Idyllen) und richtet sich an Teresa Fattorini, die Tochter eines Kutschers, die jung an Schwindsucht starb. Im Gedicht wird sie zu Silvia, dem Symbol der vergangenen Jugend.
Es beginnt: «Silvia, rimembri ancora / quel tempo della tua vita mortale, / quando beltà splendea / negli occhi tuoi ridenti e fuggitivi, / e tu, lieta e pensosa, il limitare / di gioventù salivi?» (Silvia, erinnerst du dich noch an jene Zeit deines sterblichen Lebens, als die Schönheit glänzte in deinen lachenden, fluchtigen Augen, und du, freudig und nachdenklich, die Schwelle der Jugend überschrittst?)
Das Gedicht stellt Silvias unschuldige Hoffnungen den enttauschungenfollenden Realitäten des Lebens gegenüber. Beide Jugend, beide hoffnungsvoll – und beide vom Schicksal verraten. Hier zeigt sich Leopardis tiefer Pessimismus: Die Natur ist nicht Gütig, sondern grausam. Sie verspricht Glück und liefert Tod.
Leopardis Denken durchlief drei Stufen des Pessimismus, die in seinem Zibaldone, einem Tagebuch von über 4500 Seiten, dokumentiert sind:
• Pessimismo individuale (individueller Pessimismus): Sein eigenes Leiden, seine Krankheiten, seine Einsamkeit.
• Pessimismo storico (historischer Pessimismus): Die Antike war glücklicher, weil die Menschen Illusionen hatten, die ihnen Sinn und Schönheit gaben. Die Moderne hat diese Illusionen verloren.
• Pessimismo cosmico (kosmischer Pessimismus): Schließlich erkannte Leopardi, dass das Leiden im Wesen des Lebens selbst liegt – nicht nur in der Geschichte oder im Individuum. Die Natur ist eine grausame matrigna (Stiefmutter), die ihre Kinder zerstört.
In La ginestra (1836), seinem letzten großen Gedicht, schlägt er trotzdem einen ungewohnten Ton an: Er ruft die Menschen zur Solidarität gegen die feindliche Natur auf. «Fortunata sei tu / che ai duri colpi della morte / non altro doni che il riso».
la poesia – das Gedicht / die Dichtung
il poeta – der Dichter
l'idillio – die Idylle
l'infinito – das Unendliche
il colle – der Hügel
la siepe – die Hecke
il pensiero – der Gedanke
il pessimismo – der Pessimismus
la natura – die Natur
la giovinezza – die Jugend
la morte – der Tod
la solitudine – die Einsamkeit
l'illusione – die Illusion
il dolore – der Schmerz
Zusammenfassung:
• Giacomo Leopardi (1798–1837), geboren in Recanati (Marche)
• L'infinito (1819): Aus der Hecke wird das Unendliche – «il naufragar m'è dolce in questo mare»
• A Silvia (1828): Verlust der Jugend, Pessimismus
• Drei Phasen: pessimismo individuale – storico – cosmico
• Zibaldone: Tagebuch von über 4500 Seiten
• Natur als grausame matrigna (Stiefmutter)
Abitur-Tipp: Lerne den Anfangsvers von L'infinito auswendig («Sempre caro mi fu quest'ermo colle») und den Schlussvers («e il naufragar m'è dolce in questo mare»). Diese zwei Zitate reichen, um eine ganze Klausurfrage zu Leopardi zu beantworten. Die drei Pessimismus-Stufen sind das gefragteste Prüfungsthema.