Luigi Pirandello (28. Juni 1867 – 10. Dezember 1936) ist einer der wichtigsten Schriftsteller und Dramatiker des italienischen 20. Jahrhunderts. Er wurde in Agrigent auf Sizilien geboren, in einem Landhaus mit dem ironischen Namen Il Caos (Das Chaos). Sein Vater war ein wohlhabender Schwefelproduzent. Pirandello studierte Romanistik in Rom und Bonn (Deutschland), wo er promovierte. Später unterrichtete er italienische Literatur in Rom.
Sein Leben war von persönlichen Tragoedien geprägt: Eine Schwefelmine seines Vaters wurde zerstört, die Familie verlor ihr Vermögen, und seine Frau Antonietta erkrankte 1903 an einer schweren paranoischen Geistesstörung – Pirandello pflegte sie jahrelang. Diese Erfahrung prägte sein Werk: die Erfahrung, dass jeder Mensch eine andere Realität sieht und dass Identität flüssig, unfest und vielfach ist.
1934 erhielt er den Nobelpreis für Literatur «für seinen mutigen und genialen Einfallsreichtum bei der Wiederbelebung der dramatischen und szenischen Kunst». Er starb 1936 in Rom. In seinem Testament bat er, in einer einfachen Urne ohne Pomp begraben zu werden – ein letzter Akt seiner antibürgerlichen Haltung.
Pirandellos zentrales Motiv ist die maschera (Maske). Jeder Mensch trägt nach Pirandello viele Masken: eine für die Familie, eine für die Arbeit, eine für die Öffentlichkeit. Die Maske wird zum Gefängnis: Was wir sind, ist nicht das, was die anderen in uns sehen. «Così è, se vi pare» (So ist es, wenn es euch so scheint), heißt eines seiner Theaterstücke (1917) – ein programmatischer Satz, der besagt: Es gibt keine objektive Wahrheit, nur subjektive Wahrnehmungen.
Sein theoretisches Hauptwerk dazu ist L'umorismo (Der Humor, 1908). Hier unterscheidet Pirandello den blossen comico (Komik) vom echten umorismo (Humor): Komik ist, wenn wir über etwas Unpassendes lachen. Humor entsteht erst, wenn wir «sentimento del contrario» (Gefühl des Gegenteils) erfahren – wenn wir hinter dem Lächerlichen das Tragische erkennen. Beispiel: Eine alte Frau, die sich wie eine Junge schminkt, ist zunächst lächerlich. Wenn wir aber verstehen, dass sie das tut, weil sie ihren jungen Mann nicht verlieren will, wird sie tragisch.
Pirandellos berühmtestes Theaterstück ist Sei personaggi in cerca d'autore (Sechs Personen suchen einen Autor, 1921). Bei der Uraufführung in Rom am 10. Mai 1921 brach ein Skandal los: Das Publikum buhte, einige sprangen auf und schrien «manicomio!» (Irrenhaus!). Doch das Stück wurde sehr schnell zum Welterfolg.
Die Handlung ist revolutionär: Während eine Theatertruppe ein anderes Pirandello-Stück probt, dringen sechs mysteriöse Figuren auf die Bühne. Sie behaupten, «Personen» eines unvollendeten Dramas zu sein, das ihr Autor nie vollendete – und verlangen vom Regisseur, ihre Geschichte zu Ende zu spielen. Es entsteht eine vielschichtige Reflexion über die Beziehung zwischen Realität, Theater, Autor und Figur. Die Figuren sind «wirklicher» als die Schauspieler, weil sie als Figuren für immer feststehen, während die Schauspieler vergehen.
Pirandello brach hier alle Konventionen des traditionellen Theaters: die vierte Wand (zwischen Bühne und Publikum), die Einheit von Zeit und Handlung, die psychologische Geschlossenheit der Figuren. Er gilt deshalb als Vorläufer des modernen, absurden Theaters (Beckett, Ionesco, Brecht).
Enrico IV (Heinrich IV., 1922) ist Pirandellos zweites großes Drama. Ein junger Adliger ist bei einem Maskenfest, verkleidet als Kaiser Heinrich IV. (1050–1106), vom Pferd gestürzt und hat seinen Verstand verloren. Seitdem lebt er überzeugt davon, wirklich Heinrich IV. zu sein. Zwanzig Jahre lang spielen ihm seine Diener und Verwandten diese Komödie mit, bauen ihm ein mittelalterliches Schloss und kleiden sich als seine Hofleute.
Doch – und hier liegt der Pirandello-Twist – vor zwölf Jahren ist der Mann eigentlich von seinem Wahn aufgewacht. Er hat aber beschlossen, weiterhin den Verrückten zu spielen, weil das Leben in der Maske ihm sicherer und sinnvoller erscheint als das wahre Leben. Am Ende wird er von einer Realitätssprung gezwungen zu morden – und er beschliesst, für immer in seiner Maske zu bleiben.
Enrico IV ist die ultimative Pirandello-Figur: Er weiss, dass alle Identität Maske ist, und er wählt bewusst die Maske, weil ohne sie das Leben unertraglich wäre. «Pazzo per non morire» (Verrückt, um nicht zu sterben).
la maschera – die Maske
l'identità – die Identität
il personaggio – die Figur
l'autore – der Autor
il teatro – das Theater
la commedia – die Komödie
la tragedia – die Tragödie
l'umorismo – der Humor
la realtà – die Realität
l'illusione – die Illusion
il pazzo – der Verrückte
la verità – die Wahrheit
il dramma – das Drama
il premio Nobel – der Nobelpreis
Zusammenfassung:
• Luigi Pirandello (1867–1936), geboren in Agrigent (Sicilia)
• Nobelpreis für Literatur 1934
• Hauptthemen: Maske, Identität, Subjektivität der Wahrheit
• L'umorismo (1908): theoretisches Hauptwerk, sentimento del contrario
• Sei personaggi in cerca d'autore (1921): Theaterrevolution
• Enrico IV (1922): bewusste Wahl der Maske
• «Così è, se vi pare» – programmatischer Satz
Abitur-Tipp: Pirandello gehört zu den meistgeprüften Autoren im Italienisch-Abitur. Lerne den Begriff «sentimento del contrario» und das Beispiel der alten geschminkten Frau. Beim Drama «Sei personaggi» nicht vergessen: 1921, Skandal-Uraufführung. Verknüpfe immer mit dem Maske-Identitat-Thema und dem Nobelpreis 1934.