Das Pflichtthema Q3.1 fragt nach dem Verhältnis zwischen Individuum und Gesellschaft. „L'individuo è il punto di partenza, ma la società è il suo orizzonte.“ („Das Individuum ist der Ausgangspunkt, aber die Gesellschaft ist sein Horizont.“) Im Italien des 21. Jahrhunderts steht der Einzelne vor einem Spannungsfeld: Selbstverwirklichung versus soziale Verantwortung, Freiheit versus Pflicht, Individualismus versus Solidarität.
Schon die italienische Verfassung formuliert in Art. 2: „La Repubblica riconosce e garantisce i diritti inviolabili dell'uomo... e richiede l'adempimento dei doveri inderogabili di solidarietà politica, economica e sociale.“ („Die Republik erkennt und garantiert die unverletzlichen Rechte des Menschen... und fordert die Erfüllung der unverzichtbaren Pflichten politischer, wirtschaftlicher und sozialer Solidarität.“)
Junge Italiener stehen oft vor inneren Konflikten: bleiben oder auswandern? Karriere oder Familie? Anpassung oder Rebellion? Die generazione mille euro (Tausend-Euro-Generation, ein Begriff aus dem Roman von Antonio Incorvaia und Alessandro Rimassa, 2006) beschreibt junge Akademiker, die trotz hoher Qualifikation nur 1.000 Euro pro Monat verdienen.
Der Konflikt zwischen persönlichen Wünschen und gesellschaftlichen Erwartungen wird in vielen italienischen Werken thematisiert: in Pirandellos Romanen, in den Filmen von Nanni Moretti, im Werk Elena Ferrantes. „Chi sono io davvero?“ („Wer bin ich wirklich?“)
Italien ist ein Land voller Widersprüche: einerseits stark individualistisch, andererseits tief familien- und gemeinschaftsorientiert. Soziologen wie Giuseppe De Rita (Censis-Institut) sprechen von einer società egoego – einer Gesellschaft des verdoppelten Egos.
Doch es gibt auch eine starke Tradition der Solidarität: das volontariato (Ehrenamt) ist in Italien besonders ausgeprägt – rund 5 Millionen Italiener engagieren sich freiwillig in Vereinen wie Caritas, Croce Rossa, Emergency, Libera. Ihre Botschaft: „Nessuno si salva da solo.“ („Niemand rettet sich allein.“) – ein Satz, den Papst Franziskus während der Pandemie wiederholt benutzte.
Vokabeln:
l'individuo – das Individuum
la società – die Gesellschaft
la responsabilità – die Verantwortung
il dovere – die Pflicht
il diritto – das Recht
la libertà – die Freiheit
la solidarietà – die Solidarität
l'individualismo – der Individualismus
il conflitto – der Konflikt
l'identità – die Identität
l'impegno – das Engagement
la coscienza – das Gewissen
Italienische Beispiele individueller Verantwortung: Giovanni Falcone und Paolo Borsellino, die mafiabekämpfenden Richter, die 1992 ermordet wurden. „Gli uomini passano, le idee restano.“ („Die Menschen vergehen, die Ideen bleiben.“) – Falcone.
Don Luigi Ciotti, der 1995 die Antimafia-Organisation Libera gründete. Gino Strada (1948–2021), Chirurg und Gründer von Emergency (1994), der in Kriegsgebieten kostenlos operierte. Carola Rackete, die 2019 als Kapitänin der Sea-Watch 3 trotz Verbot in Lampedusa anlegte, um gerettete Migranten in Sicherheit zu bringen.
All diese Menschen zeigen: Individuelle Verantwortung kann gesellschaftliche Veränderung bewirken. „Una persona sola può cambiare il mondo.“ („Ein einzelner Mensch kann die Welt verändern.“)
Die Covid-19-Pandemie 2020/21 war eine harte Prüfung für die italienische Gesellschaft. Italien war das erste europäische Land, das einen vollständigen Lockdown verhängte (9. März 2020). Über 190.000 Tote forderte die Pandemie. Die Solidarität in den Wohnvierteln, das Singen auf den Balkonen, die Hilfe für Ältere zeigte: Italien kann gemeinsam handeln.
Gleichzeitig wurden die Konflikte zwischen individueller Freiheit (Impfgegner, „No-Vax“) und kollektiver Verantwortung (Maskenpflicht, Green Pass) sichtbar.
Zusammenfassung:
• Pflichtthema Q3.1: l'individuo nella società
• Costituzione Art. 2: Rechte und Solidaritätspflichten
• Generazione mille euro (2006): Konflikt junge Italiener
• Falcone, Borsellino, Don Ciotti, Gino Strada: Vorbilder
• Pandemie 2020/21: Prüfung der Solidarität
• „Nessuno si salva da solo“ (Papa Francesco)
Abitur-Tipp: Pflichtthema Q3.1. Lerne Art. 2 der Costituzione als Schlüsselzitat. Verbinde mit konkreten Personen (Falcone, Don Ciotti) und mit Pflichtthema norme e valori (Q3.5). Das Zitat „Nessuno si salva da solo“ ist universell einsetzbar.