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Italia contemporanea

Mailand, Skyline
Italien seit 1994 – Eine politische Achterbahn

Die Italia contemporanea beginnt 1994, als nach dem Korruptionsskandal Tangentopoli (1992–1994, „Schmiergeldstadt“) und der Operation Mani pulite (Saubere Hände) das alte Parteiensystem (DC, PSI) zusammenbrach. Eine ganze politische Klasse verschwand. „La Prima Repubblica è finita.“ („Die Erste Republik ist zu Ende.“) In das Vakuum trat ein Mann, den niemand erwartet hatte: Silvio Berlusconi.

Die Berlusconi-Ära (1994–2011)

Silvio Berlusconi (1936–2023), Medienunternehmer und Besitzer des Mailand-Konzerns Fininvest sowie der Fernsehsender Canale 5, Italia 1 und Rete 4, gründete 1994 die Partei Forza Italia. Innerhalb von 60 Tagen gewann er die Wahlen. Er wurde insgesamt viermal Ministerpräsident: 1994, 2001–2006, 2008–2011 und unterstützte spätere Regierungen.

Berlusconi prägte Italien wie kein anderer: ein populistischer Stil, Personalisierung der Politik, Skandale (bunga bunga, Prozesse wegen Steuerhinterziehung, Rubygate). „Forza Italia, forza Berlusconi.“ Seine Anhänger sahen in ihm einen Macher, seine Gegner einen Verfassungsgefährder. 2013 wurde er wegen Steuerbetrugs verurteilt und kurzzeitig aus dem Senat ausgeschlossen.

Die Krise 2008 und die Technokraten

Die Finanzkrise 2008 traf Italien hart. Die Staatsschulden stiegen auf über 130 % des BIP, der spread (Zinsabstand zu deutschen Anleihen) erreichte gefährliche Höhen. Im November 2011 trat Berlusconi unter dem Druck der Märkte zurück.

Präsident Giorgio Napolitano beauftragte den Wirtschaftsprofessor Mario Monti mit der Bildung einer technokratischen Regierung (2011–2013). Monti führte harte Sparmaßnahmen ein: Rentenreform (Riforma Fornero), Steuererhöhungen, Arbeitsmarktreform. „Lacrime e sangue.“ („Tränen und Blut.“) Diese Politik war notwendig, aber unpopulär.

Renzi, der Movimento 5 Stelle und Conte

Matteo Renzi (PD, geb. 1975), ehemaliger Bürgermeister von Florenz, wurde 2014 mit 39 Jahren der jüngste Ministerpräsident der italienischen Geschichte. Sein Programm: rottamazione (Verschrottung der alten politischen Klasse), Reformen, Optimismus. Doch sein Verfassungsreferendum 2016 scheiterte, und er trat zurück.

2018 gewann das Movimento 5 Stelle (5-Sterne-Bewegung) unter Beppe Grillo und Luigi Di Maio die Wahlen. Es bildete eine ungewöhnliche Koalition mit der rechten Lega von Salvini. Premier wurde der parteilose Jurist Giuseppe Conte (Conte I, 2018–2019, dann Conte II mit dem PD bis 2021).

Pandemie und Mario Draghi

Die Covid-19-Pandemie traf Italien als erstes europäisches Land hart. Im Februar 2020 wurden in der Lombardei die ersten Toten gemeldet, das Krankenhaus von Bergamo wurde Symbol der Tragödie. Italien hatte bis 2023 über 190.000 Tote. „Andrà tutto bene.“ („Alles wird gut werden.“) wurde zum Motto der Lockdowns.

Im Februar 2021 wurde der ehemalige EZB-Präsident Mario Draghi („Super Mario“) Premier einer breiten Einheitsregierung. Er hatte 2012 die Eurokrise mit dem Satz „Whatever it takes.“ beendet. Draghi handelte den europäischen Wiederaufbauplan PNRR (Piano Nazionale di Ripresa e Resilienza) aus: 191,5 Milliarden Euro für Italien – das größte Programm der EU-Geschichte.

Vokabeln:
il governo – die Regierung
il presidente del consiglio – der Ministerpräsident
la crisi – die Krise
la pandemia – die Pandemie
il debito pubblico – die Staatsschuld
la riforma – die Reform
l'elezione – die Wahl
il populismo – der Populismus
la destra / la sinistra – die Rechte / die Linke
il PNRR – der nationale Wiederaufbauplan
la ripresa – der Aufschwung
l'austerità – die Sparpolitik

Giorgia Meloni – Die erste Premierministerin

Im September 2022 gewann das rechtskonservative Bündnis aus Fratelli d'Italia (FdI), Lega und Forza Italia die Wahlen. Giorgia Meloni (geb. 1977, FdI) wurde am 22. Oktober 2022 die erste Frau in der Geschichte Italiens, die Ministerpräsidentin wurde. Ihre Partei hat ihre Wurzeln in der postfaschistischen MSI-Tradition, was international Sorgen auslöste.

Melonis Politik: harte Migrationslinie (Albanien-Abkommen 2023), Familien- und Geburtenpolitik, Kontinuität in der EU- und NATO-Politik (Unterstützung der Ukraine). „Io sono Giorgia, sono una donna, sono una madre, sono italiana, sono cristiana.“ („Ich bin Giorgia, ich bin eine Frau, ich bin eine Mutter, ich bin Italienerin, ich bin Christin.“) Ihre Regierung gilt als die stabilste seit Jahren.

Herausforderungen heute

Italien steht 2025 vor großen Herausforderungen: hohe Staatsschulden (rund 137 % des BIP), demographische Krise (Geburtenrate 1,2), Abwanderung junger Akademiker, Fachkräftemangel, Klimawandel (Po-Dürre, Hochwasser in der Emilia-Romagna 2023), Migration im Mittelmeer.

Gleichzeitig bleibt Italien ein G7-Mitglied, viertgrößte Volkswirtschaft der EU, ein Land mit gewaltigem Kulturerbe, Mode-, Auto- und Lebensmittelindustrie. „L'Italia è un Paese pieno di contraddizioni.“ („Italien ist ein Land voller Widersprüche.“)

Zusammenfassung:

• Tangentopoli 1992: Ende der Ersten Republik
• Berlusconi 1994–2011: viermal Premier, Forza Italia, Skandale
• Krise 2008/11: Monti als Technokrat
• Renzi 2014: jüngster Premier, Reformen, Rücktritt 2016
• Conte 2018–2021: Koalition M5S+Lega, dann M5S+PD
• Draghi 2021–2022: Pandemie, PNRR (191,5 Mrd. Euro)
• Meloni seit 2022: erste Premierministerin Italiens

Abitur-Tipp: Lerne die Reihenfolge der Premiers seit Berlusconi auswendig – das wird oft im mündlichen Abitur abgefragt. Verbinde Meloni mit dem Pflichtthema cambiamento dei ruoli (erste Frau im Amt). Das Datum 22. Oktober 2022 und die PNRR-Summe 191,5 Mrd. Euro sind Schlüsselzahlen.