Die Erklärung „Nostra Aetate“ („In unserer Zeit“) wurde am 28. Oktober 1965 vom II. Vatikanum verabschiedet. Sie ist mit nur fünf Artikeln das kürzeste Konzilsdokument – und doch eines der wichtigsten. Erstmals in der Kirchengeschichte erkennt eine Konzilserklärung den Wahrheits- und Heilsgehalt nichtchristlicher Religionen ausdrücklich an. NA 2: „Die katholische Kirche lehnt nichts von alldem ab, was in diesen Religionen wahr und heilig ist.“
Der Anstoß kam von Papst Johannes XXIII. selbst, der 1960 den jüdischen Historiker Jules Isaac empfangen hatte. Isaac legte ihm die „Lehre der Verachtung“ dar – jene christliche Tradition, die das Judentum über Jahrhunderte entwertet hatte. Johannes XXIII. beauftragte Kardinal Augustin Bea mit der Ausarbeitung. Ursprünglich war nur eine Erklärung über das Judentum geplant, das wuchs zur Erklärung über alle Religionen.
NA 2 anerkennt im Hinduismus die Sehnsucht nach dem göttlichen Geheimnis durch Mythen, philosophische Suche und asketische Praxis. Im Buddhismus wird die Erkenntnis der Vergänglichkeit und der Weg zur Befreiung gewürdigt. Diese Religionen sind Wege, auf denen Menschen ehrlich nach Antwort auf die letzten Fragen suchen.
NA 2 schließt mit dem zentralen Satz: „Mit aufrichtigem Ernst betrachtet sie [die Kirche] jene Handlungs- und Lebensweisen, jene Vorschriften und Lehren, die zwar in manchem von dem abweichen, was sie selbst für wahr hält und lehrt, doch nicht selten einen Strahl jener Wahrheit erkennen lassen, die alle Menschen erleuchtet.“
NA 3 widmet sich dem Islam: „Mit Hochachtung betrachtet die Kirche auch die Muslim, die den alleinigen Gott anbeten, den lebendigen und in sich seienden, barmherzigen und allmächtigen, den Schöpfer Himmels und der Erde.“ Die Erklärung ruft zur Überwindung historischer Konflikte auf und betont die gemeinsame Verehrung des einen Gottes Abrahams.
Der längste und wichtigste Artikel ist NA 4 über das Judentum. Hier vollzieht die Kirche eine historische Wende: „Da das Erbe, das sie [die Kirche] mit den Juden gemeinsam hat, so gross ist, beabsichtigt diese Heilige Synode, jene gegenseitige Kenntnis und Achtung zu fördern.“
Drei zentrale Aussagen:
1. Die Kirche kann ihre Wurzeln im Judentum nicht vergessen.
2. Die Kollektivschuld der Juden am Tod Jesu wird zurückgewiesen: „Was bei seinem Leiden geschehen ist, kann weder allen damals lebenden Juden ohne Unterschied noch den heutigen Juden zur Last gelegt werden.“
3. Die Kirche „beklagt alle Hassausbrüche, Verfolgungen und Manifestationen des Antisemitismus, die sich zu irgendeiner Zeit und von irgend jemandem gegen die Juden gerichtet haben.“
Damit beendete die katholische Kirche fast zweitausend Jahre „Lehre der Verachtung“. Später bestätigten Johannes Paul II. (Mainz 1980; Besuch der Synagoge Rom 1986) und Benedikt XVI. (Auschwitz 2006), dass der Bund Gottes mit Israel niemals widerrufen wurde.
NA 5 schließt mit der ethischen Konsequenz: Wer Gott Vater nennt und die Menschen nicht als Brüder und Schwestern behandelt, widerspricht sich selbst. Jede Diskriminierung wegen Rasse, Hautfarbe oder Religion wird verworfen.
Karl Rahner hat in seiner Theorie vom „anonymen Christen“ versucht, NA 2 systematisch zu deuten: Auch Menschen anderer Religionen können durch Gottes Gnade gerettet werden. Hans Küng hat in Projekt Weltethos (1990) die Idee der religiösen Suche nach gemeinsamen ethischen Werten weiterentwickelt. Papst Franziskus hat die NA-Linie in Fratelli Tutti (2020) um die Idee der Geschwisterlichkeit aller Menschen erweitert.
Fehler 1: NA als Relativismus deuten. NA bleibt überzeugt: Christus ist der „Weg, die Wahrheit und das Leben“.
Fehler 2: Die Bedeutung von NA 4 (Judentum) verkleinern. Es ist die historische Wende.
Fehler 3: Die Vorgeschichte (Jules Isaac, Johannes XXIII.) vergessen.
Zusammenfassung:
• 28. Oktober 1965, kürzeste Konzilserklärung
• NA 2: Wahrheitsgehalt anderer Religionen
• NA 3: Hochachtung vor Islam
• NA 4: keine Kollektivschuld der Juden, Verurteilung des Antisemitismus
• NA 5: allgemeine Brüderlichkeit
• Wirkung: Rahner (anonymer Christ), Küng (Weltethos), Franziskus
Abitur-Tipp: NA 2 („nichts ablehnen, was wahr und heilig ist“) und NA 4 (Antisemitismus-Verurteilung) sind die zwei zentralen Stellen. Lerne die Vorgeschichte mit Jules Isaac und Johannes XXIII. – das macht das Dokument lebendig. Verbinde mit Rahners „anonymem Christen“ (1961).