Am 15. Mai 1891 veröffentlichte Papst Leo XIII. (1810–1903, Papst seit 1878) die Enzyklika „Rerum Novarum“ („Von den neuen Dingen“). Sie gilt als Geburtsurkunde der katholischen Soziallehre. Der Hintergrund: Die Industrielle Revolution hatte in ganz Europa katastrophale Zustände erzeugt – lange Arbeitstage von 12–16 Stunden, Kinderarbeit, Hungerlöhne, Wohnungsnot, Frauenarbeit unter unmenschlichen Bedingungen. Die Arbeiterklasse war marginalisiert. Karl Marx hatte 1867 den ersten Band des Kapital veröffentlicht; die sozialistische Bewegung wuchs.
Leo XIII. nahm die „Arbeiterfrage“ ernst und positionierte die Kirche als Anwalt der Arbeiter – gegen sowohl den ungezügelten Liberalismus als auch den marxistischen Sozialismus.
Die Enzyklika hat eine doppelte Frontstellung:
1. Gegen den Sozialismus: Leo XIII. verteidigt das Privateigentum als Naturrecht. Der Mensch hat das Recht, durch seine Arbeit Eigentum zu erwerben und zu vererben. Die Abschaffung des Privateigentums (Marx) sei ungerecht und gegen die Natur des Menschen.
2. Gegen den Manchester-Liberalismus: Aber Leo XIII. verurteilt auch den ungebremsten Kapitalismus. Er fordert gerechten Lohn, Sonntagsruhe, Schutz der Frauen und Kinder, das Recht auf Bildung von Gewerkschaften (lat. collegia opificum) und staatlichen Eingriff dort, wo es um den Schutz der Schwachen geht.
Leo XIII. schreibt in RN 32: „Die Arbeit ist ein Mittel, sich den Lebensunterhalt zu verschaffen, ein notwendiges, ein heiliges, ein menschenwürdiges Mittel.“ Er stellt klar, dass der Mensch nicht eine blosse Ware ist, sondern Träger einer unverlierbaren Würde.
Zum gerechten Lohn (RN 45): „Es gibt aber ein Gebot der Gerechtigkeit, das höher steht als jede private Vereinbarung: Der Lohn dürfe nicht zu gering sein, damit der Arbeiter genügsam und sittsam leben kann.“
Zum Klassenkampf (RN 19): Die These vom unvermeidlichen Klassenkampf wird zurückgewiesen. Stattdessen plädiert die Enzyklika für Solidarität und Zusammenarbeit der Klassen.
Wichtige Vorläufer der Enzyklika waren die deutschen Sozialkatholiken: Wilhelm Emmanuel von Ketteler (1811–1877), Bischof von Mainz, hatte schon 1864 in Die Arbeiterfrage und das Christentum ähnliche Forderungen formuliert. Marx soll Ketteler „den genialsten Arbeiterführer Deutschlands“ genannt haben. Auch der französische Philosoph Frédéric Le Play und der englische Kardinal Henry Edward Manning haben Leo XIII. beeinflusst.
In Deutschland griff Adolf Kolping (1813–1865) mit seinen Gesellenvereinen die Bewegung auf. Später entstanden katholische Arbeiterbewegungen (KAB) und christliche Gewerkschaften.
RN war der Ausgangspunkt einer langen Reihe von Sozialenzykliken: Quadragesimo Anno (Pius XI., 1931), Mater et Magistra (Johannes XXIII., 1961), Pacem in Terris (1963), Populorum Progressio (Paul VI., 1967), Laborem Exercens (Johannes Paul II., 1981), Centesimus Annus (1991), Caritas in Veritate (Benedikt XVI., 2009), Laudato Si' (Franziskus, 2015), Fratelli Tutti (2020). RN wird in jeder dieser Folge-Enzykliken zitiert – das zeigt seine bleibende Bedeutung.
Fehler 1: RN als sozialistisch oder liberal einordnen. Es ist der katholische „dritte Weg“.
Fehler 2: Ketteler vergessen. Er ist der wichtigste deutsche Vorläufer.
Fehler 3: Das Datum 1891 verwechseln. Quadragesimo Anno 1931 ist der 40. Jahrestag.
Zusammenfassung:
• 15. Mai 1891, Papst Leo XIII.
• Geburtsurkunde der katholischen Soziallehre
• Doppelfront: gegen Sozialismus und Manchester-Liberalismus
• Privateigentum, gerechter Lohn, Gewerkschaften, Sonntagsruhe
• Vorläufer: Ketteler (1864), Manning, Le Play
• Beginn einer Reihe von Sozialenzykliken
Abitur-Tipp: Lerne das Datum 1891 und die zwei Frontstellungen (Sozialismus + Liberalismus). RN 32 (Arbeit ist heilig) und RN 45 (gerechter Lohn) sind Schlüsselzitate. Verbinde mit Ketteler 1864 und der Wirkungsgeschichte bis Franziskus 2020.