Am 15. Mai 1931 – exakt 40 Jahre nach Rerum Novarum – veröffentlichte Papst Pius XI. (1857–1939, Papst seit 1922) die Enzyklika „Quadragesimo Anno“ („Im 40. Jahr“). Der Hintergrund war dramatisch: Die Weltwirtschaftskrise von 1929 hatte Massenarbeitslosigkeit, Banken-Zusammenbrüche und politische Radikalisierung erzeugt. In Deutschland stand die NSDAP vor dem Durchbruch, in Italien herrschte der Faschismus, in der Sowjetunion der Stalinismus. Die kapitalistische Ordnung schien endgültig erschüttert.
Die Enzyklika nimmt diese Krise zum Anlass, die katholische Soziallehre weiterzuentwickeln. Hauptverfasser war der deutsche Jesuit Oswald von Nell-Breuning (1890–1991), der das Dokument im Geist der Solidarismus-Schule formulierte.
Die wichtigste Innovation von Quadragesimo Anno ist die klassische Formulierung des Subsidiaritätsprinzips (lat. subsidium = Hilfe) in QA 79:
„Wie dasjenige, was der Einzelmensch aus eigener Initiative und mit seinen eigenen Kräften leisten kann, ihm nicht entzogen und der Gesellschaftstätigkeit zugewiesen werden darf, so verstösst es gegen die Gerechtigkeit, das, was die kleineren und untergeordneten Gemeinwesen leisten und zum guten Ende führen können, für die weitere und übergeordnete Gemeinschaft in Anspruch zu nehmen.“
Auf den Punkt gebracht: Soviel Freiheit wie möglich, soviel Eingriff wie nötig. Die kleinere Einheit (Familie, Verein, Gemeinde) hat Vorrang. Die grössere Einheit (Staat) darf nur eingreifen, wenn die kleinere überfordert ist – und zwar als Hilfe, nicht als Bevormundung.
Das Subsidiaritätsprinzip wurde später in das Grundgesetz (Art. 28 GG) und in die EU-Verträge (Art. 5 EUV) aufgenommen. Es ist heute eines der wichtigsten Prinzipien der europäischen Politik.
QA betont neben Subsidiarität auch das Prinzip der Solidarität. Alle Menschen sind als Geschöpfe Gottes miteinander verbunden. Aus dieser Verbindung entsteht die Pflicht, sich füreinander einzusetzen. Wirtschaft darf nicht das Wohl Einzelner gegen das Wohl der Gemeinschaft stellen.
Das Gemeinwohl (bonum commune) wird als Ziel staatlichen Handelns definiert. Wirtschaftsordnungen müssen daran gemessen werden, ob sie dem Gemeinwohl dienen.
QA verurteilt den ungebremsten Kapitalismus schärfer als RN 1891. QA 109 spricht von einer „internationalen Diktatur des Geldes“ – ein bemerkenswert prophetisches Wort. Anonyme Finanzmärkte und Trusts werden als gefährlich beschrieben.
Auch der Sozialismus wird abgelehnt. QA stellt fest: „Sozialismus, ob er als Lehre, ob er als geschichtliche Erscheinung, ob er als ‘Bewegung’ betrachtet wird, [...] kann auch dann, wenn er der Wahrheit und Gerechtigkeit Zugeständnisse macht, mit dem Glauben der katholischen Kirche unvereinbar bleiben.“ (QA 117)
QA plädiert für eine berufständische Ordnung (ordo professionalis): Statt blossen Klassengegensatzes von Arbeitern und Unternehmern sollten beide in Ständen zusammenarbeiten. Diese Idee wurde später von autoritären Regimen (Italien, Portugal, Österreich 1934) missbraucht. Nell-Breuning selbst hat sich davon distanziert.
Oswald von Nell-Breuning SJ hat die Soziallehre über 60 Jahre lang geprägt. Sein Klassiker Baugesetze der Gesellschaft (1968) systematisiert Subsidiarität, Solidarität und Gemeinwohl. Auch Gustav Gundlach SJ war beteiligt.
Das Subsidiaritätsprinzip prägt heute nicht nur die katholische Soziallehre, sondern die gesamte Sozialphilosophie. Es ist Grundlage des deutschen Sozialstaats (Wohlfahrtsverbände wie Caritas, Diakonie, AWO arbeiten subsidiär).
Fehler 1: Subsidiarität als „weniger Staat“ missverstehen. Es geht um richtige Verteilung der Kompetenzen, nicht um Abbau.
Fehler 2: Berufständische Ordnung mit Faschismus gleichsetzen. Sie ist konzeptionell unabhängig.
Fehler 3: Nell-Breuning vergessen. Er ist der Hauptverfasser.
Zusammenfassung:
• 15. Mai 1931, Pius XI., Hauptverfasser Nell-Breuning
• QA 79: Subsidiaritätsprinzip
• Solidarität und Gemeinwohl
• QA 109: internationale Diktatur des Geldes
• Verurteilung von Kapitalismus und Sozialismus
• Wirkung: GG, EU-Verträge, deutscher Sozialstaat
Abitur-Tipp: Das Subsidiaritätsprinzip mit der Formel „soviel Freiheit wie möglich, soviel Eingriff wie nötig“ ist absolutes Pflichtwissen. QA 79 in Stichpunkten lernen. Verbinde mit Art. 5 EUV. Nell-Breunings Rolle nennen.