Die Befreiungstheologie (span. teología de la liberación) entstand in den 1960er und 1970er Jahren in Lateinamerika. Sie ist eine theologische Bewegung, die das Christentum konsequent aus der Sicht der Armen denkt. Ihre Grundthese: Gott steht auf der Seite der Armen, und die Theologie muss sich an die Seite der Armen stellen, um Gott zu erkennen.
Der Hintergrund war die katastrophale soziale Lage Lateinamerikas: Massenarmut, ungerechte Landverteilung, Militärdiktaturen, Strassenkinder. In dieser Situation reichten die traditionellen kirchlichen Antworten nicht mehr aus. Eine neue Generation von Priestern und Theologen entwickelte einen radikal neuen Zugang.
Als Gründungsdokument gilt das Buch des peruanischen Dominikaners Gustavo Gutiérrez (1928–2024) „Teología de la Liberación. Perspectivas“ (1971, dt. Theologie der Befreiung, 1973). Gutiérrez formuliert: „Theologie ist kritisches Nachdenken über die Praxis im Lichte des Wortes Gottes.“
Theologie ist also nicht abstrakte Spekulation, sondern Reflexion auf die christliche Praxis, insbesondere die Praxis der Solidarität mit den Armen. Daraus ergibt sich der berühmte Begriff der „Option für die Armen“ (span. opción preferencial por los pobres): Gott hat eine bevorzugte Liebe zu den Armen, und die Kirche muss sich daran orientieren.
Die offizielle lateinamerikanische Bischofskonferenz CELAM bekannte sich auf ihrer zweiten Vollversammlung in Medellín (Kolumbien, 1968) erstmals zur Option für die Armen. Die Schlussdokumente sprechen von „institutionalisierter Gewalt“ als Ursache der Armut.
1979 in Puebla (Mexiko) wurde die opción preferencial por los pobres noch einmal bekräftigt. Papst Johannes Paul II. nahm an dieser Versammlung teil und unterstützte den Begriff – allerdings mit Vorbehalt gegenüber der marxistischen Analyse.
Leonardo Boff (geb. 1938), brasilianischer Franziskaner, schrieb Kirche, Charisma und Macht (1981). Wegen seiner Kirchenkritik wurde er 1985 von der Glaubenskongregation unter Joseph Ratzinger zu einem Jahr Schweigen verurteilt. 1992 trat er aus dem Orden aus.
Jon Sobrino SJ (geb. 1938), El Salvador, entwickelte eine Christologie aus der Perspektive der Opfer: Christologie der Befreiung (1991).
Juan Luis Segundo SJ (1925–1996), Uruguay, methodisch besonders rigoros: Teología abierta para el laico adulto (1968–1972).
Clodovis Boff (geb. 1944), Bruder von Leonardo, hat sich später von der bef. Theologie distanziert.
Erzbischof Oscar Romero (1917–1980) von San Salvador wurde am 24. März 1980 während einer Messe am Altar erschossen. Er hatte am Tag zuvor in einer Predigt die Soldaten des Militärs zum Ungehorsam aufgerufen: „Im Namen Gottes und im Namen dieses leidenden Volkes [...] bitte ich euch, ich flehe euch an, ich befehle euch im Namen Gottes: Hört auf mit der Unterdrückung!“
Romero ist die berühmteste Figur der Bewegung. Er wurde 2018 von Papst Franziskus heiliggesprochen.
Das Lehramt hat ein zwiespältiges Verhältnis zur Befreiungstheologie. Joseph Ratzinger veröffentlichte 1984 die Instruktion Libertatis Nuntius, die vor „marxistischen Elementen“ in der Befreiungstheologie warnte. 1986 folgte Libertatis Conscientia, die die positiven Anliegen anerkannte.
Mit Papst Franziskus (seit 2013) ist die opción por los pobres wieder voll im katholischen Mainstream. Evangelii Gaudium (2013) und Laudato Si' (2015) tragen die Handschrift einer reflektierten Befreiungstheologie. Franziskus selbst hat Gutiérrez im Vatikan empfangen.
Fehler 1: Befreiungstheologie mit Marxismus identifizieren. Sie nutzt Elemente der Marxschen Analyse, ist aber theologisch.
Fehler 2: Romero und Gutiérrez verwechseln. Romero ist Erzbischof, Gutiérrez Theologe.
Fehler 3: Die Anerkennung durch Franziskus übergehen.
Zusammenfassung:
• Gutiérrez 1971: Teología de la Liberación
• Medellín 1968, Puebla 1979
• opción preferencial por los pobres
• Theologen: Boff, Sobrino, Segundo
• Oscar Romero (1917–1980), heiliggesprochen 2018
• Lehramt: Ratzinger 1984/1986, Franziskus seit 2013
Abitur-Tipp: Lerne Gutiérrez' Definition („Theologie ist kritisches Nachdenken über die Praxis“) und die opción por los pobres. Romeros letztes Wort am 23. März 1980 ist ein Klassiker. Der Bogen Medellín 1968 – Ratzinger 1984 – Franziskus 2013 zeigt die katholische Entwicklung.