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Reformation: Luthers 95 Thesen, Worms 1521 und die Confessio Augustana

Lucas Cranach d.Ä. – Martin Luther 1528
Vorgeschichte: Spätmittelalterliche Krise der Kirche

Die Reformation des 16. Jahrhunderts ist die folgenreichste Bewegung der christlichen Kirchengeschichte. Sie spaltete die abendländische Kirche in eine katholische und evangelische Tradition und veränderte Theologie, Politik und Kultur Europas grundlegend. Ihr Auslöser war die religiöse und kirchliche Krise des Spätmittelalters: Ablasshandel, Ämterkauf (Simonie), Konzilsstreit, Avignon-Papsttum, Vorreformatoren wie John Wyclif (gest. 1384) und Jan Hus (1369–1415, in Konstanz verbrannt) hatten längst Reformbedarf signalisiert.

Konkreter Anlass war der Ablasshandel des Dominikaners Johann Tetzel im Auftrag des Erzbischofs Albrecht von Mainz, dessen Erlöse den Bau des Petersdoms in Rom mitfinanzieren sollten. Tetzels (vermutlich legendärer) Werbespruch lautete: „Sobald das Geld im Kasten klingt, die Seele aus dem Fegefeuer springt.“ Diese Vorstellung – man könne sich Vergebung erkaufen – widersprach Luthers reformatorischer Erkenntnis radikal.

Die 95 Thesen vom 31. Oktober 1517

Am Vorabend von Allerheiligen 1517 veröffentlichte Martin Luther (1483–1546), Augustinermönch und Professor für Bibelauslegung in Wittenberg, seine Disputatio pro declaratione virtutis indulgentiarum – 95 lateinische Sätze gegen den Ablass. Ob sie tatsächlich an die Schlosskirchentür geschlagen oder – wie Erwin Iserloh argumentierte – nur als Brief an Erzbischof Albrecht versandt wurden, ist umstritten. Unstrittig ist ihre Wirkung: Innerhalb weniger Wochen waren sie deutschlandweit verbreitet.

Die zentralen Aussagen lauten: These 1: „Da unser Herr und Meister Jesus Christus spricht: ‘Tut Buße’, will er, daß das ganze Leben der Gläubigen Buße sei.“ These 36: „Jeder Christ, der wahrhaft bereut, hat Anrecht auf völligen Erlass von Strafe und Schuld, auch ohne Ablassbrief.“ These 62: „Der wahre Schatz der Kirche ist das allerheiligste Evangelium der Herrlichkeit und Gnade Gottes.“ (Luther, 95 Thesen, 1517) Damit war der Ablasshandel theologisch erledigt: Wenn Buße ein Lebensvollzug ist und Vergebung allein in der Gnade Gottes wurzelt, kann sie nicht gekauft werden.

Reichstag zu Worms 1521 – „Hier stehe ich“

1520 verfällt Luther dem Bann (Bulle Exsurge Domine). Im April 1521 wird er vor den Reichstag zu Worms zitiert, wo Kaiser Karl V. den Vorsitz führt. Luther wird gefragt, ob er widerrufe. Nach einem Tag Bedenkzeit antwortet er: „Wenn ich nicht durch Zeugnisse der Schrift und klare Vernunftgründe überzeugt werde – denn allein dem Papst und den Konzilien glaube ich nicht, da es feststeht, dass sie sich oft geirrt und sich selbst widersprochen haben –, so bin ich durch die Stellen der heiligen Schrift überwunden, die ich angeführt habe, und mein Gewissen ist in Gottes Wort gefangen. Widerrufen kann ich nichts und will ich nichts, weil es weder sicher noch geraten ist, etwas gegen das Gewissen zu tun.“ (Luther in Worms, 18. April 1521) Der bekannte Zusatz „Hier stehe ich, ich kann nicht anders“ ist spätere Legende, aber inhaltlich treffend.

Karl V. verhängt das Wormser Edikt: Reichsacht. Luther wird vogelfrei, von Friedrich dem Weisen aber zum Schein entführt und auf der Wartburg versteckt, wo er in nur elf Wochen das Neue Testament ins Deutsche übersetzt (September-Testament 1522).

Confessio Augustana 1530

Die Confessio Augustana (Augsburger Bekenntnis), auf dem Reichstag zu Augsburg am 25. Juni 1530 in lateinischer und deutscher Sprache verlesen, ist die grundlegende Bekenntnisschrift der lutherischen Kirchen. Verfasst hat sie Philipp Melanchthon (1497–1560), Luthers gelehrter Mitstreiter; sie sollte die theologische Differenz mit Rom moderat formulieren und politisch eine Reichseinheit ermöglichen. Die 28 Artikel umfassen die wichtigsten Lehrstücke: Trinität, Erbsünde, Christologie, Rechtfertigungsartikel (Art. 4: „Sie lehren, dass die Menschen nicht aus eigener Kraft, durch Verdienste oder Werke vor Gott gerecht werden können, sondern dass sie ohne Verdienst aus Gnaden um Christi willen durch den Glauben gerechtfertigt werden.“), Sakramentslehre, Kirchenverständnis. Der Augsburger Religionsfrieden 1555 (cuius regio, eius religio) machte das CA-Bekenntnis reichsrechtlich anerkannt.

Theologische Kernanliegen der Reformation

Die reformatorische Theologie lässt sich in den vier Sola-Prinzipien zusammenfassen: Sola scriptura (allein die Schrift) – nicht Tradition oder Lehramt, sondern die Bibel ist letzte Norm. Sola gratia (allein die Gnade) – Heil ist Gottes ungeschuldetes Geschenk. Sola fide (allein der Glaube) – nicht Werke, sondern das Vertrauen des Herzens rechtfertigt. Solus Christus (allein Christus) – kein Heiliger, kein Papst, keine Heilsanstalt vermittelt zwischen Gott und Mensch, nur der Gekreuzigte. Hinzu kommt die Lehre vom allgemeinen Priestertum aller Gläubigen, die Luther in An den christlichen Adel deutscher Nation (1520) entwickelt: „Was aus der Taufe gekrochen ist, das mag sich rühmen, dass es schon Priester, Bischof und Papst geweiht sei.“

Folgen der Reformation

Politisch führte die Reformation zu Bauernkrieg (1525), Schmalkaldischem Krieg (1546–1547) und schließlich zum Dreißigjährigen Krieg (1618–1648). Kulturell bewirkte sie die Alphabetisierung breiter Schichten, die Entstehung der hochdeutschen Schriftsprache, eine Aufwertung von Ehe und Familie (Luthers eigene Heirat 1525 mit Katharina von Bora) und einen reformierten Gottesdienst in der Landessprache. Theologisch hat sie das Christentum dauerhaft pluralisiert: lutherisch, reformiert (Calvin, Zürich), anglikanisch, später auch täuferische und freikirchliche Strömungen.

Abitur-Tipp: Die drei Schlüsseldaten 1517 (95 Thesen), 1521 (Worms) und 1530 (Confessio Augustana) musst du sicher kennen. Lerne die vier Sola-Prinzipien wörtlich. Wenn dir ein Quellentext zum Rechtfertigungsartikel gegeben wird, kannst du ihn fast immer auf CA Art. 4 beziehen. Verknüpfe die Reformation mit Bonhoeffers „billiger und teurer Gnade“ – das zeigt theologische Tiefe.