Bibliothek

Fach wählen

Themen

Bekennende Kirche und Barmer Theologische Erklärung 1934

Dietrich Bonhoeffer 1939
Der Kirchenkampf 1933–1945

Mit der Machtergreifung Adolf Hitlers am 30. Januar 1933 begann auch in den evangelischen Kirchen Deutschlands ein Kirchenkampf, der bis 1945 andauerte. Die nationalsozialistisch gesonnenen „Deutschen Christen“ (DC), gegründet 1932 unter Joachim Hossenfelder, wollten eine an Volk, Rasse und Führertum ausgerichtete „arteigene“ Kirche schaffen. Sie forderten die Streichung des Alten Testaments aus dem Kanon, lehnten den jüdischen Apostel Paulus ab und feierten Jesus als „arischen Helden“. Bei den Kirchenwahlen vom 23. Juli 1933 erreichten sie eine Mehrheit und installierten Ludwig Müller als „Reichsbischof“.

Im November 1933 hielten die DC in Berlin im Sportpalast eine Kundgebung mit 20.000 Teilnehmern, auf der Reinhold Krause forderte: „Befreiung vom Alten Testament mit seiner jüdischen Lohnmoral, von diesen Viehhändler- und Zuhältergeschichten.“ Diese Provokation rüttelte viele Pfarrer wach.

Pfarrernotbund und Bekennende Kirche

Im September 1933 gründete der Berliner Pfarrer Martin Niemöller (1892–1984), ehemaliger U-Boot-Kommandant, den Pfarrernotbund, der bis Jahresende rund 7.000 Mitglieder zählte. Anlass war die Anwendung des „Arierparagraphen“ auf die Kirche – plötzlich sollten Pfarrer mit jüdischen Vorfahren entlassen werden. Aus dem Pfarrernotbund entstand 1934 die Bekennende Kirche (BK) als Sammlungsbewegung des kirchlichen Widerstands. Sie verstand sich nicht als neue Konfession, sondern als die wahre evangelische Kirche in Deutschland gegenüber der gleichgeschalteten „Reichskirche“.

Die Bekenntnissynode von Barmen

Vom 29. bis 31. Mai 1934 tagte in Barmen-Gemarke (heute Wuppertal) die erste Bekenntnissynode der Deutschen Evangelischen Kirche. 139 Delegierte aus 18 Landeskirchen verabschiedeten einstimmig die Barmer Theologische Erklärung, deren wesentliche Form auf den reformierten Schweizer Theologen Karl Barth (1886–1968) zurückgeht. Barth schrieb den Text in einem Hotelzimmer in Frankfurt am Main, während Hans Asmussen (lutherisch) und Thomas Breit (uniert) Korrekturvorschläge beisteuerten.

Die sechs Thesen von Barmen

Die Barmer Erklärung umfasst sechs Thesen, die jeweils mit einem Bibelwort, einer positiven Aussage und einer Verwerfung der Irrlehre aufgebaut sind. Die wichtigste ist die 1. These:

„Jesus Christus, wie er uns in der Heiligen Schrift bezeugt wird, ist das eine Wort Gottes, das wir zu hören, dem wir im Leben und im Sterben zu vertrauen und zu gehorchen haben. Wir verwerfen die falsche Lehre, als könne und müsse die Kirche als Quelle ihrer Verkündigung außer und neben diesem einen Worte Gottes auch noch andere Ereignisse und Mächte, Gestalten und Wahrheiten als Gottes Offenbarung anerkennen.“ (Barmer Theologische Erklärung, These 1, 1934)

Damit war die nationalsozialistische Berufung auf „Volk, Blut und Führer“ als zusätzliche Offenbarungsquelle theologisch verworfen. Die 2. These schließt an: „Wie Jesus Christus Gottes Zuspruch der Vergebung aller unserer Sünden ist, so ist er mit gleichem Ernst auch Gottes kräftiger Anspruch auf unser ganzes Leben.“ Es gibt keinen Lebensbereich, der nicht Christus gehört – auch nicht die Politik. Die 5. These grenzt Staat und Kirche voneinander ab: Der Staat hat die Aufgabe, für Recht und Frieden zu sorgen, darf aber nicht zur einzigen totalen Lebensordnung werden.

Wirkung und Grenzen

Die Bekennende Kirche war kein politischer Widerstand im Vollsinn. Ihr Hauptanliegen war die Reinheit der Verkündigung, nicht der Sturz des Regimes. Trotzdem geriet sie zunehmend in Konflikt mit dem Staat: Niemöller wurde 1937 verhaftet und blieb bis 1945 als „persönlicher Gefangener des Führers“ in den KZ Sachsenhausen und Dachau. Bonhoeffer leitete das illegale Predigerseminar in Finkenwalde (1935–1937, dann illegal weitergeführt). Die judenchristliche Frage blieb der wundeste Punkt: Die BK verteidigte zwar getaufte „Judenchristen“, schwieg aber überwiegend zur Verfolgung der jüdischen Bevölkerung. Bonhoeffers Wort von 1933 ist deshalb so wichtig: „Nur wer für die Juden schreit, darf auch gregorianisch singen.“ (Bonhoeffer, 1935 zugeschrieben)

Stuttgarter Schuldbekenntnis 1945

Nach Kriegsende verabschiedete der Rat der EKD am 19. Oktober 1945 das Stuttgarter Schuldbekenntnis: „Wir klagen uns an, dass wir nicht mutiger bekannt, nicht treuer gebetet, nicht fröhlicher geglaubt und nicht brennender geliebt haben.“ (Stuttgarter Schuldbekenntnis, 1945) Damit anerkannte die deutsche evangelische Kirche ein erstes Mal öffentlich ihre Mitschuld an den Verbrechen des Nationalsozialismus – ein wichtiges Dokument, das die Versöhnung mit den ökumenischen Partnern und später mit dem Judentum ermöglichte (Rheinische Synode 1980).

Abitur-Tipp: Die 1. Barmer These mit dem „einen Wort Gottes“ ist Pflichtwissen – lerne sie möglichst wörtlich. Verknüpfe Barmen mit Karl Barths Dialektischer Theologie und mit Bonhoeffers Biografie (Finkenwalde, Widerstand). Diskutiere kritisch: War die BK wirklich Widerstand, oder eher kirchlicher Selbstschutz? Die judenchristliche Lücke gehört zur ehrlichen Bewertung dazu.